Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Konnte Ree nun auch seine Pläne nicht i» Wirklichkeit umsetzen, so ermüdete er doch nicht, für die Verbreitung seiner Gedanken durch Schrift und Wort tätig zu sein. Man darf aus seinen Bestrebungen nicht etwa den Schluß ziehen, daß er, der für die konfessionslose Schule eintrat, lau oder irreligiös war. Im Gegenteil hielt er es für die höchste Pflicht des Menschencrziehers im besonderen, „sich allzeit in Zusammenhang mit Gott zu wissen und darin zu leben". Tie Toleranz, die er predigte, bezeichnte er selbst einmal „nicht als gleichgültig gegen das Höhere". Allerdings war er kein bekenntnistreuer Jude, aber er verurteilte streng die Taufe und ist innerlich seinem Glauben innig ergeben geblieben. Zur Charakteristik des wackeren und schlichten Mannes, der nie nach Ehren geizte, sein Leben unermüdlicher Tätigkeit weihte, durch sein ganzes Dasein vorbildlich aus eine ganze Reihe von Schülern wirkte, die es teilweise im Leben sehr weit brachten, diene ein Wort, das einer seiner Freunde im Jahre 1861 über ihn schrieb: „Im Wollen ein Mann, in Einfachheit der Ueberzcugung ein Kind, im Wissen ein Gelehrter, im Ausdruck ein Bolksmann, ein Mann, der es nicht verachten wird, wenn ich ihn obenan und vor allem eine ehrliche Haut nenne, das ist Dr. Rve." Wir dürfen uns solcher Männer als der Unserigen erfreuen. Lur Gelchichte der ilraelitilchen Militärleellorge in Leullchlantl und Lrltrrreich. Zugleich Erinnerungen aus meiner 42 jährigen Tätigkeit als MtUlärseetsorger'). Non k. k. Projessor. Dr. Alex. Kisch, Rabbiner der Israelitischen Gemeinde in Prag, k. k. Substdiarseelsorger der Garnison Prag, früher k. k. Feldrabbiner i. d. R. ie „Allgemeine Zeitung des Judentums" hat in Nr. 23 (1916) das Bild des jüngsten k. k. Feldrabbiners, Herrn Hrrsch Lebovizs, gebracht; da habe ich, als zweifellos ältester der jüdischen Feldgeistlichen, dem Anreize nicht widerstehen können, von dem, was ich über die Geschichte des Feldrabbinates weiß, hier den Lesern zu erzählen, obzwar ich nur weniges dokumentarisch belegen kann und das übrige nur nach meinem allerdings sehr treuen Gedächtnis wiedcrgeben muß. Natürlich werde ich am ausführlichsten die Geschichte der israelitischen Militärseelsorge in der k. n. k. österreichischungarischen Armee und Landwehr zu behandeln imstande sein. Die rabbinische, oder wie man nicht ganz richtig jetzt zu sagen pflegt, die seelsorgerische Tätigkeit für die Soldaten jüdischer Konfession ist verhältnismäßig sehr jung. Ist doch erst seit nicht zu langer Zeit in den Heeren Deutschlands und Oesterreich-Ungarns ein nennenswerter Bruchteil Angehöriger von jüdischer Konfession. In den jetzt österreichisch-ungarischen Landen hat erst Kaiser Josef II. (1780 bis 1790) die Juden zum Militärdienste zugelassen und noch später verpflichtet. In Preußen-Deutschland ist erst in den Befreiungskriegen ein frischer und nennenswerter Zuzug von jüdischen Jünglingen in die gegen Napoleon ziehenden Heere zu verzeichnen. Die Beeidigung der frisch angeworbenen Soldaten, die natürlich wie auch der zivile Eid der Juden damals streng konfessionell war, machte schon das Eingreifen eines Rabbiners in militärische Angelegenheiten nötig. In Oesterreich erschien sogar 1788 ein eigenes Regulativ für die Beeidigung der jüdischen Soldaten. Natürlich hätten die Rabbiner ihre Hilfsleistung bereitwilligst auch dann geboten, wenn sie nicht dazu befohlen worden wären. ’) Nachdruck nur mit Nennung der Quelle und mit Erlaubnis des Verfassers gestattet. Von dem berühmten Prager Oberrabbiner Ezechiel Ländaü (geb. 25. Oktober 1713 in Ofto (Polen), seit 1752 Oberrabbiner von Prag, wo er 1793 starb), gewöhnlich mit dem Namen seines Hauptwerkes „Nodä bi Jehuda" genannt, wird beglaubigt erzählt, daß er an die ersten jüdischen Rekruten Prags, wahrscheinlich in der Synagoge, eine begeisterte Ansprache gehalten und sie über ihre Pflichten gegen Gott und den Kaiser in ihrem neuen . Stande belehrt habe. Merkwürdigerweise sind die Angaben über den Inhalt dieser Ansprache einander widersprechend. Hier in Prag hat sich eine ausgebreitete Tradition erhalten, daß dieser strenggläubige, die talmudischc Ueberlieserung. als unbedingt unverbrüchliche und für das religiöse Leben maßgebende Richtschnur erklärende Vvlkslehrer des Judentums die jungen Soldaten darüber belehrt habe, daß sie sich während ihrer Militärzeit im Dienste unter einem religiös anerkannten Zwange (Ones) befinden, daher ihren Obliegenheiten und Pflichten, die ihnen von ihren Vorgesetzten ausgetragen werden, ohne Bedenken nachzukommen haben, selbst wenn sie im Widerspruche zur religiösen Vorschrift (z. B. Sabbatvorschristen, Speisegesetze, Schaatnes usw.) stehen. Natürlich seien die Vorschriften, welche dem Israeliten selbst bei Bedrohung seines Lebens verboten sind (Götzendienst, Blutschande, Mord usw.), > ausgenommen. Diese würden jedoch voraussichtlich von unseren Militärvorgesetzten nie und nimmer besohlen werden. Anders jedoch wird in der großen bei Kohn L Fried in Munkacz (Ungarn) unter dem Titel „Moses ha Dor" im Jahre 1963 erschienenen ausführlichen Biographie Jezechiel Landaus berichtet. Dort lautet der Bericht und die Rede nach dem mir nicht zugänglichen „Jüdischen Volksblatt" vom Dezember 1902 folgendermaßen: „Am 15. Jjar 5549 (12. Mai 1789) wurden 25 Mann von den Leuten unserer Gemeinde (Prag) auf Befehl des Kaisers zum Militärdienste genommen. Nachdem sie in der Kaserne (!) versammelt worden waren, ging zu ihnen unser ehrwürdiger Herr Rabbiner Ezechiel (sein Licht leuchte) und sprach ihnen zu Herzen Trostworte, um sie über den Weg zu belehren, den sie während ihres Aufenthaltes im Lager gehen sollten. Und er sprach vor ihren Ohren nachfolgende Worte (die hierher gesetzt sind ohne Aenderung und Zutat nach seiner Sprache), so daß das Herz aller, d'ie sie hörten, gerührt wurde und. ihre Augen Ströme von Tränen vergossen; sowohl sie als die Soldaten, die um sie standen, um sic an den Ort ihrer Ausbildung zu bringen, weinten und versicherten, daß sie ihnen nach Möglichkeit ihre Arbeit erleichtern und sie behüten werden! >vie ihren Augapfel." Die Rede selbst ist auch im hebräisch abgefaßten „Moses ha Dor" hochdeutsch angeführt, obzwar Ezechiel Landau (nach Grätz, „Geschichte der Juden" 11. Band, S. 44 ff.) ein großer Gegner des Mendelssohn-Deutsch war. Doch luck er sich in seinein Verkehre mit den Aemtern, namentlich schriftlich, eines sehr reinen Hochdeutsch bedient. (Vgl. mein „Ez. Landans mvsaisch-talmudisches Eherecht", Leipzig 1900.) Die Rede lautet: „Meine Brüder! Die ihr meine Brüder wäret, Poch jetzt seiet und immer sein werdet, solange ihr fromm und rechtschaffen handelt! Gott und unser allergnädigster Kaiser will, daß ihr zum Militärdienst genommen werden sollt. Schickt euch daher in euer Schicksal, folget ohne Murren, gehorcht euren Vorgesetzten, seid treu aus Pflicht und geduldig aus Gehorsam, vergeßt aber nicht eure Religion, schämt euch nicht, Jehudim zu sein. Betet Gott täglich gleich bei eurem Ausstehn an. Denn Gottesdienst geht vor allem. Der Kaiser selbst und alle seine Diener, die da gegenwärtigen (hier machte er eine höfliche Verbeugung gegen die. anwesenden Offiziere) und die nicht gegenwärtigen, beten täglich ihren Schöpfer an. Schämt euch dieser Zeichen der jüdischen Religion nicht (hiebei gab er jedem von ihnen ein Päckchen Zizith, ein Paar Tefillim