Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Verhältnissen bet „AllgeüteineN Zeitung" nur irgendwie derj einbar war. Entscheidend für das Verständnis bet fraglichen j Ausführungen sind die beiden Absätze, welche dem in der „Berichtigung" wiedergegebenen Absatz unmittelbar vorausgehen, und welche diese , „Berichtigu n g" verschweigt. Diese Absätze lauten j wörtlich: j „Wir wollen konservative Juden fein; damit übernehmen! wir für alles, was wir wollen und fordern, die Verant- : Wortung vor der Geschichte. Wir empfangen unsere! Order nicht von unserem Herzen, wir empfangen sie auch nicht; von der Laune und der flüchtigen Stunde, sondern am Tische,; wo wir raten und laten, sitzt neben uns und unter unS das i Unsichtbare Synhedrium der Väter und stimmt mit. Wir können den Radikalismus des sogenannten liberalen Judentums nicht mitmachen, schon aus dem einfachen Grunde, weil wir die Verantwortung nicht übernehmen können. Wir sind sprachlos über den Mut und die Kühnheit, mit dem die eine Gemeinde sich ein neues, die andere ein neueres, die dritte ein neuestes Judentum macht. Wir wissen dabei, daß diese Gemeinden selbst sprachlos über unsere Sprachlosigkeit sind. S i e können's verantworten, daß es im deutschen Judentum heute alle zehn Meilen weit ein anderes Judentum gibt; w i r können's nicht verantworten, weil wir einfach seelisch nicht imstande sind, der Vergangenheit ins Gesicht zu springen: Wisse, vor wem du stehst! Auch vor unseren Vätern stehen wir: Gott schütze uns davor, daß wir erröten müßten." Dann folgt unmittelbar der von Dr. Cohn in seiner „Berichtigung" allein wiedergegebene Absatz: „Weit entfernt aber usw." Demnach ist für jeden, der lesen kann, der Sinn klar. Zunächst erklärt Herr Dr. Cohn: „wir wollen konservative Juden sein", folgert hieraus: „wir — also die konservativen Juden — können aus Verantwortung „den Radikalismus des sogenannten liberalen Judentums nicht mitmachen", befehdet nunmehr aufs schärfste die liberalen Gemeinden, die sich ein neues und neuestes Judentum machen, und erklärt im Anschluß daran, „w i t" — also die konservativen Juden — dürfenfür unserTun und Lassen die Verantwortung vor aller Welt übernehmen, „gegen Demagogie und Anarchie ist unsere Losung". Ob das eine Ermahnung an das eigene Lager ist — wie Herr Dr. Cohn in seiner „Berichtigung" zu behaupten wagt, obwohl in den fraglichen Ausführungen seines Artikels von einer solchen Ermahnung mit keiner Silbe die Rede ist — oder ob das nicht vielmehr eine beleidigende und verwerfliche Polemik gegen den „Radikalismus des sogenannten liberalen Judentums" ist, das überlasse ich getrost dem Urteile jedes Billigdenkenden. Wo ist denn in dem fraglichen Teile des Artikels auch nur angedeutet, daß die Polemik gegen die Anarchisten im eigenen Lager — also gegen Anarchisten im konservativen Lager und im Lager der „Jüdischen Presse"!!! — geht? Aus wen kann sich nach dem Zusammenhang der Vorwurf der Anarchie und demnach auch der der Demagogie denn anders beziehen als auf die liberalen Gemeinden, die sich „ein neues, neueres und neuestes Judentum" machen, und die ihr Handeln „auf Zeit und Zeitenmode einstellen"? Zu 2: „Der Verfasser behauptet ferner, ich hätte die liberalen Politiker schlechthin als „Politiker der Gasse" gekennzeichnet. Auch dies ist eine freie Erfindung des Verfassers." Ich bitte jeden Leser, meinen Artikel nachzuprüfen und festzustellen, ob ich die in dieser „Berichtigung" mir unterstellte Behauptung wirklich getan habe. Das Gegenteil ist wahr. Wahr ist, daß ich in der Einleitung meines Artikels S. 499 den fraglichen Satz, den ich zum Gegenstand meiner Beurteilung, machte, wortwörtlich wiedergegeben habe, mit der ausdrücklichen Begründung, „damit sich der Leser selbst ein Bild machen kann". Wahr ist, daß ich, nachdem ich so dem Leser selbst die Grundlage der Beurteilung an die Hand gegeben habe, nun meinerseits an den S. 499 wiedergegebenen Satz meine Schlußfolgerungen und Kritik (S. 500) geknüpft habe. Kann man wissensch östlich korrekter und menschlich peinlicher verfahren? Ich überlasse auch meinerseits der jüdischen Oefsentlichkeit die Beurteilung, auf welcher Seite die freie Erfindung liegt. In der Sache handelt es sich darum: Herr Dr. Cohn polemisiert zunächst in schärfster Weise gegen den „Radikalismus des sogenannten liberalen Judentums", fällt dann über die liberalen Gemeinden her und erklärt schließlich: „Der wahrhaft konservative Politiker schlägt keine Fensterscheiben ein. Er ist kein Politiker der Gasse." Ja, merkt denn Herr Dr. Cohn immer noch nicht, welch beispiellos ungerechtfertigte Kränkung dieser Satz für die liberalen Juden enthält? Was in aller Welt hat denn die Frage, ob jemand ein Politiker der Gasse oder ein anständiger Politiker ist, damit zu tun, ob er wahrhaft liberal oder wahrhaft konservativ ist? Warum sagte denn Herr Dr. Cohn nicht: „jeder wahrhafte Politiker, gleichviel welcher Partei, schlägt keine Fensterscheiben ein und ist kein Politiker der Gasse?" Er sagte es nicht, weil er die liberalen Juden, die er zunächst in religiöser Hinsicht — unter ausdrücklichem Hinweis auf die liberalen Gemeinden und damit auch unter schwerer Verletzung der liberalen Rabbiner als Demagogen und Anarchisten — kennzeichnen wollte, nun auch politisch als minderwertige Elemente, als „Politiker der Gasse" hinzustellen suchte. Niemand, der den fraglichen Artikel mit unbefangenen Augen liest, kann über diese Tendenz irgendwie im Zweifel fein. Dazu kommt, der Gegner, der mir freie Erfindung vorzuwerfen wagt, verschweigt in demselben Augenblicke die zweite Hälfte des in Frage kommenden Satzes, den ich wörtlich und vollständig wiedergegeben hatte. Denn in Wirklichkeit lautet dieser Satz: „Ter wahrhaft konservative Politiker schlägt keine Fensterscheiben ein. Er ist kein Politiker der Gasse, er ist derjenige, der über dem Trennenden das Einende nie vergessen wird und dem der gute Ton des politischen Verkehrs selbstverständliche Voraussetzung allen politischen Kampfes ist." Es ist klar, warum diese „Berichtigung" den zweiten Teil des fraglichen Satzes dem Leser verschweigt. Denn was sollte dieses „er ist derjenige" denn anders bedeuten, als den Leser nochmals darauf hinzustoßen, daß nicht etwa hüben und drüben Gute und Schlechte sind, sondern daß der wahrhaft konservative Politiker „derjenige" ist, der die anständige Gesinnung für sich in Erbpacht genommen hat. Aber es kommt noch besser. Der folgende Absatz des Dr. Cohnschen Artikels beginnt mit dem Satze: „Wer wie die Radikalen und Reformer das „Zeitgemäße" auf den Thron gehoben hat, dem braucht nichts an Fensterscheiben zu liegen, da er ja doch im ständigen Um- und Neubau begriffen ist." Also zunächst wird gesagt, daß der wahrhaft konservative Politiker keine Fensterscheiben einschlägt und kein Politiker der Gaste ist; dann wird gesagt, daß den Radikalen und Reformern nichts an Fensterscheiben zu liegen braucht! Und angesichts dieses klaren und zweifelsfreien Sachverhaltes wagt Herr Dr. Cohn mir den Vorwurf der freien Erfindung zu machen und seine eigenen unzweideutigen Behauptungen hinterher abzustreiten. Ich überlasse das Urteil der jüdischen Oefsentlichkeit und begnüge mich mit der Feststellung, daß die „Berichtigung" meines Gegners wenigstens insofern zu begrüßen ist, als sie in drastischer Weise zeigt, mit welchen Mitteln diejenigen arbeiten, die wie die „Jüdische Presse" dem Philosophen Hermann