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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-15 · Heft 50 (15.12.1916) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 50 (15.12.1916)
Date
1916-12-15
Page
Seite 593 (sequence 5)
Language
German
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.ftultu§t)eiTtnen mit eigenen Einrichtungen und Rabbinern gewährt, welche die gleichen öffentlichen Rechte wie die Gemeinderabbiner und die offiziellen Gemeindeeinrichtungen, sogar eventuell unterentsprechender Entlastung von den Gemeindeabgaben, genießen. Dadurch ist einerseits völlige Gewissensfreiheit gewahrt, anderseits aber auch die Einheit der Gemeinde gesichert. Als oberste Zentralinstanz über den Kleingeineinden wie den Großgemeinden mit über 5000 Einwohnern steht, mit starken Machtbefugnissen ausgestattet, der „Oberste Rat der Juden", dessen 21 Mitglieder ebenfalls zu zwei Dritteln aus allgemeinen Wahlen hervorgehen: der Einfluß der staatlichen Aufsichtsbehörde auf dieses moderne Synedrium ist daher nur ein beschränkter. Auch ein Beweis des Vertrauens, das die staatlichen Gewalten zu der organisatorischen Befähigung und dein gesunden religiösen Empfinden der Juden in Polen haben. Vielleicht werden manche jüdische Kreise in Deutschland ein gewisses Gefühl des Neides nicht unterdrücken können, daß ihren Glaubensgenossen in Polen jetzt mühelos etwas in den Schoß fällt, was sie selbst bisher schmerzlich entbehrt haben: eine staatliche Vertretung ihrer religiösen Interessen, ein freies Selbstverwaltungsrecht und eine mustergültige Gesamtorganisation. Damit hat die deutsche Zivilverwaltung in Polen ihrerseits einen neuen Beweis -- wenn es eines solchen noch bedurft hätte geliefert, wie sehr ihr am Herzen liegt, daß die Juden sich in dem Lande, in das ihre Väter vor vielen Jahrhunderten aus Deutschland eingewandert sind, wieder wohlfühlen. Das idealistische Sehnen jenes durch russische Raffgier seines gesamten Vermögens beraubten polnischen Juden, der im Anfang des Krieges nur den einen Wunsch hatte: „Ich will lernen können, was ich will, und will denken können, was ich soll, und will sagen können, was ich muß", ist also jetzt in Erfüllung gegangen. Das Deutsche Reich darf aber in den Ruhmeskranz seiner friedlichen E^bernngen ein neues frisches Reis einfügen. # Es scheint, auch Rußland wolle von diesen Verfügungen lernen. Wenigstens meldet der „New tyoxt Herald" (Pariser Ausgabe) nachstehendes: Danach soll eine Reihe von neuen höheren und technischen, ausschließlich für Juden bestimmten Schulen errichtet und jüdischen Studierenden auch der Zugang zu den russischen Universitäten erleichtert werden. Für Petersburg ist angeblich die - Errichtung jüdischer Gymnasien nnd für Jekatarinoslaw ein neues polytechnisches Institut für Juden bewilligt worden. Auch wird daraus hingewiesen, daß die Petersburger Universität in diesem Wintersemester etwa 11K> Prozent jüdischer Studenten (94 unter 807 Studierenden), die Petersburger Frauenhochschule 53 jüdische Studentinnen unter den 450 eingeschriebenen Hörern aufweist bei einer jüdischen Bevölkerung von nur 3 Prozent der Hauptstadt. - - Die letztere Ziffer dürfte weit zu niedrig angegeben sein, und besondere jüdische Schulen gab es in Rußland schon immer. Einen wahren Kern mag die Meldung aber insofern enthalten, als die russische Negierung mit Rücksicht aus den amerikanischen Geldmarkt lrnd namentlich die New Yorker Hochfinanz den Juden wahrscheinlich einige kleinere Erleichterungen einzuräumen gedenkt. * Endlich sei daran erinnert, daß bei Gelegenheit des 200. Todestages des großen deutschen Denkers G. W. Leibniz (14. November) auch dessen Beziehungen zum Judentum gedacht wurde. Wir gedenken über den Gegenstand auch demnächst einen Artikel zu bringen, der schon lange in unseren Händen ist. Heute genüge es, auf einen Artikel von Z. Münz („Danziger Zeitung" 28. November) zu verweisen, in dem die Benutzung von Maimonides' „Führer der Verirrten" durch Leibniz dargelegt wird. Znm Schluß des Artikels heißt es: Wie Leibniz aus dem Werke des großen jüdischen Meisters vieles gelernt hat, so hatte er auch Gelegenheit, aus dem reichen Schatze seines Wissens einem jüdischen jungen Manne zu spenden. In Hannover -lebte in jener Zeit der später berühmt gewordene Astronom R ap ha e l L e v i. Er hatte das rabbinische Lehrhaus tu Frankfurt a. M. besucht und seinen Geist an den talmudischen Diskussionen geschärft: später bekleidete er die Stelle eines Buchhalters in dem Baickhause Simon Wolf Oppenheimer iu Hannover. Seine Mußestunden benutzte er, wie einst Moses Mendelssohn, .-dazu,: sich lateinische irnö französische Sprachkenntnisse anzueignen und mathematische Studien zu treiben. Der berühmte Leibniz, auf die gediegenen Kenntnisse Levis aufmerksam gemacht, nahm sich seiner mit väterlicher Fürsorge an. Er zog ihn in sein gastfreundliches Halls und wurde sein weiterer Lehrer. Raphael Levi hing auch mif tiefer Verehrung an Leibniz, dem er einen -großen Teil seiner mathematischen und philosophischen Kenntnisse zll verdanken hatte. Wichtiger aber als der Unterricht, den Leibniz dem jungen jüdischen Gelehrten erteilte, ist der Umstand, daß er, wie oben erwähnt, durch seine vielgelesene Schrift, die Theodicee, den Namen und die Lehren des jüdischen Denkers Maimonides in die neuere Philosophie hineintrug und in weiteren Kreisen betmmtgemacht hat. So hat auch die Judenheit Veranlassung, die Erinnerung an den großen deutschen- Denker Leibniz bei der Wiederkehr seines 200jährigen Todestages zu -beleben und mit Dankbarkeit seinen gefeierten Namen zu nennen. | tjofrf Lschrlbschrr. | Unsere Gemeinde ist in tiefe Trauer versetzt wurden: ihr allverehrter Rabbiner Dr. Josef Eschelbacher ist nach langem, schwerem Leiden am Morgen des 3. Dezember verschieden. Eschelbacher war Vertreter der konservativen Richtung, aber weit über die Reihen seiner Gesinnungsgenossen hinaus reicht die Schar derer, die seinen Heimgang beklagen. Seine echte Frömmigkeit, seine Herzensgute, seine Friedfertigkeit haben ihm in allen Lagern Sympathie und Liebe erworben, in allen Kreisen unserer Gemeinde genoß er aufrichtigste Wertschätzung und Verehrung. Der Heimgegangene war eine in sich geschlossene, harmonische Persönlichkeit, ein biederer, gerader und aufrechter Mann. Ein goldreiner Charakter von lauterster Gesinnung, kannte er keine Falschheit; was er redete, kam ihm aus dem Herzen, und was er im Herzen hatte, das sprachen seine Lippen auch aus. Ein Mann von seiner Bildung, von umfassender Gelehrsamkeit, hatte er eine gefestete Lebensanschauung, die er charaktervoll, unbekümmert um äußere Anerkennung, mannhaft, aber in einer friedfertigen und versöhnlichen Weise vertrat. Seine Lebensanschauung war die des historischen Judentums, wie Zacharias Frankel es gelehrt hatte. Einer der letzten Schüler des Meisters, hielt Eschelbacher sein ganzes Leben lang treu an dem Grundsatz der „Breslauer Schule" fest: „Versöhnung des überlieferten Judentums mit den Ansprüchen der Gegenwart aus dem Boden der Wissenschaft." In einer vierzigjährigen, von vorbildlicher Pflichterfüllung geadelten Amtsführung hat er als Rabbiner, vieser freigewählten, seiner innersten Ueberzeugung entsprechenden Lehre gemäß, gewirkt und für die Erhaltung jüdischer Frömmigkeit sich eingesetzt. Eschelbacher wurzelte in der süddeutschen Erde und Art. Er war in H a i n st a d t in Baden geboren nnd mehr als zwanzig Jahre Bezirksrabbiner in Bruchsal. Aus der Heimat hatte er die Schlichtheit und Einfachheit mitgebracht, aus der Heimat stammte seine gemütvolle, warmherzige Weise, seine tiefinnerliche Frömmigkeit, die seit einem Jahrtausend gerühmte Wesensart der C h a s s i d e A s ch k e n a s. Dort war er mit seiner Gemeinde verwachsen, die ihm bis auf den heutigen Tag ein liebevolles Gedenken bewahrt; er hatte auch die Genugtuung, seinen einzigen Sohn als Rabbiner in das Haus zurückkehren zu sehen, in dem er ihn erzogen hatte. Ein dauerndes Denkmal seiner dortigen Wirksamkeit ist der „Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen in Baden", der von ihm ins Leben gerufen und lange geleitet wurde, der von seinem Edelmut und seiner Tatkraft zeugt und der badischen Judenheit ein wertvolles Erziehungswerk leistet.

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