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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-08 · Heft 49 (8.12.1916) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 49 (8.12.1916)
Date
1916-12-08
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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580 wachen, jedes fremdländische Geistreicheln von der Sprache, die des deutschen Juden Muttersprache ist, fernzuhalten. Ferner mache er stch zur Pflicht die Ausschaltung parteipolitischer Rücksichten bei der Behandlung rein vaterländischer Fragen und strenge Zurückhaltung lege er sich auf in den Angelegenheiten der christlichen Bekenntnisse. Mit 'ton freudigen Bewußtsein der innigen Zugehörigkeit zum deutschen Wesen solle aber der Stolz auf die Zugehörigkeit zur Jndenheit verbunden sein. Ebenso darf nicht aufhören das unablässige Ringen um die schwer zu erlangende Gteichberechtigu ng. Eine gute Vorbedeutung ist es, daß das Schicksal in der Aufrvlluug der ostjüdischen Frage den Deutschen und den deutschen Juden die gemeinsame Aufgabe zugeteilt hat. an der Befreiung der polnischen Juden und ihrer Erziehung zur Freiheit zu arbeiten. Mit Worten vaterländischer Begeisterung schloß der Vortragende. Die Zuhörerschaft stimmte mit starkem Beifall bei. * Ueber Rußland liegen verschiedene Nachrichten vor. Zunächst lasser: wir eine Mitteilung unserer Korrespondentin M. B. hier folgen, einen Bericht, der so lautet: D e r V e r t r e t e r d e r I u d e n i n d e r R e i ch s d n rn a. Selbst die russische Presse erkennt den Mut an, den der Abgeordnete Friedmann in der letzten Sitzung der Reichsduma bekundet hat, indem er unter anderem folgendes ausführte. Obschon das Parlament einen Plan entworfen hatte, wonach die Kriegszensur Organe nur deshalb nicht aufheben sollte, weil sie in besonderen Sprachen erscheinen, ist das jüdische Volk in Rußland jetzt seiner Presse beraubt und des Rechtes, Geber- und Lehrbücher und selbst Auskunstshandbücher in seiner eigenen Sprache zu haben. Der Minister der Volksaufklärung betonte zu Beginn dieses Jahres, daß es tief bedauerlich sei, daß die Wiedereröffnung der Universität Warschau von der deutschen, und nicht von der russischen Regierung erfolgt sei. Ich weiß nicht, ob unsere Regierung auch bedauert, daß die Prozentnorm auf dem besetzten Gebiete nicht von ihr aufgehoben wurde, sondern von der deutschen Regierung! Ich weiß aber, daß dem privaten und mit Privatmitteln gegründeten Psycho-neuralgischen Institut vom Ministerrat bedeutet wurde unbedingt eine Prozentnorm für Juden einzuführen. Die Warschauer Universität macht gegenwärtig keine Unterschiede mit den Juden, dagegen macht sie die nach Rostow am Don verlegte Warschauer Universität. Ungeachtet eines Mangels an Veterinären läßt das nach Nowotscherkask umgesiedelte Warschauer Beterinärinstitut keine jüdischen Studenten zu, weil Juden dort kein Wohnrecht haben, obschon Studenten als akademische Bürger es ohnehin überall erlangen. Ich wurde gefragt, ob die Prozentnorm in der Bukowina bestehe. Ich weiß es nicht genau, doch falls sie nicht besteht, so ist das nur auf den Umstand zurückzuführen, daß die Juden zeitig das Land verlassen haben, um den Leiden aus dem Wege zu gehen, die nach unserem ersten Eindringen dort über sie verhängt wurden. Es ist mir ferner unbekannt, ob unsere Regierung bedauert, daß die Warschauer Selbstverwaltung keine Beschränkung für die Juden enthält. Es ist mir aber wohl bekannt, daß in dem vom Ministerium des Innern jüngst verfaßten Entwurf für eine neue Städteordnung die Judenbeschränkung beibehalten worden ist. Auf diese Weise werden bei uns die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit in die Tat umgesetzt! Wenn die Regierung uns schon in die Irre führen kann, so schloß Friedmann, anders verhält es sich doch noch mit der Reichsduma! Auf sie richten sich alle Blicke des Volkes, und dennoch ist sie in bezug auf Recht und Gerechtigkeit nicht weit hinter der Regierung zurückgeblieben! Selbst die ganz bescheidenen Versprechungen, die sie uns.auf der ausländischen Tagung gemacht hat, sind nicht erfüllt worden und der „kühne Schritt zum neuen Wege" läßt immer noch auf sich warten. Findet sich der Wegführer nicht bald, so kann der „Schritt" überhaupt eine verhängnisvolle Verspätung erfahren. Wie dem auch sei, das Judentum wünscht viel Glück zum neuen Weg! * Endlich sei Raum gegönnt zwei Notizen, deren eine freilich aus trüber Quelle, nämlich der „Deutschen Tageszeitung", stammt und die zweite der „B. Z. am Mittag" entnommen ist. Sie lauten: Die r u s s i s ch e n Jude u in England. Wie der „N. R. £)." aus London erfährt, wurde wegen des Antrages des englischen Ministers Samuel betreffend die Dienstpflicht der russischen Juden, vom „9k a t i o n a l W o r k m e n Com - m 111 e c o f Iewis h N i g h t s" eine Protestversammlung berufen. Ter Jurist Morris H i l q u i t sagte in seiner Rede: Die Juden nach Rußland zurücksenden, bedeutet für sie so viel wie der Galgen oder Sibirien! Der Vorsitzende Sjiplakow war der Meinung, daß England nicht das Recht habe, politische russische Flüchtlinge seinen Armeen einzuverleiben. Am Schlüsse der Versammlung wurde ein Telegramm an den Minister des Aeußeren gesandt, worines heißt: Die Juden werden nun in fast allen kriegführenden Ländern Opfer bringen müssen. Es wird ein großes Unglück für die Sache der Menschlichkeit sein, wenn England, das traditionelle Land der Freiheit und Demokratie, sich den Brachten anschließt, welche die Juden unterdrücken. -- Am 22. Oktober fand in London eine von den jüdischen sozialdemokratischen Vereinen in England anberaumte Versammlung statt, welche sich gleichfalls gegen die Vorstellungen von Minister Samuel wandte. Nachdem viele bekannte Pcirsönl-ichteitnr aus der russischen Arbeiterbewegung gesprochen hatten, wurde emstimmig ein Beschluß angenommen, in den: erklärt wurde, daß die Politik der englischen Negierung in dieser Sache gegen die Flüchtlinge gerichtet sei und die Vernichtung des Asylrechtes bezwecke. Diese Politik, hieß es weiter, sei ein schwerer Schlag für die internationale Arbeiterbewegung. Darum fühle die Versammlung sich verpflichtet, zusammen mtt dem internationalen Proletariat „jene Uebereintunft mit Rußland" zu bekämpfen. I u d e ix s i u b k e i n e r u s s i s ch e u 1t n tert a u e n! Ein im Charkow er „Jnshnij Kraj" abgedruckter Befehl des Generals Brussilow vom 10. August 1916 Nr. 1193 über das Verbot des Photographierens im Gebiet der Eisenbahnen, Wasser- und Landwege der Südwestfront enthält unter Nr. 6 folgenden Satz: „Das Photographieren für den dienstlichen Bedarf muß vorzugsweise Militärpersonen des aktiven Dienstes übertragen werden und nur als Ausnahme Zivilpersonen, aber nur russischen Untertanen, keinen Jlideu." Untan (1815 bis 1891.) Bon L udwig Geige r. nton Ree, dessen 100. Geburtstag am 9. November 1915 ziemlich unbeachtet vorübergegangen ist, hätte schon damals verdient, daß sein Andenken aufgefrischt worden wäre, und so darf man Herrn Feiner dankbar sein, daß er es nachträglich tut. Wir folgen seiner Darlegung und teilen unseren Lesern das Wichtigste aus seiner Schrift mit. Anton Me ist am 9. November 1815 in Hamburg geboren und am 13. Juli 1891 in seiner Vaterstadt gestorben. Er wurde zuerst durch einen Hauslehrer nach Rousseauscher Methode erzogen, dann in einer höheren Schule unterrichtet, studierte in Kiel Philosophie und Hebräisch, wollte die Do-- zentenlaufbahn einschlagen, wurde aber durch die Verarmung l) „Dr. Anton Ree, ein Kämpfer für Fortschritt und Recht." Von Jos. Feiner. Mit einem Bilde Dr. Rees. Alfred Janssen, Hamburg 1916. Der Verfasser des Buches macht sich seine Ausgabe einigermaßen leicht. Er füllt viele Bogen mit Reden, Ansprachen und Briefen, die, von, an und für R4e geschrieben worden sind. Er steht nicht ganz auf dem Standpunkt seines Helden und macht etwas zu selbstbewußt seine Ansichten gegen ihn gellend. Im ganzen jedoch ist das Buch anregend lmd lesbnB geschrieben.

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