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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-15 · Heft 50 (15.12.1916) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 50 (15.12.1916)
Date
1916-12-15
Page
Seite 591 (sequence 3)
Language
German
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591 Anhänger des Grundsatzes sind, den Kampf bis zum Aeußersten zu führen. In Frankreich kriselt's: das Vertrauensvotum für die Regierung ist nur gegen eine recht stattliche Minorität erfolgt. Die meisten Minister haben ihr Portefeuille dem Präsidenten zur Verfügung gestellt. Man spricht ferner davon, daß Joffre zum Generalissimus aller feindlichen Armeen ernannt werden soll, um die oft prophezeite, niemals erreichte Zentralleitung herzustelleu; im Gegensätze dazu wird von anderer Seite von einem Ersatz Joffres durch einen anderen General gesprochen. In Griechenland hat die Entente nach eigenem Geständnis - denn alle unsere Nachrichten stammen aus dieser Quelle - eine schwere diplomatische Niederlage erlitten. Die feindlichen Truppen haben Athen, nach blutigen Zusammenstößen mit den Griechen, verlassen; der König soll sich an die Spitze der griechischen Truppen gestellt haben, Griechenland soll von unseren Feinden blockiert werden. Wie sich das Chaos dort entwickeln wird, ob und wie eine aktive, für uns heilsame Anteilnahme Griechenlands am Kriege bevorsteht, bleibt abzuwarten. So günstig die Sachlage für uns ist.es müssen alle Kräfte zusammengehalten werden, um den Widerstand immer stärker zu machen und den endgültigen Erfolg zu erringen. Zu diesen Vorbereitungen gehört die Vorlage über den nationalen Hilfsdienst, die nun Gesetzeskraft erlangt hat, und die. wie wir überzeugt sind, die Tätigkeit vieler Tausende für Arbeiten nutzbar machen wird, die dem Gemeinwohl zugute kommen. Dazu ist ferner zu rechnen die Bestimmung über Ersparnis an Licht, über frühere Schließung der Geschäfte, der Theater und der Kaffeehäuser. Durch solche Bestimmungen werden unendliche Mengen an Kosten erspart; es werden viele, die den Ernst der Zeit noch immer nicht erkennen und achten wollten, zur Sparsamkeit, Nüchternheit und Entsagung gezwungen. Schon die Erreichung dieses hohen Zieles wäre ein großer Gewinn. * Anläßlich des Todes des Kaisers F r a w z I o s e f haben Vorstand und Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde in Berlin eine schöne Beileidskundgebung an die Gemeinden in Wien und Budapest erlassen, in der namentlich das Streben des Herrschers gewürdigt wird, für die bürgerliche Gleichstellung seiner jüdischen Untertanen zu wirken. Diese Tätigkeit und die Gesinnung, aus der diese Tätigkeit entsprang, wird in einem Artikel von Blochs „Oesterreichischer Wochenschrift" betrachtet, ans der folgendes mitgeteilt sein mag: Im September 1885, bei den Manövern in Slawonien, hat Kaiser Franz Josef I in Pozega an die versammelten mohanunedanischen, orthodoxen, katholischen und jüdischen Geistlichen aus Bosnien eine Ansprache gerichtet; in der sagte Seine Majestät wörtlich: „Insbesondere ist es Mein Wille, das; jede Konfession ihren Glauben frei a n s ü b e n f ö 11 n e 11 n d in den i h r zu st c h ende n Rechte n v o n k e i n e r S e i t e behindert w erde. S e i e n S i e it b e r z e ngt. daß Ich a l l e K o n z e s s i o n e n i n d e r A n s n b n n g ihrer Religio n st e t s g I cichmäßig f ch it tzen u n b ante r st ü tz e n w e r d e." Als der Statthalter v. Zaleski bei Seiner Majestät in Audienz war, kam die Rede auch ans die Verfügung der rnssischett Regierung, wonach kein Jude, selbst in Geschäftsangeteaenheitkn, nach Rußland gehen dürfe, bevor hierzu vom russischen Ministerium des Innern direkt eine Bewilligung eingeholt wurde! Herr v. Zaleski wies darauf hin, wie sehr diese Verfügung den Handel Galiziens empfindlich schädigt! Seine Majestät erwiderte hieraus: „Ich bin von all diesen Verhältnissen genau unterrichtet und habe denn auch Me in ent Minister des Aeußern Grafen Kalitokh bereits die Weisung erteilt, auf diplomatischem Wegedahin zu wirken, daß diese gegen die fremden Juden gerichtete Verfügung, welche jedoch Handel und Verkehr im allgemeinen schädigt, beseitigt werde. Leider kante man hierbei keine Gewaltmaßregeln in Anwendung bringen! Wurde die russische Verfügung dahin lauten, daß allen s r e m den U n t e t - tanen der Eintritt nach Rußland erschwert werde, so könnten auch Wir unsererseits dasselbe gegen die r u s s i s che n Untertanen verfügen. Nachdem jedoch die russische Verfügung bloß gegen die fremden Juden gerichtet ist, wäre es doch das größte Unrecht, wollten Wir unsererseits wieder die russischen Juden mißhandeln. Das würde heißen: „Schlägst du nicincn Juden, so schlag' ich deinen Juden!" Rußland würde das ja gern sehen; doch Ich werde ihm dieses Vergnügen nimmer machen." Im Frühjahr 1886 hat der italienische Maler Gelli ein Porträt des Kaisers Franz Joses gemalt, zu welchetn ihm der Monarch wiederholt gesessen ist. Während der Maler arbeitete, konversierte der Kaiser mit ihm sehr unbefangen über alle möglichen Themata. Einmal brachte letzterer die Rede ans den Antisemitismus und bemerkte, in Italien sei diese Erscheinung etwas ganz Unbekanntes. „So ist's auch recht," meinte Kaiser Franz Josef, „ich schäme mich, das; der Antisemitis m it s n a ch O e st e r r c i ch gedrungen i st." Jur niederster reichischen Landtag haben bekanntlich 1892 antisetttitische Redeexzesse gegen jüdische Aerzte und Professorett stattgesnnden. Im September tagten die Delegationen in Budapest. Beim Empfange der österreichischen Delegierten sagte der Monarch zu dent Delegierten Franz Richter, d a ß.d i e A n s s ch r e i t n n q c n, w i e sie i n letzter Zeit im n i e d e r ö st e r r e i ch i s ch e n Landtage w i d e r h o l t v o rg e k v nt men seien, eine erfolgr e i ch e Tätigkeit dieser K ö r p e r s ch n f t n n h eztt u n nt ö gl i ch m n cf) e n. Solche P o r g ä tt g e feie n e i tt w ahre r Skandal und können zu keinem guten Ende f n h r e n. Es sei eine S ch n tt d e vor der ganzen Wett. In Salassa-Gharntet sagte er 1894 zu einer jüdischen Deputation: „Die Versicherung der Huldigung und unverbrüchlichen Treue der israelitischen Kultnsgememden nehme Ich dattkend entgegen. In« tn eine m Herzen bildet der U n t e r s ch i e d der Religion Meinen Völkern gegenüber keine Sehet dein a n d. Attf Meine königliche Gnade und Meinen Schutz können daher auch Sie jederzeit rechnen!" Berühmt sind die Worte, welche Kaiser Franz Josef in einer Audienz (Dezember 1899), die er dem von ihm ausgezeichneten Rabbiner Dr. K i s ch gelvährt hatte, an ihn gerichtet hat. Bon beit schweren Tagen sprechend, denen die Inden jetzt, namentlich in Böhmen und Mähren, ansgesetzt sind, sagte der Kaiser: Ich bin empört über diese Roheiten," mtd er tviedcrholte nicht nur diese Worte, sondern er gab denselben eine noch viel weittragendere Bedenttlttg, indem er den Rabbiner ermächtigte, die kaiserlichen Worte auch ztt veröffentlichen. Anläßlich des 60jährigen Negiernngsjnbtlänms empfing Kaiser Franz Josef aut 26. November 1908 auch eine Hnldiguttgsdeputatton der israelitischen Kultnsgeuteittden Oesterreichs in der Geheimen Ratsstube. Ans die Ansprache des Präsidenten der Wiener israelitischen .Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern, erwiderte der Kaiser: „Für die Huldigung der israelitischen Kultnsgemeinden sage ich Ihnen, meinen wärmsten Dank. Tie israelitische Bevölkerung hat itnmer eine staatsttttb gesetzestreue Gesinnung, Ergebenheit für Mein Haus und Anhänglichkeit an Meine Person bekundet; Ich schätze attch Ihren Familiensinn und Ihre Freude mit Wohltu tt. Seien Sie versichert, das; Ihre Glückwünsche Meinem Herzett wohlgetan haben und daß Sie tmd Ihre Glaubensgenossen Meines kaiserlichen Schutzes gewiß sein können." * Das „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" bringt wiederum einen Bericht des Feldpredigers Dr. B a e ck, den wir, wie immer, mit großer Genugtuung und herzlicher Freude unseren Lesern mitkeilen: Tett 18. November 1916. Ter diesmälige Bericht gibt einen ganzen Mottat, tmd auch die folgenden Berichte sollen diesen Zeitraum umfassen. In der Zeit vom 15. Oktober bis zum 15. November habe ich, neben kleineren Andachten bei einzelnen Truppenteilen, Gottesdienste abgehalten in Tschepukanh, Pusowa, Steinensee, Nowo-Alexandrowsk, Schödera, Sziwischki, Rubinen, Bortkischki, Wilkomiesto und Uzjanh. Es sind zum Teil weite Entfernungen, die hierbei zurückzulegen sind; der Weg von dem einen Orte bis zunt anderen erfordert bisweilen die Zeit vom frühen Morgen bis zunt spätett Abettd. Aber

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