Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
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570 - Millionen Finnländer, Balten, Litauer, Weißruthenen, Polen, Iudell, Ukrainer Kolonisten, Georgier und Kaukasier, Tartaren und Völkerschaften Zentralasiens sind auf Veranlassung der russischen Negierung evakuiert, verhungert und verkommen, ausgeplündert und ernwrdet worden. Unsere nationale Kultur, unsere Religion wird, seit wir unter Rußlands Herrschaft stehen, verfolgt und unterdrückt! Ihr Sinn für Gerechtigkeit kann es nicht zulassen, daß unsere Leiden, die ungleich größer sind als die der Armenier, in Vergessenheit geraten und unberücksichtigt bleiben. Schwer nur gelangen Nachrichten über diese Zustände an die Leffentlichkeit, nur wenig ist über die von uns erduldeten Grausamkeiten bekanntgeworden: sonst hätten Sie nicht unterlassen können, auch uns zu erwähneil. Wir erinnern Sie, Herr Ministerpräsident, deshalb an die 97 Millionen Fremdvölker Rußlands, die Entsetzliches leiden müffeu und die in leidenschaftlicher Weise die Wiederherstellung ihrer Menschenrechte verlangen. Liga der Fremdvölker Rußlands. Michael Lempicki, Baron Ropp, Präsident. Schriftführer. * In geringerem Grade, als wir voraussetzten, ist die von uns in Deutschland wohl zuerst gebrachte Verordnung über die Neugestaltung der Verhältnisse der Juden im Königreich Polen Gegenstand allgemeiner Besprechung geworden. Wir hätten erwartet, daß'genaue Kenner der Verhältnisse sich ausführlicher, als wir dies bei der ersten Kunde der neuen Organisation tun konnten, über die weittragenden Folgen verbreitet hätten. Millionen Entrechteter werden damit durch einen Schlag aus ihrer Bedrückung befreit. Freilich haben wir nur geringen Einblick in die im Osten erscheinenden Blätter; die deutschen Zionisten aber, die gerade die Beschäftigung mit der Ostjudenfrage als ihre eigentliche Aufgabe betrachten, möchten etwas enttäuscht sein, daß ihre im stillen gehegten und auch häufig geäußerten Hoffnungen auf einen Judenstaat gründlich vernichtet worden sind. Wir finden eigentlich nur eine Stimme, die hier wiedergegeben werden mag, obgleich sie nicht viel besagt. Sie lautet: Die Proklamation des Königreichs Polen rollt neben vielen anderen wichtigen Problemen auch das der Ostjuden auf. In einem Aufsatz von Tr. A. Friedemaun: „Wir und die Lstjuden", der in den „N. Jüd. Monatsheften" erschienen ist, wird nach einer ausführlichen und grundlegenden Darstellung der Materie ein Zusammengehen, aller deutschen Juden auf Grund eines Mindestprvgramnrs vorgeschlagen. Es wird darin verlangt: „Forderung unbedingter Gleichberechtigung aller Minoritäten, also auch der Inden, mit den. Polen in der Verfassung, und ein in den Landesgesetzen festgelegter Schutz für ihre religiöse und kulturelle Eigenart, insoweit sie selbst deren Erhaltung wünschen. Abwehr jeden Zwanges zur Polonisierung und Vermeidung aller Germanisicrungsmaßnahmen. Entschiedene Ablehnung aller Sondergesetze bezüglich der Einwanderung und besonders der Grenzsperre und eine nachdrückliche Aufklärung der Oeffentlichkeit sowie der einflußreichsten obersten Instanzen und des im Cftcu tätigen Beamtentums über alle einschlägigen Fragen. Schließlich eine umfassende Hilfstätigkeit zur Milderung des großen Elends und Studium der Wirtschaftsfragen, deren Lösung nach dem Friedensschlüsse erfolgen muß." Bon christlicher Seite ist die jüdische Religionsverfassung für Polen im „Berliner Tageblatt" vom 25. November Gegenstand einer längeren Darlegung durch den vortrefflichen Georg Gothein geworden. Er gibt in einem längeren Artikel den Inhalt der Verordnung wieder, macht daraus aufmerksam, daß es zweifelhaft ist, ob unter der „jüdischen Sprache", deren Kenntnis von dem Rabbiner verlangt wird, das Jiddisch oder das Hebräisch verstanden wird, und weist namentlich auf folgendes hin: „Sein Hauptaugenmerk wird der Oberste Rat darauf richten müssen, durch Schaffung von Bildungsstätten das geistige Niveau des Rabbinats zu heben, aber nicht durch ausschließliche Beschäftigung mit Bibel und Talmud, sondern auch durch Förderung der allgemeinen Bildung, also durch Universitätsstudium. Aber nicht nur das Rabbinat, sondern die gesamte Judenschaft in Polen muß geistig gehoben werden." Mit Recht weist er ferner darauf hin, daß die Zulassung der sogenannten Chederschülen als ein vorläufig nicht zu vermeidendes Zugeständnis angesehen werden muß. Aber trotz mancher Ausstellungen sieht er in dieser Verordnung eine freudig 31t begrüßende große kulturelle Tat. * Am Schlüsse dieser Uebersicht, die 8ereno die, an einem heiteren Tage, nach einer kurzen, aber schlimmen Epoche von Schneestürmen und Regenschauern abgefaßt wird, möge ein Wort hinzugefügt werden, das freilich nicht ganz guietamente, wie Altmeister Goethe bei der Vollendung seiner ,.Iphigenie" sagte, niedergeschrieben werden kann. Denn vollkommen ruhigen Gemütes kann ja heute keiner sein. Und gerade der in Jahren Vorgeschrittene muß in dieser gewaltigen Zeit mehr Unruhe als Ruhe empfinden. Er nährt zwar in seinem Innern die Hoffnung, es werde ihm beschieden sein, das Ende des gewaltigen Ringens zu erleben, aber er muß sich zu seiner Trauer sagen, daß es ihm schwerlich vergönnt sein wird, bei der Neugestaltung der Verhältnisse, die erst nach Friedensschluß einsetzen kann, mitzuarbeiten. Und so sieht er auf das neue Gesetz, dessen im Anfänge dieser Uebersicht Erwähnung getan wurde, mit einem gewissen Gefühl des Neides hin. Seine Jahre halten ihn davon ab, aktiv an dem vaterländischen Hilfsdienst teilzunehmen, und doch möchte ich im Namen dieser Aelteren sprechen: ruhigen Gemütes der Zukunft entgegensetzen und der vergangenen Kriegsjahre gedenken. Ich habe allerdings in keiner Kommission gesessen, leine mit dem Krieg zusammenhängende Arbeit geleistet, habe vielmehr mein Studierzimmer und mein Arbeitspult nicht verlassen, aber ich darf mir das Zeugnis ausstellen, daß ich, nicht bloß als Leiter und eifrigster Mitarbeiter dieser Zeitung, sondern auch in meinem akademischen Berufe und in meiner wissenschaftlichen sowie schriftstellerischen Tätigkeit niemals allsgesetzt, sondern immer meine Pflicht zu tun versucht habe. War ich vor dem Ausbruch des Weltkrieges nur gewohnt, meinen Blick der Vergangenheit zuzuwenden, historische Studien zir treiben und die Vorzeit zu erforschen, so habe ich seit Kriegsbeginn es für meine Pflicht gehalten, auch in öffentlichen Angelegenheiten mitzureden, sie mahnend und zum Ausharren ermunternd 31t begleiten. Ich darf es wohl wagen, auch diese Tätigkeit als „vaterländischen Hilfsdienst" zu bezeichnen. Zu alt und auch sonst so wenig geeignet, mit der Waffe zu dienen, glaube ich als „Soldat der Feder" meine Pflicht getan zu haben, und bin als solcher auf meinem Posten stehcngeblieben, unerschütterlich, wachsam, treu, das Land des Friedens lmd der Freiheit mit der Seele suchend, wie ein unerschrockener Kriegsmnnn, solange die Kräfte reichen. | Willibald Loewenthal. | er Weltkrieg mit all dem Leid und Elend, das er bisher schon gezeitigt, kann und darf uns keine Zurückhaltung auferlegen, den Heimgang eines Mannes zu betrauern, dessen Leben und Wirken eine reiche Quelle des Segens war — nicht nur für seine nächsten Angehörigen, die sein jähes Ende am schwersten trifft, sondern auch für seine Mitbürger in Stadt und Gemeinde, deren Vertrauen nnd Wertschätzung er wie nur die Anserwähltesten seiner Zeitgenossen in hohem Maße sich zu erfreuen hatte: Willibald Loewenthal! Viele, recht viele in dem großen Berlin, besonders innerhalb der jüdischen Gemeinde und auch weit über diese hinaus