Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 595 - Lur Gtlchichte der ilrarlitilchen Wilitsrlerllorse in Drutlchland und Seltrrreich. Zugleich Erinnerungen aus meiner 42 jährigen Tätigkeit als Militärseelsorger. Von k. k. Professor Dr. Alex. Kisch, Rabbiner der Israelitischen Gemeinde in Prag, k. k. Subsidiarseelsorger der Garnison Prag, früher k. k. Feldrabbiner i. d. R. (Schluß.) er Gedanke, für die S e e l s 0 r g e bei den Juden zu sorgen, lag dem preußischen Mobilisierungsplane vollständig fern. Hatte ja der preußische Staat auch in keiner Hinsicht für die zivilen geistlichen Einrichtungen des Judentums eine organische Fürsorge vorgesehen. Die Evidenthaltung der Geburten und Todesfälle, die staatsgültige Aufbietung und Trauung, die bei den christlichen Konfessionen in Preußen in die Hände der Seelsorger gelegt war, waren schon lange vor der Einführung der allgemeinen Zivilstandesämter in Deutschland für die Juden einer eigenen Abteilung des Gerichtes anvertrant und den Rabbinern unter strenger Strafe verboten, in diese Angelegenheiten einzugreifen, ehe der zivile Akt geschlossen und beurkundet war. Aus Bevorzugung der Juden war natürlich diese Fürsorge der zivilen Aemter für sie nicht hervorgegangen, sondern aus Mangel an staatlich anerkannten religiösen Amtspersonen bei den Juden und aus der dennoch bestehenden Notwendigkeit, legal beglaubigte Standesregister auch bei diesen für die Militärlisten, Erbschaften usw. zu besitzen. Also auch 1870 zogen die deutschen Heere ohne Feldräbbiner oder Männer, die deren Obliegenheiten im Felde, z. B. in Spitälern, aus den Schlachtfeldern oder an den höchsten Festtagen durch Veranstaltung von Gottesdiensten, versehen hätten, ins Feld. Da holte einige Wochen nach Beginn des Krieges mit Frankreich der Hörer des Jüdisch-theologischen Seminars in Breslau Herr Dr. Isaak Blumenstein ans Merchingen im Eroßherzogtum Baden, geboren 1843, Rabbiner in Luxemburg 1872, gestorben daselbst 1903, die Bewilligung des Herrn Generals v. Manteusfel ein, sich zur Belagevungsarmee von Metz begeben und dort die jüdischen Soldaten mit geistlichem Tröste und gottesdienstlicher Fürsorge versehen zu dürfen. Die Bewilligung wurde ihm vou Sr. Exzellenz in zuvorkommender Weise erteilt, und die Art und Weise sowie der feine Takt, mit dem Herr Dr. Blumenstein der Aufgabe, die er sich selbst freiwillig gestellt hatte, zur vollsten Zufriedenheit der militärischen Oberen erledigte, waren damals der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Wie er vor Metz an den Neujahrstagen und dem Versöhnungstage 1870 mit Erfolg lehrte und den Gottesdienst leitete, war Gegenstand vieler Darstellungen in Zeitschriften in Wort und Bild. Eine Thorarolle und Gebetmäntel wurden nach damaligen Berichten aus einer kleinen jüdischen Gemeinde in der Nähe requiriert und Herrn Dr. Blumenstein der Zutritt zu den Schlachtfeldern und Spitälern behufs Ausübung seiner geistlichen Tätigkeit gern gestattet. Dr. Blumenstein, der ein liebenswürdiger, hübscher und angenehmer junger Mann war, hatte bei seinen Reisen von einem Feldspital ins andere Gelegenheit, dem Generalfeldmarschall Karl Friedrich v. Steinmetz einen wesentlichen Dienst zu leisten (durch Auffindung seines vermißten, schwerverwundeten Sohnes) und wurde hierdurch und durch die Gunst des mächtigen Feldherrn in seinen uneigennützigen Bemühungen um seine Glaubensbrüder im Heere sehr gefördert. Wohlverdient war daher nach dem Gesagten seine Auszeichnung durch Verleihung des Eisernen Kreuzes. Die Notiz, welche zu Anfang des jetzigen Krieges durch die Zeitungen ging, daß diese Auszeichnung eines Feldrabbiners im jetzigen Weltkriege die erste Verleihung des Eisernen Kreuzes an einen jüdischen Feldgeistlichen sei, ist daher hiernach zu berichtigen. Im selben Feldzuge faßten, wie das Programm des Jüdischtheologischen Seminars in Breslau von 1871, S. I und II, berichtet, zwei seiner Hörer, Herr Dr. Adolph Lewin, geboren 1843 in Pinne in Posen, später langjähriger Rabbiner in Koblenz a. Rh. und in Freiburg i. B., gestorben daselbst 24. Februar 1910, der bekannte Geschichtsschreiber der Juden im Großherzogtum Baden-), und Dr. I. Guttmann aus Beuchen (O.-Schl.), Rabbiner, später Landrabbiner in Hildesheim, Rabbiner in Breslau, Präsident des Rabbinerverbandes in Deutschland, Vizepräsident der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Königl. Professor usw., an dessen Stelle später Herr Dr. Benjamin Rippner aus Lissa in Preußen, später Rabbiner in Großglogau, trat, den Entschluß, ihren Brüdern in den Kampf zu folgen, um ihnen mit dem Worte der Religion zur Seite zu stehen, was sic Sr. Exzellenz dem Herrn Kultusminister kundgaben. „Hingebung für Glaube und Vaterland", fügt Dr. Zacharias Frankel in dem betreffenden Jahresbericht des Breslauer Jüdisch-theologischen Seminars von 1871 hinzu, „in ihr gipfeln die Bestrebungen des Seminars." Obzwar die Herren nach Beendigung des Feldzuges die Kriegsmedaille am schivarz-weiß-roten Bande in Stahl für Nichtkombattanten und bei der Zentenarfeier Kaiser Wilhelm I. die Wilhelms-Medaille am gelben Bande zugesprochen bekamen, ihre Beteiligung am Feldzuge also nachträglich eine gewisse offizielle Sanktion erhielt, waren sie doch weder uniformiert, noch besoldet, noch einer gewissen militärischen Rangklasse zugewiesen. Ihre Zulassung jedoch, insbesondere die Anerkennung, die dem Dr. Blumenstein durch Verleihung des Eisernen Kreuzes II. Klasse zuteil wurde, war bereits ein bedeutender Fortschritt und ließ für kommende Feldzüge für die Schaffung einer Militärseelsorge in Deutschland das Beste hoffen. Denn, wenn irgendwo, so gilt das „kiumquam rotrorsum" in allen Konsequenzen und mit vollem Sinne inr deutschen Heere. Zunächst waren dem Deutschen Reiche 42 glückliche Jahre des Friedens beschieden. Diese wurden zur Äusbauung und Vervollkommnung der Heeres- und Mobilisationseinrichtungen genutzt, aber mir ist leider nicht bekannt, daß in den in dieser Zeit erschienenen Wehrvorschriften irgendeine Bestimmung der Fürsorge für die jüdischen Mannschaften in bezug auf die geistliche Versorgung getroffen worden wäre. In Oesterreich-Ungarn hat man, wie in allen größeren Staaten Europas, aus dem ganz überrascht gekommenen, unglaublich raschen Siege des kleinen Preußen über das vereinigte deutsche und österreichische Heer gelernt, daß die Berufssoldaten gegenüber einem aus der allgemeinen Wehrpflicht hervorgegangenen Volksheere, selbst bei kürzerer (dreijähriger) Dienstzeit, im Nachteil sind, und man begann die preußischen Grundzüge der Heeres- und Ergänzungsorganisation zur Grundlage der vollständigen Umgestaltung der Streitmacht und ihrer automatischen Wiedergeburt zu machen. Die 1869 erschienene österreichische Wehrordnung hob die bis dahin bestandene allgemeine Militärbcfreiung der Universitätsstudierenden —• und darunter auch der Theologen — aus. Sie machte, da die Theologen (aller Konfessionen) mit ") Sein einziger Sohn, Dr. Isar, richterlicher Beamter im Kroßherzogtmn Baden, ein hochbegabter junger Mann, der ein umfangreiches Werk über die talmudischc Chasaka und ihr Verhältnis zur deutschrechtlichen Gewöre geschrieben hat, fiel gleich im ersten Jahre des Krieges ans dem Felde der Ehre in Frankreich.