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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-01 · Heft 48 (1.12.1916) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 48 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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Ooljni Scheu vor der Wahrheit vorwerfen, und die die jüdischen Ncujahrsfeicrtage dazu benutzen, um die liberalen Großgemeinden in der Lefsentlichkeit herabzuwürdigen. Mein Gegner lehnt jede sachliche Entgegnung ab. Ich habe von Anfang an nicht gezweifelt, daß er es tun würde. Denn die von ihm erhobenen Vorwürfe lassen sich weder rechtfertigen noch entschuldigen, wie ja am besten daraus hervorgeht, daß der Verfasser selbst sie jetzt abzustreiten sucht. Wenn Herr Dr. Cohn seine plötzliche Schweigsamkeit mit dem Ton meines 'Artikels zu entschuldigen sucht, so lasse ich die Entscheidung darüber, ob diese Beschwerde nach so häßlichem und provozierendem Angriffe irgendwie berechtigt ist, gern dem. Leser. Der Ton des Organes des Herrn Tr. Eohn, der „Jüdischen Presse", geht am besten aus dem Anhang hervor, den dieses Blatt jener „Berichtigung" hiuzuzufügen „sich nicht versagen kann". Unfähig, eine sachliche Entgegnung auf meine Argumente auch nur zu versuchen, überträgt man die Auseinandersetzung auf das Niveau der persönlichen Beschimpfung'). Diese unendlich tiefstehendeil Angriffe gipfeln schließlich in dem Satze: „Man sollte fast glauben, daß der Artikel gar nicht von ihm sei, oder, wenn er es ist, daß wir bestellte Arbeit vor uns haben." Es ist schwer, die Worte zu wählen, lim ein solches Verfahren zu kennzeichnen. Weil man mich nicht widerlegen kann, so verdächtigt nian mich, daß ich Artikel veröffentliche, die nicht von mir sind, oder daß ich bestellte Arbeit liefere. Sv etwas wird einein wissenschaftlichen Schriftsteller vorgeworfen, der in den Jahren seiner publizistischen Tätigkeit nie ein anderes Streben gekannt hat als das, unabhängig gegenüber jederulaun seine ehrliche Ueberzeugung zu vertreten, und der niemals eine Zeile veröffentlicht hat, die nicht durch seinen Willen allein entstanden, durch seine Arbeit vollendet und durch seine Person verantwortet würde. So leicht fertig o"ehen die a n vny me n Freunde des Herrn Tr. E m i l E o h u in i t der Ehre ihrer Mitmenschen i! m, desselben Schriftstellers, der in der „Jüdischen Presse" erklärt, „ d e r >v a h r h a f t konservative Politik e r i st kein P o l i t i k e r d e r G a s s c, er ist derjenige, dem der gute Ton selbstverständliche Voraussetzung allen politischen Kampfes ist". Wenn die „Jüdische Presse" von den Motiven spricht, welche die „Allgemeine Zeitung des Judentums" oder noch lieber „die Gruppe, die hinter dem Verfasser steht, geleitet haben", so ist davon nur so viel richtig, daß bis zur Veröffentlichung der unaufgefordert eingesandtcn Arbeit nur einer hinter dem Artikel stand, nämlich der Unterzeichnete, daß aber nach Veröffentlichung mir Zustinnnungstundgebungen zugegangen 1) Da wird mir natürlich ohne die Spur eines Beweises und im klaren Gegensatz zu dem Inhalt meines Artikels - - vorgeworscn, daß ich ans „persönlichen Gründen" gehandelt hätte, „an der Dache lag ihm gar nichts": ferner daß ich gegen Tr. Cohn „seinen bekannten Kampf gegen die Berliner Gemeinde" „ansgckraint hätte" leben iveil er bekannt ist, ist es kein Anskrame»!): „er gibt sich als einen genauen Kenner senes nunmehr zehn Jahre zurückliegenden Kampfes ans, ivas sehr merkwürdig ist, da der Zerr Referendar damals die Bank der Tertia des Ghmnasinms gedrückt haben dürfte". Tiefer Daß ist — abgesehen von der falschen TarstcUung meines 'Artikels — überaus bezeichnend für das wissenschaftliche Niveau dieses nationaljüdischen Organes. Ganz außerhalb des gegnerischen Gesichtskreises liegt also der Gedanke, daß jemand, ehe er zu einer Frage der südischen Religion und Politik Stellung nimmt, sich erst in wissenschaftlicher Weise mit Theorie und Leben des Judentums vertraut nracht. Und die Herren, die mich in dieser persönlichen Weise angreiien, haben noch nicht eimnal den Mut, ihre Schmähungen mit ihrem Namen zu decken, und beweisen auch insofern, daß sie nicht ein Beispiel, sondern ein Zerrbild von dem geben, was bisher in Deutschland als „wahrhaft konservativ" galt. 7.4 . — ... sind, aus denen ich schließen darf, daß ich die Empfindungen weitester Kreise der jüdischen Oesfentlichkeit gegenüber Herrn Dr. Emil Cohn und der „Jüdischen Presse" zum Ausdruck gebracht habe. Worauf kam es mir bei meinem Aufsätze an? Die Artikel der „Jüdischen Presse" werden von unseren christlichen Mitbürgern gelesen, und selbst ein so wohlwollender und gerecht denkender Beurteiler, wie der verehrte christliche Theologe D. Rade, ließ sich dazu verleiten, aus solchen Artikeln Schlüsse auf die allgemeinen wissenschaftlichen Erörterungen im Judentum zu ziehen. Was der konservative Rabbiner Dr. Nobel in der „Christlichen Welt" betonte, das habe ich nun auch in einem repräsentativen Organe des Judentums ein für allemal konstatiert: daß die jüdische Gemeinschaft für solche das Ansehen der jüdischen Wissenschaft schwer schädigende Arbeiten jede Verantwortlichkeit ablehnt. Aber nicht nur auf diese Feststellung kam es mir an. Meine Arbeit sollte zugleich ein Mahnruf sein. Einen Vorwurf der „Jüdischen Presse" akzeptiere ich mit Freude, nämlich den meiner Jugend. In dieser ernsten Stunde spreche ich als junger Jude zu meinen Altersgenossen. Es gilt, die schweren Gefahren zu erkennen, die das liberale Judentum heute von allen Seiten bedrohen. Da sind zunächst die Gegner im jüdischen Lager. Ta sind die Nationaljuden, die durch das Mittel der jüdisch-konfessionellen nationalen Schule die Grundlagen unseres kulturellen Seins zu zerstören suchen; da sind Rabbiner, die in der jetzigen Zeit nichts Besseres zu tun haben, als Haß und Ausrottung zn predigen. Freilich ihrem nalionaljüdischen „Konservatismus" werden sie nicht allzuviel Freunde gewinnen; aber das Judentum können sie zugrunde richteit. Wer nach dem Beschluß der Reichstagskommission in Sachen der konfessionellen Statistik nicht weiß, worum cs sich handelt, wer jetzt noch Zeit und Lust hat, einen Bernichtungskampf gegen das liberale Judentum zu führen, der ist Politisch mit Blindheit geschlagen: der kann entweder nicht sehen, oder der will nicht sehen. Denn draußen stehen unsere Feinde, und sie schauen frohlockend zu, wie Juden am Werke sind, die Grundlagen unserer politischen Stellung zu untergraben, wie Geistliche am Werke sind, einen Keil in die eigene Gemeinde zu treiben. Wer ist so töricht zu glauben, daß der Antisemitismus beseitigt ist, weil Juden Reserveoffiziere wurden? Manchmal bedaure ich fast, daß der „Hammer" nicht genügend . . . unter unseren-Glaubensgenossen verbreitet ist; ein Vierteljahrsabonnement auf den „Hammer" würde auch den lässigsten Juden aus seiner Gleichgültigkeit aufrütteln. Und auch wenn unsere Feinde durch den Burgfrieden künstlich genötigt sind, sich einige Reserve anfzuerlegen, nach dem Friedensschluß werden sie mit dem Kriege beginnen. Ist es nicht bezeichnend, daß sich unter den Mitarbeitern des von Friedrich Thimme herausgegebenen Werkes „Vom inneren Frieden des deutschen Volkes", eines BncheS gegenseitigen Verstehens und Vertrauens, an dem sich Politiker fast aller Richtungen beteiligt haben, kein Antisemit befindet. Wie könnten jene auch Verstehen und Vertrauen wünschen, die schon in ihrem Namen nur etwas Negatives, nur Haß und Feindschaft znnr Ausdruck bringen. Ich fürchte, 1.1. Tranb hat nur zu sehr recht, wenn er in dem Thimmeschen Werke von den Politikern spricht, die schon jetzt sich nach dem alten Zank zurücksehnen. „Ihre Kasten sind gefüllt mit Zeitungsausschnitten. Sie warten nur auf den Tag der auseinandersetzenden Vergeltung. Wenn der Burgfriede ausgehoben ist, dann soll das Lied des Hasses klingen, nicht gegen England, nein, gegen all die Sünder im eigenen Volk, die schuld sind, daß ... daß . . . daß . , . Grauenhaft wirkt die Vorstellung, daß mit der siegreichen Heimkehr unserer

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