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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-08 · Heft 49 (8.12.1916) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 49 (8.12.1916)
Date
1916-12-08
Page
Seite 578 (sequence 2)
Language
German
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Heiligtum des Judentums. Es ist heilsam und notwendig, es ist fruchtbringend und erfolgreich, daß dieser Grundton, diese Grundstimmung überall mitschwingt, wo wir uns in seinem Namen und in der Hingebung an seine Arbeit vereinigen. Tie Gerechtigkeit unserer mannigfaltigen religiösen Bestrebungen wird für sich selber sprechen und um so mehr uns die ersehnte vollgültige Anerkennung erstreiten helfen, je mehr wir uns bereit finden lassen, das bedingungslose Recht in unserer Mitte zu Pflegen. Stolz auf unsere Geschichte, überzeugungstreu gegen das Erbe der Väter, kühl gegen jede törichte Herausforderung, kampfentschlossen und abwehrbereit gegen jeden Versuch, der es wagt, um augenblicklichen Gewinnes willen Verrat an unseren Idealen uns anzusinnen, so harren wir des kulturelle», vaterländischen Aufstiegs des neuen Deutschlands, so vereinigen wir uns mit unseren Volksgenosscn in dem unbestechlichen Glauben, daß unter dem Zeichen des Burgfriedens feine weitere Entfaltung sich vollzieht, so hoffen wir, daß Parteien und Konfessionen in edlem Wetteifer ihre Arbeit künftig weihen dem Worte des Dichters: „Nicht »ut,zupasse», mitziilicbeii sind wir da." Die Woche. Berlin, den 5. Dezember 1916. as Hauptereiglns der Woche ist die Debatte im Deutschen Reichstag über die vaterländische H i l f s - d ien stv orla ge. Tie Wünsche und Bedenken, die in der Reichstagsverhandlung geäußert worden sind, beziehen sich im wesentlichen auf die Mitwirkung des Reichstages bei Ausführung des Gesetzes sowie auf die Entschädigung derjenigen, die ihrem Berufe entzogen wurden. Es ist zu beachten, daß die Anträge der sozialdemokratischen Partei im wesentlichen angenommen wurden, daß namentlich bei kleineren Betrieben die Entscheidung der Gewerbegerichte angenommen worden ist. Als leitender Grundsatz für das ganze Gesetz ist von dem Reichskanzler unter der lebhaften Teilnahme des Reichstages der Satz proklamiert worden: „Jede Hand, die daheim feiert, hilft dem Feind." Der Kriegsminister legte dar, daß der Zweck des Gesetzes sei: „die kostbaren Blutverluste zu vermindern." Staatssekretär Dr. Helfferich bezeichnte die Vorlage als „ein Gesetz des Krieges, ein Gesetz der Not, ein Gesetz des eisernen Wittens und der eisernen Tat", und er erklärte: Nach gewissenhafter Prüfung haben sich die verbündeten Negierungen überzeugen müssen, daß allein auf dem W e g e der Freiwilligkeit diese Ausgabe ni eh t zu l ö s e n i st , wie sie namentlich das sogenannte H i n d e nb u r g - P r o g r a m m für die Mnnitivnser.zeugnng stellt. Es darf in dieser Zeit niemand mehr müßig gehen, weil er nicht arbeiten will oder auf Grund seiner Eintvmmeusverhültnisse nicht zu arbeiten braucht. Heute gehört jede r A r m und jeder S\ 0 p f de ui Vaterl a n d e. Wir fassen das Gesetz nicht eng materiell aus, nur begreifen auch die geistigen Bedürfnisse mit ein. Wir sagen z. B.: Auch die Presse ist für die gesamte Entwicklung von bedeutungsvoller Wirkung, dasselbe gilt für die G e i st l i ch feit, die Lehrerschaft, die vielbewahrten B e r n f s v r g a n i s a t i 0 u e n , die Organe der Sogt a l v e r 1 i ch e r lt n g und ähnliche Einrichtungen. Alle diese Berufe werden als Hilfsdienst angesehen werden. Den Frauen wird die gesetzliche Verpflichtung nicht auferlegt aus physischen Gründen und weil die Bedürfnissrage anders liegt. Alle Maßnahmen zum Ersatz der Männerarbeit durch Frauenarbeit müssen weitergeführt und ausgebaut werden. Einer der Grundgedanken des Gesetzes ist außer Nutzbarmachung aller Kräfte auch der, jedweden an den Ernst der Zeit und an die Pflichten des einzelnen zu gemahnen. Zu diesen Pflichten gehört das Haushalten mit Kräften, Zeit und Vermögen. Im Zusammenhang mit der Einschärfung dieser Pflicht steht die Absicht, die Läden früher zu schließen (7 statt 8 Uhr), um dadurch Licht zu ersparen. Die Beschränkung der prunkvollen Beleuchtung (besonders der Reklameschilder), die bereits vom 2. Dezember an verfügt worden ist, der frühere Schluß der Theater, cher Caf6s und der Wirtshäuser. Gerade die letztere Maßregel kann nur mit Freuden begrüßt werden. Am schwersten wird sie sich freilich bei den Theatern durchführen lassen. Diejenigen Schauspielhäuser, die ein kurzes Programm haben, können bei früherem Beginn um 10 oder wenigstens um 11 Uhr bequem schließen; wie es bei großen Opern (namentlich den Wagnerschen) oder bei langen klassischen Stücken (z. B. denen von Schiller oder Shakespeare) gehandhabt werden soll, ist, da ein Anfang um 6 Uhr eigentlich kaum denkbar ist, schwer einzusehen. Eine wirkliche Schädigung der Theater dürfte indesien durch diese Maßregel kaum eintreten. Anders steht es mit den Restaurants, besonders mit denen, die in dem aus den Theatern strömenden Publikum ihre Stammkundschaft besitzen. Für diese ist die frühere Schließung ein schwerer Schlag, der irgendwie ausgeglichen werden muß. Das Publikum seinerseits müßte sich freilich daran gewöhnen, eine bescheidene Erfrischung im Theater zu nehmen oder sich selbst Essen mitzunehmen. Die schwere Zeit duldet keine Schlemmerei, und der Gedanke an die vielen Darbenden und vor allem an die Millionen, die draußen sind und unter den schwersten körperlichen Strapazen auf die Freuden der Tafel und das Behagen des Lebens verzichten müssen, wird imstande sein, diejenigen, die vielleicht ungern den Freuden des Daseins entsagen, zur Einschränkung zu zwingen und kleine. Entbehrungen sich aufzuerlegen, die winzig erscheinen gegenüber dem, was die Krieger leisten, die uns in allem vorbildlich sein müßten. Wir, die Daheimgebliebenen, können im Grunde im Vergleich mit jenen so wenig tun; wir entbehren, wenn man die Mühen und Leiden der Streiter betrachtet, so minderwertige Genüsse und Behaglichkeiten, daß es ein Verbrechen sein würde, über eine solche Einschränkung zu murren und den Verlust kleiner Daseinsfreuden als ein wirkliches Leiden zu bezeichnen. Die deutsche Nation wird sich ihrer großen Aufgabe der Kräfteerhaltung würdig erzeigen. Freudenleer ist kein Dasein, in welchem die Pflicht gegen das Vaterland und gegen die Menschheit erfüllt wird. Das stille Behagen des Hauses bleibt Millionen bewahrt: es wäre gut, wenn Unzählige, die dieses Behagen bisher gering schätzten, an seinen unendlichen Wert erinnert würden. Den vielen Tausenden aber, die jetzt noch allabendlich die Cafes und Restaurants füllen, könnte es ein tiefer Segen und ein Vorteil für körperliche und geistige Gesundheit sein, die Wohltat des stillen Zimmers und den Wert guter Lektüre kennen zu lernen, zu empfinden und dauernd zu erhalten. * Großes Aufsehen hat vor einiger Zeit der Austritt des Geheimrat Abel in Jena aus dem Kriegsernährungsamt gemacht. Zur Begründung dieses Austritts veröffentlicht der Genannte jetzt eine Erklärung, in der der höchst befremdliche Satz vorkommt: „Daß große Teile der Bevölkerung heute in Wahrheit unterernährt werden, während andere Teile, auch unter der feindlichen Bevölkerung in den besetzten Auslandsgebieten, sowie ein großer Teil der Kriegsgefangenen mehr haben, als sie brauchen; dah der Mittelstand systematisch zugrunde gerichtet wird; daß jüdische Gaunerei und agrarische Habsucht das Volk in unerträglicher Weise auspvwern; daß infolgedessen immer schärfere Erbitterung weite Kreise erfaßt und auf gewaltsame Entladung zum Schaden des Staatsganzen hindräugt, — alles das ist im wesentlichen Schuld des Kriegseruährungsamts, das nicht nach meiner Meinung allein sich seinen Aufgaben in keiner Weise gewachsen gezeigt hat. Gegen diesen Satz richtet sich ein Artikel des „Berliner [ Tageblatts", in dem es folgendermaßen heißt:

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