Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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594 Um die Jahrhundertwende univbe Eschelbacher nach Berlin berufen. Eine vielfach hervorgetretene konservative Strömung in der Gemeinde beanspruchte eine Vertretung im Rabbinat. Zum ersteinnah seitdem die Gemeinde Rabbiner mit moderner Bildung Mahlte, wurde die Berechtigung einer , solchen Scheidung anerkannt; insofern bedeutet sein Eintritt in das Rabbinat einen geschichtlichen Wendepunkt im Leben unserer Gemeinde. Es war eine bedeutsame Aufgabe, die Eschelbacher übernahm; unsere Gemeinde darf es als Segen betrachten, daß sie einem Manne von seiner Selbstlosigkeit und Friedfertigkeit übertragen wurde. Man kann nicht sagen, daß diejenigen, welche in der Gemeindevertretung seine Richtung zu unterstützen berufen waren, ihm durch ihr Leben und Denken die Aufgabe sehr erleichtert haben. Es war auch für einen Mann mit einer langen süddeutschen Wirksamkeit hart, sich mit einem Male der ganzen Rechtlosigkeil des Rabbiners in einer preußischen Gemeinde gcgenüberzusehen. Die Verhältnisse waren ihm nicht besonders günstig, was er erreicht hat, mußte er sich aus eigener Kraft erarbeiten; sein ernster, lauterer Wille, seine Ueberzeugungstreue, seine sachliche Beharrlichkeit haben allmählich dem auf dem Boden der Ueberlieferung stehenden Teile der Gemeinde fortschreitende Anerkennung errungen. Und das alles, ohne daß der Friede der Gemeinde gestört, die Gleichberechtigung der verschiedenen Richtungen in Frage gestellt worden wäre! Das ist ein unvergängliches Verdienst Eschelbachers, darum soll die ganze Gemeinde an seinem frischen Grabe die alte Klage anstimmen: „Wehe um den Frommen, wehe uni den Sanftmütigen, wehe um den Jünger Hillcls!" Eschelbacher wuchs mit seinen größeren Zwecken. Er blieb auch in der Weltstadt der Pflichttreue Rabbiner, der eifrige Lehrer, der er im kleineren Wirkungskreise gewesen war; er wurde der teilnehmende Seelsorger der neuen viemeindc, die er um sich scharte. Aber darüber hinaus leistete er der G e s a m t g e m e i n d e unendlich viel durch seine vielseitige soziale Wirksamkeit. Gutes zu tun war ihm eine selbstverständliche Pflicht, sein Herz war gütig und liebevoll; es gehörte zu seiner Natur, den Arnien und Gedrückten, den Bedürftigen jeder Art zu helfen. Er war nicht nur Lehrer, sondern auch Priester reiner Menschenliebe, erfüllt von der sozialen Gesinnung unserer Zeit, der wir so viele segensreiche Schöpfungen verdanken. So hat er an der Liebeslätigkeii in unserer Gemeinde aufs e i f r i g st e mitgewirkt, zahlreich sind die Vereine und Institute, die den Verlust des treuen Helfers und Beraters beklagen. Und in diesem Zusammenhang dürfen wir es nicht unterlassen, der wertvollen Mitarbeit seiner unvergleichlichen Gattin zu gedenken, die Gott uns lange erhalten möge! Wie innerhalb unserer Gemeinde, so betätigte sich Eschelbacher für die Interessen des gesamten deutschen Judentums. Ex war Mitglied des Vorstandes des Rabbinerverbandes in Deutschland, den er, seit Mahbaums Rücktritt, bei den sehr wichtigen Verhandlungen in der Residenz vertrat. Er Rabbiner Dr. Josef Eschelbacher. gehörte dem Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden an und hat dort bei der Beratung religiöser Fragen ein gewichtiges Wort gesprochen, auch -den ersten Plan für die apologetischen Arbeiten des Verbandes entworfen. Damit berühren wir das Gebiet der literarischen Betätigung Eschelbachers, die ebenfalls zum überwiegenden Teil in seine Berliner Zeit fällt. Als er hierher berufen wurde, stand die Gemeinde unter dem niederdrückenden Eindruck des Vorstoßes von Babel gegen Bibel, unter der Verwirrung durch Harnacks Vorlesungen über das Wesen des Christentums. Da >var es der Verklärte, der vor einem erlesenen Kreise von Gebildeten in einer Reihe von Vorträgen diese Fragen behandelte und den Mut der Gemeinde wieder belebte. Aus diesen Vorträgen ist sein Buch über „Das Judentum und das Wesen des Christentums" hervorgegangen, das rasch in zweiter Auflage erschien und bei Nichtjuden ebenso wie bei Juden wegen seiner Sachlichkeit und Gründlichkeit in hohem Maße Anerkennung fand. Aehnliche Fragen berührt die Schrift „Das Judentum im Urteil der modernen protestantischen Theologie". Gleichen Ursprung haben die Studien über die Entstehung der paulinischen Theologie, über die der Verklärte noch manches zu sagen hatte. In den letzten Jahren hatte sich seine Aufmerksamkeit einem anderen Gebiete zugewandt, das mit seiner amtlichen Tätigkeit in engem Zusammenhänge stand. Znm hundertsten Geburtstage Michael Sachs' schrieb er in pietätvoller Gesinnung ein Lebensbild dieses hervorragendsten Predigers, der auf der von ihm innegehabten Kanzel gestanden. Und zum zweihnndertjährigen Bestehen der Alten Synagoge verfaßte er im Aufträge der Gemeinde eine Geschichte des ehrwürdigen Gotteshauses, an dem er mit der ganzen Innigkeit seines Herzens hing; es war ihm nicht gegönnt, das Werk zu vollenden, in dem er mit so viel Liebe das Werden und Wachsen der ersten Gemeinde unseres Vaterlandes darzustellen beabsichtigte, aber er fördern, daß sein Erscheinen nicht braucht. Es wird als teures konnte es so weit aufgegeben zu werden Vermächtnis den Namen des Verklärten in der Gemeinde erhalten. Suchen wir nach einem zusammenfassenden Worte für die Wirksamkeit Josef Eschelbachers, so dürfen wir es in dem Ausspruch der Liebe finden, den der morgige Schristabschnitt dem biblischen Joseph in den Mund legt: „Meine Brüder suche, ich". Seine Brüder im Glauben suchte er, die Vergangenen, in deren Geist er fortzuleben strebte, die Gegenwärtigen, die er zu belehren. für die Sache des Judentums zu begeistern sich bemühte. Er ging die Straße, die sein Gewissen ihm zur Pflicht machte, aber er wußte, daß es auch andere Wege zum Ziele gab, und wollte niemand missen, den er dem Ziele naherzubringen vermochte; ein echter Jünger Arons, „der den Frieden liebte, dem Frieden nachstrebte, der die Menschen liebte und sie der Lehre Gottes zuführte". Sj? Wehe uns, daß wir ihn verloren haben, den wir nie vergessen können! I. Elb ogen.