Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ausgesprochen worden ist, das. m sich weniger berechtigt und begründet ist. Was die Juden m einem Lande sind, das sind sie ofterst durch das Land geworden und die Behandlung, die sie in ihm erfahren haben. Hat die Behandlung der Juden in Galizien zur Zeit, als FranzoS jene Worte niederschrieb, ihre Unterdrückung, Knechtung und Absperrung von Licht, Luft und jeden besseren und freieren Erwerbsmöglichkeiten sie nicht erst zu dem gemacht, was sie geworden sind?' Und gilt dasselbe nicht für die vielen Millionen Juden in Rußland, Rumänien und — Galizien auch noch am heutigen Tage? Ganz Deutschland und die mit ihm verbündeten Völker sind in der Beurteilung der bundesverräterischen Handlungsweise Rumäniens einig. Ebenso einig ist die gesamte Kulturwelt in der Beurteilung der schmachvollen Behandlung, welche die Juden Rumäniens von allen Regierungen dieses Landes, ob sie nun konservativ öder' liberal waren, zu erdulden hatten. Sollen doch sogar jetzt die Gesandten Englands und Frankreichs der rumänischen Regierung nahegelegt haben, von einer weiteren Verfolgung ihrer bisherigen Judenpolitik abzugehen. Vielleicht hat es ihnen doch in der Seele weh getan, sich in d e r Gesellschaft zu sehen! Alle, welche die Juden Rumäniens in ihrem Lande selbst oder bei der Auswanderung kennengelernt haben, geben eine günstige Schilderung von ihrer körperlichen und geistigen Verfassung und ihrem kulturellen Streben. Und da soll das Wort wahr sein, daß jedes Land die Juden hat, di e es verdient? Was könnte aus den Juden Rußlands werden, wenn man ihnen dort die Freiheit der Entwicklung geben würde, wie sie die Juden in den Vereinigten Staaten Nordamerikas genießen! Also nicht an den Iuden liegt es, sondern an.ihrer Behandlung, und selten sind Ursache und Wirkung so sehr verwechselt worden wie in dem Worte, daß jedes Land die Juden hat, die es verdient. Wenn Andersgläubige dieses Wort gern im Munde führen, so ist es zu entschuldigen, weil ihr Urteil vielfach durch Sachkenntnis nicht getrübt ist, oder weil das Vorurteil aus ihnen spricht. Aber jüdische Schriftsteller sollten doch im Gebrauche dieser und ähnlicher geflügelter Worte — Maß halten. Außerhalb des Lagers lauern die Feinde, und triumphierend wird jedes Wort, das von Juden gegen Juden gesprochen wird, weitergetragen, auch wenn es — nicht wahr ist. Lin Engländer gegen den Liomsnms. in Engländer jüdischen Glaubens" zeichnet als Verfasser eines Aufsatzes über „Zionismus" in der vornehmsten britischen Halbmonatsschrift „k'ortnigbtlx' Review" vom 1. November 1916. Vom Stifter des Zionismus, jenem österreichischen Juden, den er für einen Agnostiker hielt, der nur zu Agitationszwecken später religiöse Ausdrücke verwendete, hat er das Geständnis gehört, nur durch Oesterreichs heftigen Antisemitismus zur nationalistischen Lösung der Judenfräge hingedrängt worden zu sein. Im Gegensatz zu jenem hält erden Antisemitismus nicht für eine ewige Erscheinung! solche Annahme heißt, so erklärt er in gerechtem Zorn, nicht bloß die Juden, sondern die Menschheit schmähen. Ganz im Sinne der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens — hier zöge ich gern das Fremdwort Konfession vor -- will dieser Engländer die Juden seines Landes durch das religiöse Bekenntnis allein unterschieden wissen von ihren Staatsgenossen. Die Gründe, kraft deren die Emanzipation des 19. Jahrhunderts sich durchsetzte, fürchtet er durch den Zionismus erschüttert zu sehen: ihre Verfechter hatten die Wesensgleichheit zwischen christlichen und jüdischen Briten in Ethik, Sprache, Kultur, Geschmack und Gefühl behauptet. Und nun predigt der Zionismus, die Juden aller Länder besäßen eine Nationalität, Sprache, Kultur und Gefühlsrichtung, jetzt schon oder in seinem künftigen Ideal, also alles verschieden von den Völkern, unter denen sie jetzt wohnen. Den bisher noch entbehrten Staat, in Palästina jedenfalls zu suchen, stellt sich der Zionismus vor als autonome Dependenz von einer Großmacht. Und zwar — hier lächelt unser Beobachter mit grimmer Ironie wurde bis 1914 die mohammedanische Türkei als mögliche Schutzmacht ausgelobt;' jetzt träumt der englische Zionist von britischem oder französischem Imperium als der zu wünschenden Obergewalt. Der neue Palästinenser hätte also fortan zwei Nationalgefühle zu hegen: für sein Palästina und mittelbar fürs Imperium. Der Zionismus erwidert zwar, der Kanadier fühle ja auch Vaterlandsliebe für Kanada und das Weltreich Großbritannien. Aber der Vergleich hinkt; denn der Anglo-Kanadier gleicht dem Briten in Sprache, Glauben, Kultur und Raffe. Und wie sollten drei Millionen russischer Juden, die man nach Palästina unter britisches Zepter verpflanzen könnte, plötzlich sich als Reichsbürger Britanniens empfinden? Lediglich als Palästinajuden würden sie sich fühlen! Und was sollte aus den in Osteuropa zurückbleibenden Juden werden? Ihnen gerade will der Zionismus die ihnen besonders nötige Erlösungsbotschaft bringen und fordert doch gleichzeitig die dortige Emanzipation für sie. Hier also beansprucht auch er, das Staatsbürgertum samt seinem Recht dürfe nicht an das religiöse Bekenntnis gefesselt sein, auch der Jude dürfe an der Politik seines Landes, wo auch immer, teilnehmen. In seinem Zukunftspalästina dagegen will er zwar, wie bisher in seinen Reihen, wahrscheinlich Agnostiker und Atheisten als Staatsbürger dulden. Wenn nun aber ein Palästinenser durch die Taufe Christ wird, kann er offenbar nicht mehr Bürger Zions bleiben. Also nach diesem Programm soll zwar ein gelter Russe Jllde bleiben dürfen, nicht aber künftig ein Staatsbürger Palästinas Christ sein können! Wir begrüßen die scharfe Betonung dieses Widerspruches, des einen nur unter vielen, in jenem phantastischen Traume des Zionismus. Der Aufsatz hält sich, eine große Seltenheit in Englands periodischer Literatur, fern vom KriegSgetöse und prägt manche Wahrheit in blanke Münze: „Gäbe Rußland und Rumänien im Januar den Juden die bürgerliche Gleichberechtigung, so wär' es im Dezember mit dem Zionismus vorbei!" Freilich müßte sie die gesellschaftliche Gleichstellung mit einschließen. F. L i e b e r m a n n. Die Stellung der Juden im neuen Kojen. Von Prof. D. S i m 0 n s e n.1) ie polnische Frage ist, wie bekannt, jetzt besonders brennend geworden, und ich darf daher vielleicht Gelegenheit nehmen, hier einige rein objektive Mitteilungen zu machen, namentlich soweit die Lage der Juden durch die Neuordnung von Polens Stellung berührt wird, die auf der einen Seite durch das Manifest des Großfürsten Nikolai über Polens Autonomie, auf der anderen jetzt durch die Proklamation der Zentralmächte über die Wiederaufrichtung des Königreiches Polen eingeleitet worden ist. Ich werde nur flüchtig die Unruhe berühren, die sich bei der Proklamation von Galiziens Selbständigkeit von seiten Oesterreichs gezeigt hat, indem die ruthenische Partei, welche furchtet, von der polnischen Majorität sowohl in Oesterreich wie außerhalb ihres Vaterlandes unterdrückt zu werden, erklärt hat, sich nicht darein finden 311 können, daß Galizien die beabsichtigte Sonderstellung erhält. Hier will ich nur von Kongreß- Polen sprechen, wo die letzten Begebenheiten und Proklamationen die Nationalitätenfrage zu einer brennenden gemacht haben. Bekanntlich hat sich das Verhältnis zwischen den Polen und den Juden in Russisch-Polen in den letzten Jahren außerordentlich zugespitzt. Als vor ungefähr vier Jahren die jüdische Bevölkerung in *) „Berlingske Tidende" (Kopenhagen) vom 28. November 1916 (Abendausgabe).