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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-08 · Heft 49 (8.12.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 49 (8.12.1916)
Date
1916-12-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Berlin, 8. Dezember 1916 80. Jahrgang Nr. 49 Begründet von Nabdiner vr. Ludwig PHMppfon Unter Leitang des Geheimen Negierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Niosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „ALgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wSchentNch. A bon nein ent s«P reis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrriebsstelleni bezogen vierteljährlich 3 ITC. — Postscheckkonto 524:. TTnhalt* Burfifrreden. LmrStadtrabbinerDr.Be Lire ns, Güttingen.— LßLiLjUlL. Die Woche.— Avion Nee. Von Lnd wig Geiger. —Zur Geschichte der israelitischen MiliiärseeUorge in Deutschland und Oesterreich. Von k. k. Professor Dr. Alex. Kisch, Prag. — Eine Mahnung. Von Sanitätsrat Dr. Scherbel in Lissa i. P — Ein Engländer gegen den Zionismus« Von F. Liebermann. — Die Stellung der Juden im neuen Polen. Von Pros. D. Simonse n. — Feuilleton: Der Rabbi von Salaschin. Eine wahre Begebenheit aus dem Weltkriege. Nacherzählt von Clemens Berg.— Büchereinlauf. — Sprechfaul. Der Gemeindevote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig, Posen, Hamburg, Kiel, Essen, Erlangen, Nürnberg, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. Burgfrieden. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens. Göttingen. er Ausbruch des Krieges gebot den Burgfrieden. Die Verteidigung höchster nationaler Güter duldet nicht den inneren Streit, die Leidenschaft des Kampfes der Parteien verstummt und ruht, indes die gemeinsamen Kräfte, anss höchste angespannt, der einmütigen Niederringung feindlichen Ansturms dienen. Die Parole des Burgfriedens in ernstester Stunde der Entscheidung und des Schicksals hat genügt, um das Bewußtsein brüderlicher Zusammengehörigkeit zu stählen und deutsche Disziplin in freudiger Unterordnung unter den nationalen Willen zu erhärten. Vergessen sind die alten Fehden, die zu sachlicher Gegnerschaft und zum Gegensatz die harten Männer riefen. Es ist ein überwältigender Beweis deutscher Stärke und deutscher Selbstzucht, daß ein Gedanke, ein Wunsch die Vielstimmigkeit der Interessen in die kernige Form eines einzigen Grundgedankens gewandelt hat. Es war die grandiose Ehrfurcht vor dem Heiligtum des Vaterlandes, es war die angestammte, angeborene Selbstüberwindung, „die sich selbst bezwungen". Damit Hub das Wunder des Beispiels an, das das deutsche Volk zu seinem Siegeslauf ertüchtigt in einem Augenblick, in dem es schwer bedroht sich erhob, um all seine Kräfte cinznstellen ans ein unverrückbares Ziel, um den Schlag der Abwehr gegen die erdrückende Gewalt seiner Widersacher vernichtend zu führen. Der Burgfriede hat rms befähigt, eine eherne Mauer an Deutschlands gefährdeten Grenzen zu errichten. Die Not des Vaterlandes ist mächtiger als der Politiker engere und weitere Interessen, die leichtlich zur Einseitigkeit und Engherzigkeit verführen, ist fühlbarer als das Stichwort, das den Rufern im Streit die Richtung weist. Die Betonung der konfessionellen Unterschiede, die nicht immer erquicklich anmutet, ist verschwunden. Geburt und Glaube bestimmen nicht mehr ausschlaggebend des Bewährten Eignung, eine jede Begabung muß sich durchzusetzen wissen in großer und geschichtlich bedeutsamer Zeit. Unterm schirmenden Dach des Burgfriedens birgt sich das deutsche Volk mit seinen Millionen; willig erkennt es den sittlichen und geistigen Wert derer an, die es nicht immer gerecht beurteilt zu haben freifj mutig eingestellt.- So geht von den ersten Tagen des Krieges v eine politische und konfessionelle Versöhnlichkeit aus, die erst recht das deutsche Volk unüberwindlich macht. Wer wollte sich dieser Erkenntnis und Wandlung nicht freuen, die sicherlich in vielen Herzen Verständnis für die Größe sozialer Mächte auslöst und - wir wagen es hoffend auszusprechen — ein Treugelöbnis selbst gegen des Krieges Frucht, den Burgfrieden, hinterläßt. Nicht alle vermögen sich zu der Höhe dieses Gedankens aufzuschwingen, nicht alle kleinen Geister vermag er zu erfassen. So wird ihnen der wohltätige Zwang des Schweigens anserlegt, damit sie lernen, sich dem höheren Gebot des Vaterlandes zu fügen. Es ist ersichtlich, daß mit der Wiederkehr des Friedens und normaler Verhältnisse der Burgfriede weichen muß dem Wiedererwachen der alten natürlichen Lebensbedingungen. Politik und Glaubenskampf treten wieder in ihre angeborenen Rechte, die auseinanderstrebenden Interessen werden wieder hart aufeinander prallen. Doch wäre es betrüblich, wenn die alte Schärfe und Heftigkeit mit ungestümer Wucht hervorbräche, als wäre sie nur künstlich und gewaltsam niedergehalten worden. Lassen sich auch die Probleme nicht bannen, die der Lösung harren, so ist doch die Annahme berechtigt, daß die gemeinsam getragene Not des Vaterlandes alle Kreise zu Einsicht und Besonnenheit, zu Weisheit und Tiefe des Urteils gereift hat. Die Gemeinsamkeit des Schützengrabens ist wertvoller als die Gehässigkeit und die Entfremdung, die vormals durch die Leidenschaft manchen politischen Lebenskampfes entfesselt wurden, vor allem aber auch fruchtbarer als nutzlos vergeudete Versuche gegenseitiger Belehrung lind Bekehrung. Die führenden Geister des deutschen Volkes sind ohne Zweifel darin einig, die Lehre dieses Krieges lind die Mahnung des Burgfriedens nicht der Vergessenheit zu überantworten, sondern als einen segenspendenden, unermeßlichen Quell sittlichen Gewinns in die kommenden Aufgaben des Friedens, des neuen Deutschlands hinüberzuleiten und hinüberznretten. Das wird der Geschichte des deutschen politischen Parteiwesens Ruhm und Ansehen sichern, das wird mehr als bisher die Freude und das Verständnis für ihr Wesen und ihre Erfolge in weiten Kreisen begründen.?seeatur intra niuros et extra. Die Welle der Geschichte kann das deutsche Judentum nicht unberührt lassen. Wir knüpfen an die Tatsache des Burgfriedens keine geringen Erwartungen. Wie wir einer aufrichtigen Würdigung unserer Eigenart lind unserer Leistung entgegenzugehen vermeinen, ohne wieder den bitteren Zwang konfessioneller Sonderung tausendfältig zu verspüren, so müssen wir eine leidenschaftslosere Handhabung unserer eigenen Waffen fordern, die wir im unvermeidlichen Streit unserer gegenseitigen Interessen, Meinungen und Gegensätze verwenden. Jenseits der religiösen Parteien winkt uns allen e i n gemeinsames Ziel, dem wir, ein jeder an seiner Stelle und ein jeder nach dem Maße seiner Gaben,;u dienen haben, die Liebe und die Trelie gegen das schirmende

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