Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-08 · Heft 49 (8.12.1916) · p. Seite 587

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 49 (8.12.1916)
Date
1916-12-08
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229282--72727-3285186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Frieden WKlM. werden soll, so gibt es keinen anderen Weg dafür, als daß das Recht ^der Äemen Nationen in den verschiedenen Ländern anerkannt, und soweii etz in- Menschlicher Macht steht — gesichert wird. - * Brr Aabbi non Sslaschin. Eine wahre Begebenheit aus dem Weltkriege. Nacherzählt von Clemens Berg. (3. Fortsetzung.) etzt kam der Wald. Lärchen und Fichten zeigten sich, » standen kerzengrad wie Potsdamer Gardisten, immer mehr, immer dichter, ein ganzes Heer. Der Braune spürte den weichen Nadelboden und mäßigte sich, Steffeck ließ ihn ein wenig verschnaufen. „Brr! brr," und kletterte herab vom Wagen. Er behielt die Leine in der einen Hand, in der anderen war der mitgeführte Spaten. Zwanzig Schritte zählte er sich ab, hier wollte er eine Grube graben, und schickte sich an, die Erde auszuheben. Ei, Steffeck hatte wohl Glück, das schien ja, als ob just an dieser Stelle schon ein tiefer Graben wäre. — Achtung! er stolperte und wäre beinahe gefallen. — „Verflucht!" brummte Steffeck — was lag da der Ouere? Ein Baumstamm war es nicht — denn es fluchte wieder, es packte ihn derb bei den Schultern, ein Lichtschein blitzte auf — etwas Großes, Graues stand da. Der Packer war ein Soldat. „Halt!" Was tust du hier?" Zum Äusreißen schien es zu spät, denn mit einemmal wuchs um ihn herum eine Unmenge Soldaten wie Bäume aus der Erde; Steffeck mußte Rede stehen, so wenig Lust er dazu hatte. Der Frager sprach Deutsch mit einer anderen Betonung der Vokale; es dauerte eine Weile, ehe der ganz verkürzte Knecht ihn verstand und dann erschrocken und ärgerlich über die Aufhaltung brummend zur Antwort gab: „Nu, was werd ich wollen! Zwei tote Russen will ich begraben." „Wie kommst du zu den Russen? Wo hast du sie?" Die Fragen schwirrten um Steffeck. „Hier liegen sie ja," antwortete er verwirrt und schob Stroh und Säcke, mit denen er die Toten eingedeckt hatte, beiseite. Im Stroh zappelte es seltsam — da richteten sich die beiden Leichname in die Höhe, glotzten die Grauen an und zeigten sogleich die beste Absicht, sich davon zu machen, wozu ihnen aber durch ein paar gut sitzende Kolbenstöße in die Rippen bald die Lust verging. „Uijegerl, Freunderl, das heißt du tote Russen?" fragte einer der Grauen gemächtlich, „die sein mir noch sehr alert." „Ihr könnt sie ja ganz totmachen," brummte Steffeck, dem das wirklich die beste Lösung der Affäre schien. „Ui na, mein Lieber! Habt's so einen Pülcher gescharrt? So an Fallot! Mit dir reden wir ein paar Wörter!!" Im Nu war Steffeck mit seinen Toten umfaßt; die Grauen zeigten mit einem Schlage ungemütliche Gesichter, zornige, drohende Augen blitzten ihn an. „Spionen hast du uns einsetzen wollen, Lump, gesteh's!" „Ich?" schrie Steffeck in gerechter Empörung, „Ihr seid's wohl verrückt?" . „Waas? Du fragst einen österreichischen Offizier, ob er verrückt ist?" - „Sie können ja nein sagen," murmelte Steffeck, der sehr offen Neigung kundgab, die Unterhaltung zu beendigen. Der Oesterreicher aber war anderer Meinung. „Jetzt wirst du einmal deutlich sagen, woher und wohin, mein Lieber, aber hübsch die Wahrheit bekennen, sonst stellen wir dich dort an den Sandhaufen, und da gchk's: kitz! kitz!" In seinem ganzen fünsunddreißigjährigen, immer recht inaulfaulen Leben hatte Steffeck noch nie eine solche Bered- -ßmMt'ZMd DarMluiMkunst Mtwickelt wie jetzt vordem Oberleutnant; er gab eine wahrheitsgemäße Schilderung aller Begebenheiten des Tages und der Nacht; zu seinem Glück lugte aus dem Stiefel des langen Russen die Flasche, als die auf der Stelle den Wahrheitsbeweis antretende Zeugin von Steffecks gemischter Likörsabrikationskrurst. Einer der Feldgrauen, ein bebrillter Landsturmmann, roch daran und entschied: „Meiner Seele, hier war eine tüchtige,Dosis Opium drin. -Kann wohl sein, daß die Kerle davon so besäuselt waren, daß er glauben mochte, sie wären tot." Dararrf bekam der Herr Oberleutnant zu Steffecks Erleichterung ein weniger grimmiges Ansehen und fragte: „Wie weit ist das, bis Woischnik, wo der Mann da seinen Auftrag haben will?" „Mit dem Auto einen Katzensprung," antwortete der Bebrillte. „Also, mein lieber Herr v. Trenk, da setzen Sie den Giftmischer da hinein, nehmen Sie zwei Mann mit und inquirieren Sie seine Frau Löwenherz oder -thal, wie sie da heißt, ob die Dame ihn kennt. Wenn, er geflunkert hat . . . werden Sie ja Bescheid wissen. Derweil werden wir die beiden Arrferstandenen mal ein bisserl verhören." „Ihr werd's schon sehen," sagte Steffeck mit der Rühe eines guten Gewissens, als er in das Auto stieg, „ich bin nicht so ein Spionierer, der lügen tut." „Wird sich weisen, mein Lieber." Der Herr Oberleutnant winkte ab, und der Wagen töfftösste los. Die Autofahrt, die erste in seinem Leben, hätte Steffeck ein ungeheures Vergnügen bereitet, wären seine Reisebegleiter nur nicht gar so ungesellig und schweigsam gewesen; aus ein Paar schüchterne Anfragen, was aus seinem Gefährt werden würde -, und ob man ihn voir Woischnik etwa zurücklaufen lassen wollte, bekam er nicht gerade unfreundlich, aber sehr bestimmt die Weisung, das Maul zu halten. Der Scheinwerfer des Wagens, der ihm ermöglichte, in der stockdunklen Winternacht den Weg klar zu erkennen, imponierte ihm gewaltig, und sein Herz wurde leicht, als er rufen konnte: „Holla! Hier halt! Hier ist Jrrd Löwenherzen sein Ladenschild!" Es dauerte eine geraume Weile, ehe Frau Malka ihre Nachtmütze zum Fenster hinaussteckte rmd ebenso beunruhigt wie unwillig fragte: „Wer klopft da? Ist da einer? Wer will will was hier?" „Frau Löwenherz, Frau Löwenherz!" schrie Steffeck aus Leibeskräften, „kommen Sie mal heraus, wir haben Ihnen was zu sagen!" Eingehüllt in einen mächtigen Pelz, aus dem sich ihr langer Arm mit erhobener Hand mit einem Wachsstock, der heiße Tropfen herabsickerte — drohend he raut-streckte, das verschlafene Gesicht von dem spärlichen Lichtschein umflackert, brach Frau Malke unwillig los: „Steffeck! Du bist's! Dir mrrßt solchen Spektakel hier machen! Mitten in der Nacht, du Rindviech!" „Seht ihr's jetzt? Kennt sie mich, oder nicht?" „Stimmt," nickte Herr v. Trenk, „der Mann ist beglaubigt. Hier haben's eine Zigarr' für die Angst. Aber Sie müssen wieder mit." Frau Malka erhob jammernd Protest. „Wo ist mein Mann? Und mein Bruder? — Haben ihnen die Russen etwas getan?" Sie wollte Steffeck ohne Bericht von den Ihrigen nicht fortlassen und verlangte so herzzerbrechend weinend mit nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.