Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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:.jW und ein Gebetbuch). Wenn ihr Zeit haben werdet, sv betet alles das, was ein Jehudi, wie ihr bereits wißt, zu beten schuldig ist. Habt ihr aber nicht so viel Zeit übrig, so leset wenigstens den Abschnitt „Sch»na". Im übrigen seid immer Gott getreu im Herzen, weichet nicht von dem Glauben eurer Väter und dienet unserem allergnädigsten Landessürsten mit gutem Willen und rastloser Tätigkeit. Erwerbet euch und unserer ganzen Nation Dank und Ehre, damit man sehe, daß auch unsere Nation ihren Landessürsten und die Obrigkeit liebet und im Falle der Not ihr Leben aufzuopfern bereit ist. Ich hoffe, daß wir durch euch, wenn ihr euch ehrlich und treu, wie es jedem Untertanen zusteht, aufführt, auch noch jener Vorurteile werden entledigt werden, die uns zum Teile noch drücken. Und welchen Ruhm und welche Liebe werdet ihr alsdann nicht davontragen bei allen rechtschaffenen Menschen, so gut wie bei euren Mitbrüdern, und hiermit will ich euch noch meinen aus innigem Herzen einporsteigenden Segen erteilen, »vill aus euch jene Psukim (Verse) in Tillim (Psalmen Davids) anwenden, die auf eure jetzigen Umstände passen. (Psalmen, Kap. Sl, Vers 10 ff. hebräisch und deutsch): „Es wird dir kein Unglück begegnen und Plage wird sernbleiben von eueren Zelten, er wird seine Engel vor euch senden, die euch behüten werden, sie werden euch aus ihren Flügeln tragen, nur gebt acht, daß euer Fuß nie strauchle (ihr nicht mit Willen Gesetze der Religion übertretet). Wenn der Feind rasend wie ein Tiger und giftvoll wie eine Schlange angezogen komint, werdet ihr ihn zertreten." Die Uebersetzung von Ezechiel Landau ist populär der militärischen Situation angepaßt. Die Rede schließt mit dem Priestersegen Jeworechecho. Diese schlicht, sehr populär angeordnete Ansprache mußte narnentlich auf die in ganz fremde Verhältnisse abziehenden Jünglinge »nächtig einwirken. In den Ländern Deirtschlands hat zu Beginn der Freiheitskriege, namentlich in Preußen, zum erstenmal ein großer Andrang jüdischer Jünglinge den Eintritt in die Heere begehrt und sie wurden mit Fre»»de an die Seite ihrer christlichen Kampfgenossen eingereiht, während die Juden Oesterreichs ursprünglich in besonderen Abteilungen (des Fuhrwesens) vereinigt wurden. Bei dem begeisterten feierlichen, auch kirchlichen Willkommgruße, den die freiwilligen christlichen Krieger fanden, die dein Ausrufe Friedrich Wilhelm III. folgten, ist es dann nur natürlich, daß dieselbe Stimmung in den jüdischen Familien und Kreisen freudig widerhallte. Da sah man sich aintlich oder nichtaintlich auch bei den Juden, namentlich in dem damaligen Aufenthaltsorte des Königs, in Breslau, nach einer religiösen Sanktion der patriotischen Begeisterung des neuen Heeres um. Gern folgte der damalige Breslauer Landesoberrabbiner Aron Karfunkel dieser an ihn ergangenen Aufforderung und hielt an die neu eingekleideten Jünglinge vor ihrem Auszuge in den Krieg aus Anlaß ihrer Beeidigung eine begeisterte und begeisternde religiöse Ansprache, die noch nach Jahrzehnten in der Erinnerung der Schlesier lebte. Mein Freund und einstmaliger Studienkollege am Jüdischtheologischen Seminar in Breslau, später in Berlin, Herr Max Karfunkel, erzählte mir, daß er irr» Jahre 1870 in seiner Freiwilligenabteilung eines schlesischen Regiments in Breslau an diese patriotische Tat seines Großvaters erinnert wurde. Vor dem Abgänge der Abteilung auf den Kriegsschauplatz hielt nämlich der kommandierende Leutnant eine patriotische Ansprache, in welcher er die Soldaten an die Großväter erinnerte, die unter ähnlichen Umständen im Jahre 1813 von Breslau aus zu Wundertaten der Tapferkeit auf denselben Kriegsschauplatz abrückten.. Zum Schluß forderte er diejenigen Freiwilligen, deren Großväter oder Ahnen in den Freiheitskriegen mitgewirkt hätten, auf vorzutreten. Karfunkel trat mit mehreren anderen vor und der Leutnant fragte jeden nach dem Truppenkörper, Rairg und Tätigkeit seines Ahnen. Als die Reihe an Karfunkel kam, sagte der Offizier verwundert: „Na, Ihr Großvater wird wohl Lieferant gewesen sein?" Karfunkel antwortete jedoch: „Nein, 1813 hatte sich eine große Anzahl von jüdischen Jünglingen freiwillig zu Kriegsdiensten gemeldet. Mein Großvater war damals Landesoberrabbiner in Breslau und verabschiedete sich von ihnen mit einer begeisterten Ansprache, wünschte ihnen und ihren Waffen glücklichsten Erfolg und erteilte ihnen den üblichen Priestersegen." Der Hergang war folgender: Auf dem damaligen Schweidnitzcr Anger, dein jetzigen Tauentzienplatz in Breslau, ivar ein Altar aus Trornmeln errichtet. Bei deinselben nahin König Friedrich Wilhelm Hl. »nit Gefolge Aufstellung. Die in und bei Breslau zusammengezogene Schlesische Armee unter Blücher war aufmarschiert. Der evangelische »ind der katholische Feldprobst hielten Ansprachen, dann »»rußten sänrtliche Juden vortreten und der Ober-Landesrabbiner, mein Großvater, sprach. Der Inhalt der Rede war: „Die preußischen Juden haben das Staatsbürgerrecht und damit ein wirkliches Vaterland erhalten. Zum Dank dafür seid ihr zu den Fahnen geeilt und werdet eure Pflicht tun, um zu zeigen, daß ihr der Wohltat würdig seid. — Von dem Moment ab, wo ihr in den Krieg zieht, seid ihr nur Soldaten. Vergesset nie, daß ihr Juden seid, aber das Zeremonialgesetz ist während des Krieges nicht für euch verbindlich; ihr habt nur daran zu denken, daß ihr eure Pflicht als preußische Krieger zu tun habet, alles andere ist nebensächlich." Die Rede machte einen solche»» Eindruck, trotzdem sie in jargonartiger Sprache gehalten wurde, daß der König den» Redner mit dein Ausdruck »värmsten Dankes die Hand reichte. Uebrigens befanden sich unter den et»va 200 Soldaten 16 Bachurim von Großvaters Jeschibah, sämtlich Freiwillige, und »venn man sich einen Bocher vor 100 Jahren vorftellt, so bekoinint man erst einen Begriff, tvie »nächtig der Zeitgeist die Gemüter ergriffen haben inußte." In den langen Friedensjahren von 1815 bis 1848 war weder in Oesterreich noch in Deutschland Gelegenheit oder der gute Wille vorhanden, für die jüdischen Soldaten eine besondere Seelsorge einzurichtei». Sofern die jüdischen Mannschaften das Bedürfnis empfanden, sich an gottesdienstlichen Veranstaltungen zu beteiligen oder religiösen Bedürfnissen Genüge zu leisten, fanden sie überall das größte Entgegenkommen und die bereitwilligste Unterstützung der nächstgelegenen jüdischen Gemeinde»». Daß die jüdischen Gemeinden nn Namen ihrer Glaubensgenossen in» Heere vom Staate verlangen dürfen, daß der Staat für die religiösen Bedürfnisse der Soldaten, narnentlich da, »vo sie in größerer Anzahl beisaminen waren, vorzusorgen habe, kau» damals den gedrückten Juden gar nicht in den Sinn. Sie hatten auf allen Seiten ri»»r vorzusehen, daß ihnen kein U»»recht geschehe, und in» Jahre 1842 hatten die Juden in Preußen die größten Anstrengungen zu »»»achen, die drohende Entziehung des Rechtes, Soldaten zu werden, von sich abzuwendei». Nur in Ungarn, wo auch in Friedenszeiteu schon in der» letzten Jahrzehnten ein Jeldrabbinertum bei der Honved (Landwehr) eingerichtet war, folgten in» Jahre 1848 den gegen Oesterreich kämpfenden Revolutionsheeren Feldrabbiner. Im österreichisch-ungarischen Heere, »vo stets nach Möglichkeit für die einzelnen vertretenen Nationalitäten und Glaubensbekenntnisse liebevoll vorgesorgt wurde, finden »vir im Italienischen (savoyisch-sranzösischen) Kriege 1859 "zum erstennrgl einen eigenen Feldrabbiner in der Person des Herrn Joses Szüntü, der der de»»tschen und ungarischen Sprache gleich mächtig war.