Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229282--72726-3285185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- r>M -iiun jd)au es abgelehnt hatte, für beu polnischen Dlunatandidaten zu trimmen, weil dieser sich gegen dre Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen hatte» und einen polnischen Sozialdemokraten als Vertreter der .Stadt Warschau in die Duma schickte, proklamierte die seinerzeit führende polnifche national-demokratische Partei unter der journallstifchen Führung deS Rusfensreundes Dmowfki einen allgemeinen Voywtt der Juden. Es wurde ein wohlorganisierter Kamps gegen den jüdischen Handel und die jüdische Industrie eingeleitet, ein Kampf, dessen formen und mittel von allen fortschrittlichen Kreisen auss schärfste verurteilt wurden?) In vielen europäischen Kreisen nahm man an, daß es die russische Regierung war, die die reaktionäre und antisemitische Politik der Polen untersMßt habe, um beide Parteien zu schwächen. Was die jüdischen Kleingemeinden in Polen zu erleiden hatten, während der Kampf im offenen Felde raste, davon will ich hier nicht sprechen. Die letzten Ereignisse im Königreich Polen geben indessen Aufschluß über eine Reihe von Momenten, die von größter Bedeutung für die Beurteilung der Haltung.der Polen gegenüber der jüdischen Bevölkerung sind. In der gesamten polnischen Presse findet man ausführliche Berichte über die stürmische Sitzung des Warschauer Stadtrates zu Anfang November, nur wenige Tage vor den historischen Proklamationen. Mit Recht wird drese Sitzung von den führenden Kreisen in Polen als eine historische bezeichnet. Tie führenden Männer der polnischen und der jüdischen Bevölkerung haben die Wünsche und Forderungen beider Parteien klar und deutlich ausgesprochen. Aber in allen fortschrittlichen Kreisen wird es festgestellt: E h re hat diese historische Ätzung dem polnischen Volk nicht eingebracht. Bon größtem Interesse waren die Reden der jüdischen Wortführer. Wer alle Freunde Polens werden sie mit tiefstem Kummer lesen. Tenn es waren schwere Anklagen, die hier gegen die polnische Herrschaft gerichtet wurden. Einer nach dem anderen standen die jüdischen Bertreter ans und erklärten, die Wiederherstellung eines freien selbständigen Polens sei das lebhaftest erstrebte politische Ziel der ganzen jüdischen Bevölkerung Polens. Schon bei den Wahlen zum Warschauer Stadtrat hatten die Inden ihre patriotische Gesinnung dokumentiert: sie verzichteten freiwillig auf die volle Anzahl der ihnen zustehenden Mandate im Stadtparlament. Tie Juden bilden etwa 40 Prozent von Warschaus Einwohnerschaft. Danach hätten sie von den 90 Mandaten etwa 36 erhalten sollen, was sie auch hätten durchsetzen können. Aber die Juden wünschten zu betonen, daß sie, wo es sich um den ersten Schritt zu einem selbständigen Polen handelte, die führende Stellung des polnischen Volkes anerkennen, und sie begnügten sich mit 19 Vertretern im Stadtrat. Wenn auch freilich einzelne radikale jüdische Elemente gegen eine solche bedenkliche Verzichtleistung protestiert und sogar die Bildung einer radikalen jüdischen Fraktion veranlaßt haben, die vier von den neunzehn Mandaten im Stadtparlament eroberte, so wurde doch dieser uneigennützige Schritt von der jüdischen Bevölkerung in ihrer Gesamtheit gebilligt. Jener mehr als patriotische Beschluß wurde gefaßt, nicht nur von der führenden jüdischen „Assimilantenpartei" (deren Leiter der hoch angesehene St. Nathanson ist) und von den „Neu-Assünilanten" (die von dem dänischen Konsul B. Eigers und dem warmen polnischen Patrioten Nervenarzt Dr. Goldflamm geleitet werden), deren offizielle Parteibezeichnung „die Unparteiischen" lautet, und ferner von den streng orthodoxen Inden, sondern auch von der führenden national-jüdischen Partei: den Zionisten .unter der Leitung des Herrn Farbstein. Blau betrachtete jenen Beschluß allgemein als ein weitgehendes Entgegenkommen und als einen Versuch, zu einem gegenseitigen Verständnis zu gelangen; die jüdische Bevölkerung gab sich der Hoffnung hin, daß ihre dargebotene Hand von den Polen auch angenommen werden würde. Wir haben nun die Polen in Anbetracht der Neugestaltung der Dinge diesen Schritt beantwortet und auf die jüdischen Wünsche reagiert? ' Die schweren Anklagen, die die jüdischen Vertreter gegen die polnische Polizei (Miliz) in Warschau erhoben, geben darüber Aufschluß. Mißhandlungen von Inden, zahllose unbegründete Verhaftungen von Juden, ja sogar Prügelstrafen an jüdischen Kindern und Frauen sind 2) Jetzt hat man, um sich Zu entschuldigen, die sonderbare Lüge erfunden. die Juden hätten im Jahre 1906 damit begonnen, die Polen zu boykottieren. Das .erinnert an die Behauptung der russischen Pogromleiter. die Juden hätten in den betreffenden Städten damit begonnen, ans sich selbst zu schießen. cm der Tagesordnung. Bei der Verteilung kommunaler Arbeiten an die Bevölkerung .der Stadt schloß der Magistrat die Juden Fast vollständig aus, Unter 11.000 Arbeitern, die von der Kommune beschäftigt . werden, befinden sich kaum S00 Juden. In dem ganzen Apparat der Stadtverwaltung, der viele hunderte Beamte umfaßt, befinden sich > kaum zwei oder drei Juden. Kurz gesagt, eine systematische Zurücksetzung der Juden auf allen Gebieten. Es geht so weit, daß der Magistrat selbst feinen Antisemitismus in unglaublichster Weise demonftriert. So ist z. B. die jüdische Presse bei der Versendung 'der offiziellen Mitteilungen des Magistrats an die Presse ausgeschlossen, ia felbst die freie Religionsausübung, die die russische Regierung niemals anzutasten gewagt hat, scheint für die Juden im neuen Polen nicht gesichert zu sein. So verbot die Stadtmiliz den Juden, die nach religiöser Vorschrift befohlenen Laubhütten während des Laubhüttenfestes in den Höfen aufzustellen, inbem man plötzlich erklärte, daß jeder, der diese Vorschriften zu erfüllen wünschte, ein besonderes Gesuch an den Magistrat richten müsse, wobei zunächst die Gesuchsstempelsteuer von zwei Rubeln entrichtet werden mußte. Auf diese Weise mutzten alle die Juden, für die ein Betrag von zwei Rubeln so groß ist, daß die ganze Familie eine Wollte davon lebt, diese enorme Stempelsteuer bezahlen. Eine große Anzahl dieser rituellen Laubhutten wurde auf Veranlassung des Magistrats von der Polizei niedergerissen. Es kam so weit, daß die polniscl)e Miliz in die Privatwohnungen eindrang, wo diese Laubhütten ans den Balkons eingerichtet waren, die Familienmitglieder, die um den Tisch versammelt waren, hinauswarf, die Hütten niederriß und die Bewohner bestrafte. Auf den scharfen Protest des Rabbinats hin erklärte der Magistrat, das sei auf Verlangen des deutfchen Polizeipräsidenten geschehen. Dieser erklärte indessen auf eine Anfrage, daß er nicht das geringste von diesem Uobergriff wüßte, mrd erst denr Einschreiten der deutschen Behörden war es zu verdanken, daß das Verbot gegen die Laub-! Hütten aufgehoben wurde. Eine schwere Anklage erhob auch der Führer der Zionistischen Partei, Herr Farbstein, der folgendes ausführte: „Die jüdische Gemeinde in Warschau erhielt bis vor kurzem beträchtliche Geldsummen zur Linderung der Not der Armen, besonders aus Rußland und Amerika. Nachdem diese Unterstützungen aufhörten einzulaufen, wandte sich der Vorstand der Gemeinde mit dem Ersuchen an den , Magistrat, 30 000 Rubel monatlich für die jüdischen Volksküchen zil bewilligen. Der Magistrat lehnte das Gesuch ab. Geschah das aus Mangel an Geldmiteln? Aber in derselben Sitzung bewilligte der Magistrat ja eine halbe Million Rubel für andere Volksküchen! Nun müssen wir Tausenden von jüdischen Familien das einzige warme Gericht am Tage verweigern. Wer das geht ja den Magistrat nichts an: es handelt sich ja nur um Juden!" — Besonders stürmisch gestalteten sich die Debatten, die durch einell gegen die Juden gerichteten Beschluß des Warschauer Stadtratcs veranlaßt wurden, wonach die jüdischen und die christlichen Händler bei der Anweisung der Standplätze in der städtischen Markthalle von-! einander getrennt werden sollen, und obendrein so, daß den jüdischen Händlern die hintersten, den polnischen die vorderen Plätze ange-; wiefen werden sollen. Dieser Beschluß ist geradezu eine Rückkehr zu! mittelalterlichen Zuständen, wo die Juden, künstlich abgetrennt von! der christlichen Gesellschaft, ihr Loben hinter Ghettomauern zubrachten, j Unter dem Borwand, die Sonntagsruhe sichern zu wollen, hat man! die Traditionen des ökonomischen Boykotts fortgesetzt, indem man die j Inden, denen ihre Religion verbietet, am Sabbat Handel zu treiben, zwingen will, zwei Tage in der Woche geschlossen zu halten, wozu sie; unter der russischen Herrschaft niemals verpslichtet waren! Es war also keine erfreuliche Perspektive für die Zukunft, welche die | Judendebatte im Warschauer Stadtrat eröfsnete. Dieselben jüdischen! Repräsentanten, die kaum drei Monate zuvor auf etwa die Hälfte - ihrer Mandate verzichtet hatten, verweigerten jetzt demonstrativ ihre i Zustimmung zum Budget. Das war ein ernster Protest, der Auf-! merksamkeit weit über die Grenzen des Königreichs Polen hinaus! erwecken wird. Man wird nicht verstehen können, daß Polen, welches so lange vor; Europa darüber geklagt hat, daß es das Joch .der Unterdrücker tragen : mußte, jetzt selbst die Rolle der Unterdrücker übernimmt gegenüber 1 den Millionen einer fremden Nationalität, die Jahrhunderte hindurch iin polnifchen Lande gelebt hoben. Der Weltkrieg wird ja einmal ein Ende nehmen, aber wenn der Krieg einmal durch einen dauernden