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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-15 · Heft 50 (15.12.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 50 (15.12.1916)
Date
1916-12-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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80. Jahrgang Nr. 50 Allgemeine Berlin, 15. Dezember 1916 eilung des Judentums Gin unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements'preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Rerlttt und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. - Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phllippfon Unter Leitung der Geheimen Regiernngr-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgenr. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Strafte *M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. t ♦ Zum Chanukafest. Aon Rabbiner Dr. Di e n e ma n n, Ratibor. - Die Woche.-Josef Eschelbacher. Von I. Elbogen.-Zur Geschichte der israelitischen Militärseelsorge in Deutschland und Oesterreich. Aon k. k. Professor Dr. Alex. Kisch, Prag. — Feuilleton: Der Rabbi von Salaschin. Eine wahre Begebenheit aus dem Weltkriege. Nacherzühlt von ClemensBerg.— Literarische Mitteilungen.— Büchereinlauf. — Sprechfaul. Der Gemeiiidebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Beuthen (O.-S.), Magdeburg, Frankfurt n. M., Wien, Paris. — Von Rah und Fern. Lum (Lhsnukskklt. Bon Rabbiner Dr. D i e n e m a n n , Ratibor. as als die wesentliche Lehre des Chanukasestes zu gelten hat, als das Entscheidende und Wichtigste, das die Erinnerung an die Zeitverhältnisse und Begebenheiten, zu deren Gedächtnis das Fest einst eingesetzt worden ist, in uns erwecken soll, das ist das Verständnis für eine heroische Lebensauffassung, die Würdigung einer h e r o i s ch e n Lebensführ un g. Dabei spielt dasjenige, woran wir aus den Erlebnissen und Seelenstimmungen der Gegenwart heraus zu allererst denken würden, das Kriegerische, die geringere Rolle. Da es das wunderbare Geheimnis unserer Festtage ist, daß in den verschiedenstgearteten Zeiten und Verhältnissen von ihnen aus die Empfindungen, die ans dem Charakter der Zeit in unserer Seele aufkeimen, ins Religiöse gehoben werden, so läge es natürlich nahe, beim Chanukafest und dem Gedenken an die damalige kriegerische Leistung und den heldenhaften Kamps Israels an die bewunderungswürdige Tapferkeit und die unvergleichliche kriegerische Kraft zu denken, die die Söhne unseres Vaterlandes entfalten, und in dem Siege Israels ein Symbol unseres endlichen Sieges in diesem heutigen Ringen zu erschauen; lind gewiß sind da der Berührungspunkte eine Fülle vorhanden, und man hätte zu solcher Betrachtungsweise ein volles inneres Recht. Aber wenn man es recht betrachtet und ehrlich sagen soll, ist es nicht das Kriegerische und der Wafsensieg, was wir in der Erinnerung an die Zeit des jüdisch-griechischen Kampfes als die Hauptsache festhalten: jener Waffensieg war in seinen politischen Folgen nicht von so andauernder Wirkung, und die Freiheit, die man damals erstritt, verlor man allzubald wieder. Die Erinnerung an den einen mit dem Schwerte errungenen Sieg mußte gar bald ausgelöscht werden durch die bitteren Niederlagen, die Israel in den Römerkämpfen erlitt, lind die die staatliche Existenz tödlich trafen; und kann man Siege in seinem Gedächtnis festhalten und sie feiern, deren Früchte kaum zur Reife kamen llnd nach halb erreichter Reise rasch dahinwelkten? D i e heroische Lebensführung, die aus der Geschichte der Einsetzung des Chanukasestes als Ideal vor uns erstehen und zu der der Wille mit jedem Chanukafest neu in uns begründet werden soll, ist weniger im Kriegerischen zu suchen als vielmehr in dem bewußten s e e t i s ch e n Widerstand gegen Einflüsse, die den eigenen Charakter seiner Eigenart entkleiden müßten, in einer Lebensauffassung, die dahin geht, daß der Mensch nicht auf Erden ist, um ein Höchstmaß von Glück und Behagen auf sich zu häufen, sondern um vollkommener zn werden und die Einheit seiner Seele sich zu erkämpfen. Was war denn eigentlich in der Syrerzeit dasjenige, was Israel über die anderen Völker hinaushob, was die Frommen in Israel von den Hellenisten unterschied? Tie ganze von griechischer Kultur beeinflußte orientalische Welt war damals in einen Zustand innerer Zersetzung geraten. Alles, was bis dahin dem Menschen Halt geboten hatte an ererbten lind überlieferten seelischen Werten, die jedes Volk treu nach dem Geist seiner Ahnen gepflegt hatte, der Ernst der Frömmigkeit und der Gottesverehrung, der manchmal auch im Heidentum hervorgetreten sein muß denn sonst hätte der Prophet Maleachi nicht das Wort sprechen können: „Von Sonnenaufgang bis zu ihrem Niedergang ist mein Name groß unter den Völkern, und an jedem Orte wird meinem Namen geräuchert und Opfer dargebracht" (Kap. 1, Vers 11), und damit sagen können, daß er sich nicht täuscht, wenn er in dem Gottsuchen der Heiden eine verborgene und ernste Sehnsucht nach dem reinen Göttlichen zu entdecken vermeint - , all dieser Ernst und diese Festigkeit war ins Wanken geraten. Unter dein Einfluß einer falsch verstandenen Bildung löste man alle bis dahin lebendigen Aeußernngen der Frömmigkeit in teere Schemen und begriffliche Formeln ans, die höchstens der Ungebildete noch für wirklich halte, in Symbole der Tugend, für die zu leben oder zu sterben sich nicht lohnte. Es kam den Menschen nun nicht mehr darauf an, das zu pflegen, was der Seele Heil und Würde, Einheit und Wurzelfestigkeit bieten konnte, als vielmehr bequem und glücklich zu leben. Und das bequemste und glücklichste Leben schien der Zustand zu bieten, in dem ein Volk von dem anderen sich im Aenßerlichen der Lebenssitte und im Innerlichen des Lebensideats nicht unterschied, und jeder sein Denken im Denken der Menge untertauchen ließ und eine beglückende scheinbare Einheit des Lebens alle Seelen umfangen könnte. So warfen denn alle Völker, die unter griechischem Einfluß lebten, ihre ererbten Lebensziele und Sitten zugunsten der Lebensform des herrschenden Volkes weg. Und des gleichen Sinnes waren auch in Israel manche, die sich schämten, anders zu sein als die Menschen in der neu erstandenen Welt griechischorientalischer Kultur, und sie dachten sich damit den Eintritt in eine Welt allgemeiner Verbrüderung zn erkaufen, dachten sich damit das Leben zn erleichtern,.bequemer, glücklicher, freier zu gestalten, denn nun würde von ihnen der Fluch genommen sein, anders zu sein als die herrschenden, tonangebenden Griechen, die ob ihres genußfrohen, von Sittenstrenge weit entfernten Lebens als mit feinerer Kultur begabt erschienen. Aber die Treuen in Israel setzten diesem Willen ihre h e r o i s ch e r e Lebensauffassung entgegen, daß es eben nicht daraus ankonune, sich ein leichtes Leben zu verschaffen, sondern

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