Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-08 · Heft 49 (8.12.1916) · p. Seite 579

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 49 (8.12.1916)
Date
1916-12-08
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229282--72719-3285178
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wir haben mehr als einmal, verschiedentliche .Maßnahmen..-des Kriegsernährungsamtesals verfehlt bekämpft, aber die b l i n d - lings verallgemeinernde Kritik, die aus.diesem Schreiben spricht, macht nicht gerade den Eindruck, als ob sie Vvrurteilssrei an die Dinge herangetreten ist. Es ist mehr als gehässig, davon Zu sprechen, „daß der Mittelstand systematisch zugrunde gerichtet werde" und daß „jüdische Gaunerei und agrarische Habsucht das Volk in unerträglicher Weise auspowern", und es gehört schon ein sehr robustes Gewissen dazu, derartige Vorwürfe ohne jede Einschränk u n g anszusprechen. * Ueber die Generalversammlung -des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus haben wir im „Gemeindeboten" schon einen kurzen Bericht gebracht. Zur Ergänzung jener kurzen Mitteilung folge hier ein längerer Bericht über die beiden wichtigen Reden: In seiner Begrüßungsansprache wies der Vorsitzende, Reichstagsabgeordneter Gothein, darauf hin, wie die Hoffnung, daß die Zeit des großen Krieges die alten Streitigkeiten aus der Welt schassen und das Fortbestehen einer Organisation, wie die des Abwehrvereins, überflüssig machen werde, sich nicht erfüllt habe. Denn schon hätten die Gegner ihr übles Banner wieder entfaltet. Nachdem der Vorsitzende einiger verstorbener Männer, die sich um die Bestrebungen des Vereins besonders verdient gemacht haben, u. a. des Stadtverordneten v. Lasaulx (Frankfurt a. M.) und des Professors Ohr, die als Offiziere den Heldentod gefunden, in ehrenden Worten gedacht hatte, erstattete der Schatzmeister, Landgerichtsdirektor a. D. K a n z o w, M. d. A., den Kassenbericht, worauf die Entlastung erteilt wurde. ^Sodann sprach Bergrat Gothein über das Thema „Die Juden im Heere". Er erinnerte an das Kaiserwort: „Ich kenne keine Parteien, ich kenne nur noch Deutsche." Ohne Unterschied der Konfession sei rnan mit Begeisterung in den Kamps gezogen, um ein Vaterland zu erstreben, frei nach außen, frei im Innern. Groß sei die Zahl der jüdischen Freiwilligen gewesen. Wir müßten denen danken, die für das Vaterland ihr Leben geopfert, aber auch denen, die den Gedanken der Völkerverständigung vertieft haben, wie dem auf dem Felde der Ehre gebliebenen Ludwig Frank. Aber der Proklamierte Burgfrieden habe nicht lange vorgehalten bei den Engherzigen und Neidischen und bei den Nationalisten. Die böse Saat des Antisemitismus sei wieder aufgeschossen. Man habe beit Juden ihre Kampfesfreudigkeit bestritten und sie zurnckgesetzt. Dadurch dürften sie sich aber nicht verbittern lassen. Mancherlei Beschwerden habe er (Redner) beim Kriegsministerium vor gebracht, und zum Teil sei eine Besserung eingetreten. Vorgesetzte, die ihre Untergebenen nicht gleichmäßig behandeln, versündigten sich am Geist vom 4. August 1914. In mancher Beziehung sei es ja besser geworden, zirka 1600 jüdische Offiziere seien ernannt worden. Die jüdischen Soldaten hätten im vollsten Maße ihre Schuldigkeit getan, über 8600 Eiserne Kreuze 2. Klasse und über 80 1. Klasse seien ihnen verliehen worden. Tausende von Toten und Verwundeten hätten sie aufzuweisen. Und angesichts solcher Blutzeugen seien sie in meist anonymen Denunziationen als Drückeberger hingestellt worden. Statt die Denunziationen in den Papierkorb zu versenken, habe der Kriegsminister Wild v. Hohenborn sie gelvürdigt und die konfessionelle Statistik angeordnet, was tief bedauerlich sei. Eineantisemitische Absicht habe gewiß nicht Vorgelegen, aber der Minister sei sich nicht darüber klar geworden, wie sein Erlaß wirken mußte. Das Zeuge nicht von einer weisen Voraussicht. Und der inzwischen erschienene zweite Erlaß könne die üble Wirkung des ersten nicht anfhebesi. Redner kritisierte des weiteren den in der Reichstagskommission beschlossenen Antrag über eine in den Kriegsgesellschaften vorzunehmende Statistik, wobei sich übrigens die national-liberalen Mitglieder in Gegensatz zu ihrer Fraktion gestellt hätten. Der Vorgang in der Kommission sei eine grobe Ungeschicklichkeit, eine Dnnnnheit gewesen. Man hätte Bismarck zum Vorbild nehmen sollen, der 1874 jede konfessionelle Statistik entschieden abgelehnt hatte. Eingehend erörterte Redner Die hervorragenden Verdienste von jüdischen Männern der Wissenschaft und der Praxis, wie Walter Rathenau, Frank, Eäro, Haber, auf dem Gebiete der Kriegsindustrie^ und erwähnte den Anteil der Juden an den Kriegsanleihen. An den Kriegsgewinnen seien Juden wie Christen beteiligt, der unheilige Goldhunger sei konfessionslos. Nähmen etwa nicht auch die. christlichgermanischen Landwirte die Preise, die sie kriegen können? Ferner hob Abgeordneter Gothein die Leistungen der jüdischen Aerzte im . Kriege hervor und die Beteiligung jüdischer Männer und Frauen an der Kriegswohlfahrtspflege und an der sozialen Fürsorge. Darum sei es unerhört, daß man die Juden entrechten will: eine schwere. Versündigung an dem guten Geist des deutschen Volkes. Stürmischer, Beifall lohnte die Ausführungen des Redners. Der Korreferent, Landtagsabgeordneter Justizrat Waldstein, bezeichnete es als eine Pflicht nicht bloß der Juden, gegen die Verunglimpfung eines Teiles des deutschen Volkes Verwahrung einzulegen. Wenn manche Inden meinten, man solle die Opposition gegen die Statistik unterlassen, um nicht den Eindruck hervorzurufen, als ob man etwas zu verbergen hätte, so dürfe das deutsche Volk, ein deutscher Volksvertreter einen solchen Standpunkt nicht vertreten. Jeder habe seine Pflicht zu erfüllen; welchen Glaubens er sei, gehe niemand an. Das jetzige Verhalten des Zentrums stehe in Widerspruch zu dem von ihm seinerzeit eingebrachten Toleranzantrag. Von einem antisemitischen Exzeß dürfe man hier nicht sprechen. Der Fehler liege auf dem Gebiete der politischen Moral, der politischen Intelligenz. Beim Kriegsminister liege ein Mangel an psychologischem Empfinden vor. Wie es den Deutschen schlecht gehe auf dem internationalen Bewertungsmarkt, so gehe es den Juden schlecht auf dem inneren Bewertungsmarkt. Der Staat begehe Selbstmord, wenn die eigenen Organe seine Gesetze, seine Verfassung nicht achten. Es entspreche auch einem internationalen Bedürfnis des Deutschen Reiches, daß in Deutschland und Preußen Gesetz und Recht gelten. Möge unser Auswärtiges Amt aus diesem Gesichtspunkt die Dinge betrachten. Er glaube, daß der auf Neid und Mißgunst verankerte Antisemitismus nicht so leicht verschwinden werde, zumal große Parteien ihn als Mittel für ihre Zwecke benutzten. Wenn sie sich selber nicht damit befaßten, so ständen ihnen Spezialisten zur Verfügung, die das unsaubere Handwerk gegen fremde Rechnung übernehmen. In der ersten Zeit des Krieges habe sich der Antisemitismus verkrochen. Als sich im weiteren Verlaufe des Krieges die Schwierigkeiten mit) Mühseligkeiten häuften, sei er wieder hervorgekrochen. Nun sei er am Werke. Trotzdem solle man sich nicht dem Pessimismus ergeben. Die gewaltigen Tatsachen des Krieges würden ein Gegengewicht bilden. Dem Antisemitismus gegenüber gebe es nur ein Mittel: weiter seine Pflicht tun und sich mit dem Milt wappnen, der die stumpfe Welt besiegt, den Blick auf das große Vaterland richten und dafür sorgen, daß aus den Schrecken des Krieges ein ehrenvoller, dauernder Friede nach außen und nach innen hervorgehe. Nachdem sich der stürmische Beifall, der auch diesem Redner zuteil wirrde, gelegt hatte, knüpfte sich an beide Vorträge eine Debatte, an welcher sich die Herren Hirsch (Mannheim), der über die Stimmungseiner Glaubensgenossen in Süddeutschland berichtete, Hoffstedt (Berlin), ein Veteran von 1870, der sich jetzt als 70jähriger — zu seinem großen Leidwesen vergeblich — der Heeresverwaltung zur. Verfügung gestellt hat, und Abgeordneter K a n z o w beteiligten. Letzterer betonte, daß der bayerische Kriegsminister das Verlangen nach einer Judenzählung mit aller Entschiedenheit zurück»-' gewiesen habe, beleuchtete den in der letzten Zeit von rechtsstehenden Blättern betriebenen Antisemitismus, riet seinen jüdischen Mitbürgern, sich durch die unliebsamen Vorkommnisse nicht verbittern zu lassen, sondern ihre Pflicht gegen das Vaterland doppelt zu tun, und schloß unter lebhaftem Beifall mit einem Appell an die ^Erschienenen, die Bestrebungen des Abwehrvereins mit allen Kräften auch materiell Zu unterstützen. % - Im Anschluß an diese Erörterungen mag hier nachstehender Bericht aus den „Münchener Neuesten Nachrichten" folgen: „D i e d e u t s ch e n Jude n n a ch d e m K rieg e." lieber dieses Thema sprach Dienstag abend im „Bayerischen Hof" ans Veranlassung des B e r e ins f ü r j ü d ische G e s ch i ch t c it n d L i t eratnr der, wie der Vorsitzende Rabbiner Dr. Werner in seinen einleitenden Worten mitteilte, in das 22. Jahr seines Bestehens Eintritt — Prof. Ad. Koch aus Heidelberg. Der Vortrag hatte folgenden Gedankengang: Manchen Stimmungen gegenüber, die in dieser Zeit zuwekilen iu der öffentlichen Meinung emportauchen und sich argwöhnisch gegen den deutschen Juden richten, tut diesem Sel b ft bet f in n u n g und S e l b st b e h a u p t u n g iwt. Aus der Bewußtheit des eigenen Deutschtums erwächst ihm die Aufgabe, über die Reinerhaltung dex deutschen Sprache in Wort und Schrift — es ist dies besonders die Pflicht der jüdischen Schriftsteller und der jüdischen Presse — zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.