Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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592 diese Stunden auf den einsamen winterlichen Straßen, ans denen einem oft lange hin kein Mensch begegnet, und nur hin und wieder ein Haus, das sich am Boden verkriecht, von dem Menschen, der da war, erzählt, auf denen nichts ans Lhr dringt, als nur immer der einförmige Tritt der Hufe oder das Nöllen der Näder und hier und'da der schwirrende Flug oder das heisere Schreien der Krähen, und nichts in der nun wieder erstarrten, eintönig grauen Landschaft den Blick festhalten will, diese langsamen, einsamen Stunden können dafür die Muße geben, alle die Worte und Bilder dieser Tage nochmals zu überdenken. Unter allen Erlebnissen drängen sich je länger, desto mehr die moralischen Erfahrungen auf. Ein kurzer Krieg könnte im Sturme des Empfindens geführt werden, ein langer Krieg, mit seinem Aus und Nieder des Geschehens und Erleidens, fordert die moralischen Kräfte; sie bedeuten für die Standhaftigkeit bis zur letzten Entscheidung so gut wie alles. Deutlicher als irgendeine geschichtliche Zeit hat die Gegenwart es hüben und drüben offenbart, lvie der starke Wille, der Mut zu sich selber, dieser moralische Faktor auf die Tauer nur dort bleiben und wachsen kann, wo ein jeder das Bewußtsein hegen darf, daß er zum Staate gehört und daß der Staat auch auf ihn rechnet. Daher ist ja auch die lebendige Spannkraft der westlichen Feinde Deutschlands eine tiefere und größere als die des östlichen Feindes, und selbst in ihm konnte sie so lebendig sein, wie sie inunerhin doch ist, allein vermöge der Festigung des bürgerlichen Staatsgefühls, wie sie sich dort seit den Ereignissen des Jahres 1905 vollzogen hat. Zur Durchführung des Krieges gehört darum, Zumal hellte, wo es auf jeden ankvmmt, der Sinn für das Moralische, und zu ihm wiederum gehört ein gewisses Maß von Psychologie, das heißt der Fähigkeit, das Seelenleben der Menschen zu verstehen, zu begreifen, wie sie empfinden, was sie erhebt und worunter sie leiden. Mau möchte fast sagen, ein gewisses seelsorgerisches Gefühl muß heute jeder, der leiten will, haben, sei er nun in einen engereil Kreis hineingestellt oder in den weiten, ulnfasseuden. Hier draußen kann jeder, der sehen luiü, seine moralischen Beobachtungen lind Erfahrungen machen. Al all hat hier mehr Menschen kennenaelernt und andere Menschen, und man hat sie näher kennenaelernt. als es sich iit Friedenszeiten meist fügte; wohl nur alle haben vom Wesen anderer vieles entdeckt. Es ist cm wertvolles Lebensbesitztnm. in Menschen hineingeblickt zu halvn: aber wie von aller Erkenntnis gilt auch von dieser das Wort, daß, wer sein Wissen inehrt, oft auch seinen Schmerz mehrt. Denn neben den guten, erquickenden Erfahrungen stehen die bedrückenden, und sie haften meist tiefer im Erleben und länger im Erinnern als die guten, mld es lvachsen dann die Verstimmungen ans, deren Frucht die Verbitterung sein kailn. Der oberste Beamte des Reiches hat in einer seiner Neben vor den Volksvertretern gesagt, das deutsche Volt habe in diesem Kriege, inmitten der Verleumdungen und Gehässigkeiten, die es so bitter erfuhr, die Sentimentalität verlernt. Auch die bitteren Erfahrungen, die innerhalb des Staates geinacht werden, können diese Wirkung haben, daß Menschen den Glauben aneinander einbüßen und gleichsam auch die Sentimentalität verlernen. Für den Staat bedeutet dies eine Schwächung, eine Einbuße an Kraft. Alle feine Bürger, ob sie den Nock des Krieges oder des Friedens tragen, müssen den moralischen Charakter in sich selber und im anderen achten, um so das Gefühl für einander zu hegen. Sonst würden die inneren Gegensätze und Kämpfe schließlich von der Art manches Krieges fein, der moralische Zusammenhang ging verloren. Diese ernsten Fahre haben wechselnde Zeiteil gebracht. Es ftnb zuckende Stunden, die ,;u bestehen sind, wenn die Gefahr drohend herandringt: aber sie können doch wie ein Gelvitt er sein, in welchem viel Stickiges, viel Kleinlichkeit, viel Ueberhebllng und Engherzigkeit wieder einmal himveggeweht wird. Wenn Wochen wnb Monate des Stillstandes kommen, hier hinter den Linien des sogenannten Stellungskrieges, dort in Den Gebieten und Räumen, in Denen sich das Gefühl der völligen Sicherheit einnistet, wenn alles Erregende und Aufrüttelnde einer neuen, so bald gewohnten Alltäglichkeit gewichen ist, dann kann es geschehen, daß sich die Alltagsgesinilung grau ans alles legt mld der seelische Stittstalld auch eintritt. II nD im Leb eil des Charakters wird der Stillstand sehr bald zur Enge. Jeder Tag hat seine Menschen, und jede Zone, drinnen und draußen, hat die ihren; die Grenzen ziehen sich hin und her. Wo einer steht, wird immer daran erkannt werden, ob er sich über die Enge erhebt, ob er den Sinn für das Moralische hat: diesen Sinn für das, was andere empfinden, diesen Sinn für die Verantwortlichkeit, die heute auf jedem ruht, diesen Sinn für die wahrhaft großen Gedanken. Wenn irgendwann, }o gehen heute von den Gedanken die Kräfte aus. die Kräfte, welche die Zeit braucht. Wer zu sehen versteht, der beobachtet immer wieder, in wie vielen Menschen, nicht zum mindesten in den einfachen Leuten, das Verlangen nach den großen Gedanken lebt, diese Sehnsucht nach der Gerechtigkeit, dieses Begehren nach den: Guten und Rechten, das im Vaterlande wirklich lverden soll. Es sind nur wenige, denen ein Stück Boden gehört, in welchem die Heimat ihnen greifbar ist. Den meisten hat das Schicksal dies versagt, und sie sind nicht die Schlechtesten und nicht die Geringsten. Ihnen muß das Heimatsgefühl, da es so wenig im Faßbaren hat, sich um so fester im Moralischen gründen, in dem starken Wunsche nach dem Hohen und Edlen, das im Frieden, dem das Kämpfen gilt, seine Erfüllung finden soll. Gerade hier draußen kann man es immer wieder erkennen, wie stark sich der Sinn für Heimat und Vaterland im Sinne für die Gerechtigkeit verankert. Sie ist es, die in schwankenden Stunden die Gemüter wieder festhüll. Nur die moralischen Kräfte können die Entscheidung bringen, können die Geduld und Ausdauer geben, bis diese kommt, und das Gefühl für die Gerechtigkeit, die Sehnsucht nach ihr, ist die stärkste, die lebendigste moralische Kraft, die, welche im Grunde alles andere umfaßt. Solche Gedanken weckt die einsame Wegstunde, in der sich die Eindrücke von Tagen sammeln. Vor den Füßen der Pferde fliegen Krähen auf, und in die Erinnerung treten die schwermütigen Verse des Dichterphilosophen: „Die Krähen schreien und ziehen schwirren Flugs zur Stadt, bald wird es schneien - weh dem, der keine Heimat hat!" Um Heimat und Vaterland geht es in dieser Zeit. Wer das Recht antastet, der untergräbt den besten Schutz der Heimat, Den starken Boden des Willens zu ihr. Wer für die Gerechtigkeit eintritt, der hat damit das Vaterland verteidigt; denn er gibt denen, welche kämpfen und standhalten, neue Gewißheit, neue moralische Kraft, er festigt in ihnen das Bewußtsein, daß sie die Heimat besitzen und für die Heimat ausharren und seststeheu. * lieber die L rganisation der jüdisch e n Religionsgemeinschaft in Polen veröffentlicht Gurt Bürger im „Tag" einen bemerkenswerten Artikel, in dem es heißt: Welchen bedeutsamen kulturellen Fortschritt diese Regelung der Neligionsverhältnisse der polnischen Juden darstellt, zeigt schon die einfache Tatsache, daß für die Gemeinden bisher keine Möglichkeit eines organisatorischen Zusammenschlusses zu leistungsfähigeren Zweckverbünden gegeben war, ja das; sie sogar vielfach nicht einmal das Neckst der juristischen Personen besaßen und infolgedessen auch keine eigenen Friedhöfe unterhalten durften. Wn Stelle dieser russischen Rechtlosigkeit ist Luft und Freiheit eines modernen deutschen Berfassnngsstaates getreten. Nicht nur erhalten die Gemeinden, denen die Pflege des gesamten religiösen Lebens und die Kontrolle über die dazu gehörigen Einrichtungen, wie Synagogen, Schulen, Friedhöfe, ferner das gesamte Steuer- und Umlageverfahren, also die Verwaltung des Vermögens, die Anstellung des gesamten Beamtenkörpers n. a. m. obliegt, Korporationsrechte den leistungsfähigen Gemeinden ist auch die Möglichkeit gegeben, sich durch Zusammenschluß verbünden und finanziell zu stärken. Das Wahlrecht ist ans eine breite demokratische Grundlage gestellt, der anderwärts hier itnb da noch übliche Zensus beseitigt; die Zahlung von Gemeindeumlagen schließt ohne weiteres das geheime und direkte aktive und passive Wahlrecht ein. Durch Einführung der Verhältniswahl sowohl für die Gemeinden lvie auch für die höheren Körperschaften ist das Recht der Minoritäten in jeder Beziehnng gesichert und jede Vergewaltigung ausgeschlossen. Eine der wertvollsten Bestimmungen aber, deren Wohltat die Juden in den meisten deutschen Blindesstaaten noch entbehren, enthält der Paragraph, der innerhalb der Gemeinden das Recht zlir Gründung von