Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229283--72735-3285195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- m daß es einzig darauf ankomme, der Seele Wert und Würde, Einheit und Festigkeit zu verleihen, ein festes Lebensziel zu haben und ihm unbeirrt nachzustreben.. Mit diesem Gedanken stellten sie sich allerdings außerhalb der damaligen Welt, und es gehörte ein Heldenmut sondergleichen dazu, den Glauben in sich zu tragen, daß man, wenn man nur ein festes Lebensideal hat, mit ihm einer ganzen Welt sich entgegenzustemmen vermag und sich durchsetzen kann. Diesen Heldenmut soll das Ehanukasest fort und fort in uns erzeugen; mit der Erinnerung an die Helden jener Zeit muß in uns das Gefühl wach werden, daß auch für uns das gleiche gilt wie für jene. Es ist für Israel seit jenen Tagen bis auf heute immer dasselbe.Gesetz in Geltung geblieben, daß es seinen Willen, nach seiner Art zu leben, nach feiner Art Leben, Gvtt und Menschen zu werten, einer ganzen Welt entgegensetzen muß. Es muß immer aufs neue in seiner eigenen Mitte gegen das Streben derer ankämpfen, die aus der Fülle der Andersdenkenden auf das innere Recht eines anderen Denkens schließen, oder die zu schwach sind, allein zu stehen und, unbekümmert um das innere Recht einer bestimmten Lebens- und Anschauungsform, das bequeme und behagliche Leben, das Mitschwimmen mit den: Strome, das Sichtragenlassen als höchste Lebensklugheit preisen. Es muß, um sein Lebensrecht und seine Zukunft zu behaupten, diesem Streben das Streben nach Einheit des Charakters gegenüberstellen, nach Charakter überhaupt, d. h. nach Lvslösung von allem Bezugnehmen straf Aeußeres, nach Ueberwindung jeder Art von Furcht und Feigheit, nach dem Willen, sich zu sich selbst zu bekennen und seine eigene Art zu bejahen. Es braucht bei allen seinen Anhängern die unerschütterliche Festigkeit des Gewissens, das Gefühl der Verantwortlichkeit für den Gang der Welt und die sittliche Zukunft der Menschheit, die mit der Erhaltung Israels unauflöslich verknüpft ist: es braucht bei seinen Anhängern die Seelenstimmung, die es als unwürdig verschmähen läßt, sich das Leben leicht zu machen, indem man nach anderen sich richtet, sondern die es als das einzig mögliche erscheinen läßt, nur nach dein inneren Recht der eigenen Ueberzeugung zu leben. Es braucht, um zu leben, den Heldenmut des starken Willens, den Glanbeil an die Kraft des Willens, auch wenn er nicht gestützt ist von der Fülle der Zahl, wenn er nur getragen ist von dem Bewußtsein, daß er ans ein Rechtes und Notwendiges geht: ihn flößt das Chanukafest ein, darauf beruht dessen Stärke und unauslöschliches Leben. Es gibt nichts jüdisches, das nicht irn Menschlichen sich fortsetzt; durch das Mittel des Jüdischen gehen die Erkenntnisse hindurch, die sich dann in Forderungen fürs Leben umsetzen; aus dem Jüdischen fließen die Ziele, die wir für unsere Arbeit in der Welt aufstellen. Das Heroische der Lebensführung in dem obgenannten Sinne brauchen wir schließlich nicht nur für unsere Selbstbehauptung als Juden, es wird überhaupt zur Voraussetzung unserer gesamten Betätigung. Es muß ein Kennzeichen unseres jüdischen Charakters sein wnb werden, daß mir, ans welchem Posten wir stehen, nicht das bequeme Leben wählen, in die gegebene Welt uns schweigend einznordnen, nur deshalb, weil es behaglich ist, nicht abzustechen und aufzufallen, sondern daß wir ein eigenes Lebensziel haben und den Mut bewähren, an ihm unbeirrt festzuhalten aus der Kraft des Gewissens. Das ist makkabäisches öelbentunt im höchsten, im geistigen Sinne. Es mag nicht überflüssig sein, diese Erkenntnis, diese Forderung aus den Empfindungen von heute auf ein Bestimmtes besonders zu beziehen: Einmal wird der gegenwärtige Krieg doch aufhören, daun werden die freien Geister nach Mitteln und Wegen suchen, itiu der Menschheit gleiche Katastrophen zll ersparen. Die vielen, die Menge aber werden sich nach wie vor vom Haß bewegen lassen: riesengroß wird der -vaß sein, der auch nach der formellen Beendigung des Krieges sich erheben wird, und sicher wird man den, der für aufrichtige Versöhnung der Menschen und Völker ferne Stimme erheben wird und für das jüdische Ideal der mesfianischen Menschheit eintritt, als einen Träumer, als einen Feind am eigenen Volke verschreien; man wird mit solchem Denken ein Andersdenkender sein, ganz so wie der Jude in seinem Leben und Denken als ein Andersdenkender angeschaut wird. Und man wird dafür jene heroische Lebensauffassung, jene heroische Lebensführung brauchen, die das Chanukafest in uns stärken soll, jenen Glauben an die Kraft des Willens, daß man von ihm aus die Welt in Souveränität gestalten, eine Welt bewegen kann. So gewinnen wir von dem Chanukafest, dem Fest, das die Erhaltung des Judentums verewigt, einen neuen starken Antrieb zur Betätigung im Dienste der Menschheit, ganz abgesehen davon, daß das Ideal überhaupt, zu dessen Erstreben hier ein Heldentum des Willens und der Lebensführung gefordert wird, ein jüdisches ist, und noch dazu ein solches, daß für dessen Verwirklichung Israel mit besonderer Kraft begabt ist; denn die Art, wie wir Juden bisher die ungeheure Schwierigkeit besiegt haben, mit der Liebe und Treue zu unserem Stamm ein Verwachsensein mit den Völkern der Erde zu verbinden und daneben die Forderung der einigen Menschheit nie zu vergessen, machen uns zum Helden und Träger des Versuches, d i e Versöhnung unter den Menschen zu erstreben, bei der keine der Menschheitsgruppen etwas von ihrer Art und ihrem Charakter preisgebe und sie alle in einer höheren Einheit in Selbständigkeit sich zusammenfinden. Die Mache. B e r lin, den 12. Dezember 19M. roße und bedeutende Erfolge haben die letzten Tage beschert: die deutschen Truppen im Verein mit ihren Verbündeten haben ihre Siegeslausbahn in Rumänien verfolgt: Bukarest, die Hauptstadt, P l o e st i, der Eisenbahnknotenpunkt, sind in unserer Hand. Die Entente hatte den Verlust der ersten Stadt von vornherein als nebensächlich, die Ausgabe der zweiten als bedeutsam und wichtig bezeichnet; sie lvird es nun wiederum verstehen, die Tragweite des zweiten Ereignisses abzuschwächen. Mag sie. Für uns und alle vernünftig Denkenden sind beide Tatsachen von größter Bedeutung: zunächst wegen des moralischen Eindrucks, sodann wegen der ungeheuer reichen Bellte und der Gewißheit, die außerordentliche Fülle von Getreide und Petroleum zu be- : nutzen: endlich wegen der zahllosen Verluste des Feindes, von dem 123 000 Mann, das Fünftel seiner ganzen Armee, als Gefangene in unseren Händen und gewiß ebensoviele getötet und verwundet sind. Von den übrigen Fronten wird nicht viel gemeldet, nur sind die äußerst wichtigen Tatsachen zu berichten, daß 93 feindliche Lus tsahr zeuge, dreimal sv viel, als von den unsrigen, im Laufe des Monats November unschädlich gemacht, daß die Tätigkeit der Unterseeboote eine äußerst ersprießliche gewesen ist, so daß viele englische, französische, russische Schiffe, zum Teil große Transportschiffe, vernichtet worden sind: ein einziges unserer Boote hat 21 feindliche Schiffe im nördlichen Eismeere versenkt. Auch die Rückkehr des Handelsunterseebvotes „Deutschland" ist ein hocherfreuliches Ereignis. Bei unseren Feinden gehen merkwürdige Dinge vor, deren Bedeutung für die Zukunft noch nicht recht ersichtlich ist. In England schied der Minister Asquith und machte Lloyd George Platz: der Uebergang vom liberalen zum konservativen System ist bloß für die inneren Verhältnisse wichtig; ob dadurch die äußere Politik verändert wird, ist abzuwarten. Jedenfalls ist zll konstatieren, daß viele der Neuernannten