Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
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in der deutschen Judenheit kannten diesen klangvollen Namen und wußten, daß sein Träger einer der edelsten und besten Menschen war, auf dessen Wort man bauen, auf dessen Interesse für gemeinnützige Bestrebungen man allezeit rechnen durfte. Man kannte ihn als Inhaber des bestrenominierten Speditionshauses A. Warmuth, man kannte ihn als Handelsrichter, als Vertreter und Verfechter wirtschaftlicher Interessen, als Mitglied der Handelskammer zu Berlin, als tätiges- Vorstandsmitglied mannigfacher Vereine, als Vorsteher der Neuen Synagoge, als langjährigen Repräsentanten und zuletzt als Aeltestenstellvertreter der Berliner Jüdischen Gemeinde, mit einem Worte: man kannte ihn als einen mit Ehrenämtern überhäuften Mann, der im öffentlichen Leben, wie der vulgäre Ausdruck lautet, eine hervorragende Rolle spielte. Doch nur wenige kannten und verstanden den Juden Willibald Loewenthal, und noch wenigere wissen, wie er als solcher, als treuer Sohn des jüdischen Stammes, gelebt und gefühlt, gehandelt und gewirkt hat. Nun, ich kannte ihn, kannte ihn genau seit einem Menschenalter; ich besaß den Vorzug, mich seiner Freundschaft und seines besonderen Vertrauens erfreuen zu dürfen, und erachte es darum als meine Pflicht, sein Lebensbild zu zeichnen, und zwar so, wie es in meinem Gedächtnis lebt und für immer leben wird. — Willibald Loewenthal, der den hebräischen Namen Skt p 287 führte, wurde am 31. August 1860 in Berlin geboren und entstammte einer alten hochangesehenen Familie des Judentums. Sein Vater, John Wulff Loewenthal, hebräisch 287 p *?87\ war in Danzig geboren und ein Nachkomme des berühmten Krakauer Rabbiners Rabbi Joel Sirkes, des bekannten Verfassers des Bet Ehadasch. Seine Mutter, Katharina geb. Reich, stammte aus Budapest und war eine Schwester des Stifters und Repräsentanten der ungarischjüdischen Othodoxie, des bekannten Rabbi I i z ch o k Reich: sie zählten zu ihren Urahnen den Wilnaer Rabbiner M e k r K o h e n, Vater des berühmten S a b b a t a i K o h e n, Verfasser des p2 VlSE?' genannt „Schach". Die Liebe und Sorgfalt der Eltern, die treu den Traditionen ihres Stammes lebten, vereinigten sich auf ihren Sohn Willibald, den sie in strengjüdischem und zugleich modernem Geiste erzogen. Ter rege Geist und die außerordentliche Auffassungsgabe des Knaben berechtigten zu den schönsten Hoffnungen für seine Zukunft und waren bestimmend für seinen späteren Beruf. Er erhielt einen gediegenen Unterricht im Hebräischen, wurde von dem jetzigen Rabbiner in Lübeck Dr. S a l o m o n Carlebvillibald Loewenthal geboren am 3*. August \860 zu Berlin, gestorben am ^8. November *916 in Budapest. b ach in der jüdischen Religionslehre unterwiesen und in das rabbinische Schrifttum eingeführt, besuchte das Dorotheenstädtische Realgymnasium und ging mit dem Einjährigenzeugnis ab, um in das Geschäft seines Vaters, des früheren Inhabers der Firma A. Warmuth, einzutreten. Seine Lehrzeit dauerte aber nicht lange. Die ihm angeborene selteneAuffassungsgabe, verbunden mit ungewöhnlichem Fleiß und Anpassungsvermögen, machte ihn bald mitdenAnforderungen und Gepflogenheiten des Speditionswesens vertraut, so daß er noch in verhältnismäßig jugendlichem Alter die selbständige Leitung des Geschäftes übernehmen konnte. Das hielt ihn aber nicht ab, sich geistig fortzubilden und wissenschaftlich zu vervollkommnen. Er interessierte sich besonders für das Studium der Nationalökonomie und besuchte von 1877 bis 1879 an der Berliner Universität regelmäßig die Vorlesungen von Prof. Wagner, die nicht ohne Einfluß auf sein späteres Wirken im öffentlichen Leben blieben. Am 5. November 1879 starb der Vater, und Willibald Loewenthal, der schon einige Zeit vorher die Prokura erhalten hatte, übernahm nun das florierende Geschäft als alleiniger Inhaber und leitete es von nun an mit so außerordentlichem Geschick und seltener Einsicht, daß er bald die Aufmerksamkeit weiter kaufmännischer Kreise, insbesondere seiner Fachgenossen, ans sich lenkte. Am 2. Oktober 1884 schloß er den Bund für das Leben. Er heiratete eine Nichte seiner Mutter, seine Cousine Joh a n n a geb. Weiß aus Budapest, und fand in ihr, einer b'H fitPK im wahren Sinne des Wortes, eine treue Gefährtin für sein späteres an Mühe und Arbeit, aber auch an Erfolgen reiches Leben. Der selten glücklichen Ehe entsprossen sechs Kinder: ein Knabe, . der im Alter von vier Monaten starb, zwei Töchter, von denen eine in Wien verheiratet und bereits Mutter von zwei Kindern ist, die andere vor dem medizinischen Staatsexamen steht, und drei Söhne, von denen der älteste, Dr. John L o e w e n t h a l, ein Schüler von E d u a r d S e l e r, den Gelehrtenberuf erwählt hat und sich nach dem Kriege als Privatdozent für Ethnologie niederzulassen gedenkt, Dr. jur. Friedrich, der als Opfer des Krieges am 15. Mai 1915 auf dem Felde der Ehre gefallen ist, und Herr Leopold Loewenthal, der, vom Vater schon früher für den kaufmännischen Beruf bestimmt und eine dementsprechende vorzügliche Ausbildung erhielt, nunmehr die Leitung des Geschäftes übernimmt. Willibald Loewenthal, der modern gebildete Kaufmann, war auch ein modern gebildeter Jude und als solcher einer, wie man ihn selten antrifst. Denn er war vor allem ein