Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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gläubiger Jude, »der auf das Wort der Heiligen Schrift hörte: Aller Weisheit Anfang ist Gottesfurcht. Er hatte in allen seinen Handlungen, in allem seinen Tun und Lassen stets Gott vor Augen, in dessen Wegen er wandelte und auf den er in allen Lebenslagen vertrante. Neben den Psalmen, um deren Kenntnis ihn so mancher unserer jungen Rabbiner hätte beneiden dürfen, bildeten die „Sprüche der Väter" seine Lieblingslektüre, die ihm auch die Richtlinien für seinen Wandel vor Gott und seinen Umgang mit Menschen verzeichneten. Die Devise seines Lebens lautete: „Sei willig gegen Obere, bereit zu dir auserlegtem Dienste und nimm jeden Menschen mit freundlichem, heiterem Gesichte aus". Danach hat er auch gelebt: das können alle diejenigen bezeugen, die gleich mir oft Gelegenheit hatten, ihn beim Empfang von Besuchern in seinem Privatkontor aus nächster Nähe zu beobachten. Wer auch bei ihm vorsprach, ob eine bekannte Persönlichkeit in sozialen Angelegenheiten, ein reicher Geschäftsfreund, ein angesehener Mann au* der Gemeinde oder irgendein Angestellter, ein Gemeindediener, ein stellensuchender Kantor oder Ravbinatskandidat, ein Abgesandter aus Polen, Galizien, Rumänien, Palästina zur Entgegennahme von milden Gaben für eine Ieschiba, Waisen- oder Krankenhaus oder irgendeinen anderen wohltätigen. Zweck,-ja selbst gewöhnliche AU mosenempfänger, die besonders am Freitag und an den Rüsttagen der Neumonds- und Festtage sich zahlreich bei ihm einstellten jeden empfing er mit heiterem Gesicht, für jeden hatte er ein freundliches Wort, und niemand ging unbefriedigt weg, niemand verließ ihn ohne das Bewußtsein, mit einem Manne gesprochen zu haben, in dem er einen treuen Anwalt seiner Sache gefunden. Willibald Loewenthal, der geniale und vielbeschäftigte Kaufmann, achtete sowohl im privaten wie im öffentlichen Leben auf das Wort des weisen Zillel, dessen sprichwörtliche Bescheidenheit ihm als Beispiel diente, ilnd war bestrebt, ein Jünger Aharons zu sein: friedliebend, nach Frieden strebend, die Menschen liebend und sie hinführend zur Ouelle des Lebens - zur Lehre der Wahrheit. Das möchte ich besonders betonen. Tenn obgleich der Verklärte kein jüdischer Gelehrter war, so war er doch im jüdischen Schrifttum bewandert genug und schon frühzeitig zur alten Erkenntnis gelangt, daß Wissen, Gottesverehrung und Wohlfahrtspflege die Grundsäulen des Judentums bilden. Freilich wissen das auch viele andere, aber er gehörte zu den wenigen, die sich mit dem Wissen allein nicht begnügen, sondern bestrebt sind, ihr Wissen und ihre einmal gewonnene Erkenntnis in den Dienst der Gesamtheit zu stellen. Das bezeugen die Nachrufe der vielen Vereine, in deren Mitte er gewirkt hat, und dies bezeugt ganz besonders der ehrenvolle Nachruf, den der Vorstand und die Repräsentanten der Berliner Jüdischen Gemeinde ihm gewidmet haben: „Mitten. aus rüstigem Schaffen, in der Vollkraft des Mannesalters, ist Herr Willibald Loewenthal am 18. d. M. dahingerafft worden. Alls* tiefste erschüttert stehen wir an seiner Bahre, die wir ihn noch vor wenigen Tagen in gewohnter Lebensfrische bei unseren Beratungen sahen und jetzt durch sein jähes Hinscheiden einen herben Verlust erlitten haben. Neben einer ausgedehnten Wirksamkeit für das allgemeine Wohl hat der Verstorbene fast drei Jahrzehnte hindurch unserer Gemeinde wertvollste Dienste geleistet. Unermüdlich, mit selbstloser Einsetzung seiner Persönlichkeit, mit der ihm eigenen Energie und Lauterkeit seines Wesens widmete er sich den Arbeiten in den vielen Kollegien, denen er angehörte. Durch feine Begeisterung für alle jüdischen Angelegenheiten, durch die Reife seiner Geschäfts- und Lebenserfahrung, durch sein seltenes Organisationstalent und sein warmherziges Wesen war er wie wenige berufen, in der Verwaltung einen bestimmenden Einfluß zu üben, eine führende Stellung einzunehmen. In der Repräsentanten-Versammlungj deren Mitglied er feit dem Jahre 1899 war, bekleidete er das'Amt eines Schriftführers; nach seiner Wahl zum Aeltestenstellvertreter wurde er mit dem Vorsitz in der Friedhofs- und Festgottesdienst-Kommission betraut. Auch in vielen anderen Verwaltungskommissionen betätigte er sich in hervorragender Weise. Besonders groß sind die Verdienste, die er sich um die Ausgestaltung des Beerdigungswesens, des Festgottesdienstes und des Kultus erworben hat. Die Erinnerung an diesen ausgezeichneten, seltenen Mann wird in unserer Gemeinde unauslöschlich fortleben." Willibald Loewenthal huldigte der jüdisch-liberalen Weltanschauung und gehörte auch seit Bestehen des Liberalen Vereins dessen Vorstände als eines seiner tätigsten Mitglieder an, wie er auch vielen anderen Vereinen angehörte, die zur Erhaltung und Kräftigung des Judentums dienen. So bekundete er auch großes Interesse für den „Verein Esra zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina" und gehörte seit vielen Jahren dessen Zentralkomitee an, für das Komitee für Volksküchen in Palästina, für den Hilfsverein der deutschen Juden, in dessen Zentralkomitee er saß, für die Orientgesellschaft und neben vielen anderen für den Verein zur Pflege hebräischer Gesänge, für den Verein „Freunde der Taubstummen — Jedide Jlmim", für die Jüdische Blindenanstalt für Deutschland und nicht zuletzt für den Verein für jüdische Geschichte und Literatur, zu dessen ersten Mitgliedern er zählte, und für den Verband der Literaturvereine, in dessen Vorstand er wirkte. Allein höher als alle Vereine, Parteien und ihre Bestrebungen standen ihm die Ehre des Judentums und die soziale Hebung seiner Bekenner, die er mit der ganzen Glut seines echtjüdischen Herzens liebte, galten ihm Wahrheit, Recht und Frieden, die das Merkmal seines Lebenswandels, die Grundlagen seiner Wirksamkeit bildeten. Mit den gramgebeugten Hinterbliebenen, trauert um ihn eine große Gemeinde von Freunden und Verehrern, die nur Trost in dem Bewußtsein finden, daß der Name Willibald Loewenthal in Ehren und zum Segen kommender Geschlechter in der Geschichte der Berliner Judenheit fortleben wird. Alber Katz. Schlußwort in Sachen Herr D r. Lmil Lohn, „Jüdische Krelle" und Demagogie — des liberalen Judentums. Ein Appell an die jüdisch-liberale Jugend. Bon Dr. Ernst Emil Schweitzer (Breslau). err Dr. Emil Cohn, mit dessen Arbeit „Neujahrsgedanken" ich mich in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18? Oktober 1916 des näheren beschäftigt habe, antwortet hierauf lediglich mit einer Berichtigung, indem er zugleich in der „Jüdischen Presse" vom 3. November 1916 es „für unter seiner Würde" erklärt, „auch nur einen Ton der Erwiderung zu sagen". Diese „Berichtigung" charakterisiert sich dahin, daß unser Gegner, anstatt ehrlich zu erklären, daß er die ungerechten Beleidigungen, mit denen er das liberaleJudentum bedachthat, nicht aufrechterhalten kann, nachträglich versucht, offenkundige Tatsachen zu bemänteln und hinwegzuleugnen. Sie entspricht ebensowenig dem wahren Sachverhalte, wie sie dem Preßgesetze entspricht. Ich halte ihr gegenüber jedes Wort meines früheren Artikels aufrecht. Zu 1: Ich hatte Dr. Cohns Artikel durchaus zutreffend wiedergegeben und so ausführlich, wie es mit den Raum-