Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 569 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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569 ltn^-er der Ueberschrift „A u % d e r B e r 11 u e r R e ch i s ä n Walts ch Kt f t" Mitteilungen aus 'emeitiJahresbericht der Berliner Anwaltskammer gemacht, 'deren Zweck für jeden Loser nur allzu durchsichtig war. Das Blatt hatte behauptet, daß nach dem Bericht der AnwaMkammer 28 Berliner Rechtsanwälte den Tod fürs Vaterland gestorben seien, und zwar 20 Christen und 8 Juden. Eine Zeitangabe war nicht enthalten. Zum Ueberflrrß wurde noch hinzugefügt, 'daß an den Berliner Landgerichten 1500 Rechtsanwälte — 1000 Juden und 500 Christen — tätig seien, Diese Mitteilungen hat das genannte Blatt offensichtlich dem Jahresbericht der Anwaltskammer zu Berlin für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1915 entnommen. Es hat nun die 'dort enthaltenen Zahlen so verwertet, wie es ihm für seine Zwecke paßte. Es ist richtig, daß der Bericht besagt, 'daß 28 Berliner Rechtsanwälte den Tod inr Kampfe für 'das Vaterland gefunden haben. Kein Wort enthält aber der Bericht darüber, daß von diesen 28 Anwälten 2O der christlichen und 8 der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören. Tatsächlich befinden sich unter den 28 gefallenen Anwälten, deren, Namen in dem Bericht ausgeführt sind, mindestens 16 Juden. Die gefallenen Anwälte gehören nicht, wie das Blatt den Llnschein erwecken will, nur den Berliner Landgerichten I, II und III an, sondern vielmehr sämtlichen Gerichten des Bezirks der Berliner AnwaltskVnmer. Außerdem mußte dem Blatte bekannt sein, daß 'die Liste durchaus nicht erschöpfend war. Sie enthält lediglich die Namen der Anwälte, die bereits aus den Anwaltsliston bei den Berliner Gerichten gelöscht worden sind. Folgende Zahlen, die uns von zuständiger Stelle nritgeteitt worden sind, sprechen' 'eine so deutliche Sprache, daß sich jede Bemerkung erübrigt. Die Gesamtzahl der Anwälte des Bezirks der Berliner Anwaltstämimer beträgt 1915. Gefallen find bisher nicht 28 Anwälte, sondern 8 0 bis 10 0. Bon den Gefallenen gehören nicht nur 8, sondern die bei weitem größere Hälfte der jüdischen Religionsgemeinschaft an. Die Berliner Anwaltskammer zählt selbstverständlich nur die gefallenen Kollegen, ohne dabei auf die Religion eine Rücksicht zu nehmen. Es ist daher auch schwer festzustellen, wie groß die Anzahl der 'gefallenen jüdischen Berliner Anwälte ist. So viel steh,t aber 'authentisch fest, daß allein von den beim Landgericht I Berlin zugebassenen jüdischen Rechtsanwälten ntelyv als 22 den Helden tod fürs Vaterland erlitten Habens Auch die übri'gen Landgerichte, das Kammergericht mrd die Anrtsgerichte der Vororte haben den Tod jüdischer Rechtsanwälte zu beklagen. Von der gesamten Berliner Rechtsanwaltschaft stehen übrigens etwa zwei Drittel im Felde. Woher das Blatt angesichts dieser Zahlen, deren Feststellung ein leichtes gewesen wäre, den> Akut nimmt, das Andenken so zahlreicher jüdischer Berli,ner Rechtsanwälte, die im Kampf für ihr Vaterland in Ost und West, in Nord und Süd ihr Leben gelassen haben, zu entehren, ist jedem anständig denkenden Menschen unbegreiflich. Wie weit geschäftlicher Antisemitismus geht, erfährt man aus einer trefflichen Darlegung der „Münchener Post", die wir gleichfalls hier wiedergeben: Geschäftlicher Antisemitismus? In der bayerischen Zentrumspresse wird unter der Ueberschrift: ..Bayerische Anfragen an den Reichskanzler", mitgeteilt, daß der Reichstagsabgeordnete Dr. Trendel (Regensburg) unterm 7. November 1916 acht Anfragen an den Reichskanzler gerichtet habe. Die Fragen betreffen Futtermittel, Kalkstickstoff, Oele und Fette, Obst und Gemüse, Fracht- und Preisausgleichssicherung der Kriegsgesellschaft für Weinobst-Einkauf. Die Frage 8 aber lautet: „Aus welchem Grunde hat die Reichs-Futtermittelstelle und die Bezugsvereinigung deutscher Landwirte der Münchener H e f e n v e r w e r t u n g s g e s e l l s ch a s t m. b. H. gemäß der Verordnung vom 28. Juni 1915 (24. März 1916) den gesamten Anfall der Naßhese der Münchener Brauereien zugewiesen? Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß diese Gesellschaft aus fünf Münchener Israeliten besteht, dem Großkaufmann Emil Zeckendorf, dem Großhändler Jakob Bucksath, dem Rechtsanwalt Dr. Julius Schülein, dem Kaufmann Dr. Fritz Schülern, der Unionsbrauerei u. Co., Geschäftsführer Joseph Schülein? Mit welchem Rechte werden diese Herren gegenüber einer so i leistungsfähigen und renommierten Brauerei, wie es die L ö w e nb raue re i München ist, bevorzugt?" Am Schlüsse der Notiz heißt es dann: „Die Anfragen wurden auf Veranlassung des bayerischen Landtagsabgeordneten Dr. S ch l i t t e n b a u e r eingereicht." Um was handelt es sich nun bei diesen Anfragen? In der letzten Zeit waren in den Tageszeitungen Inserate enthalten, in denen die Löwenbrauerei und die Münchener Hesenverwertungsgesellschaft den Wert ihrer Erzeugnisse darzulegen versuchten. Die Analysen dieser Produkte wurden bekanntgegeben. Das gewürzte Löwenbrauereiprodukt wird aus bei der Hefenextraktion verbleibenden Rückständen hergestellt und zum Preise von 1,30 Mark pro Kilogramm verkauft. Es enthält nach den Analysen 19,05 Prozent Eiweiß und 4 3,50 Prozent W a s s e r. Die von der Münchener Hefenverwertungsgesellschaft entbitterte, gereinigte, getrocknete und in . den Handel gebrachte Brauereihefe enthält dagegen 54,94 Prozent Eiweiß und 6,05 Prozent Wasser. Das Kilogramm dieses Produkts kostet (in sieben kleinen Packungen) im Kleinhandel 2,80 Mark. An gemeinnützige Anstalten wird das Kilogramm um 1,80 Mark abgegeben. Aus weitere Einzelheiten hier einzugehen, ist Zurzeit unmöglich. Aus unserer Darstellung ist aber schon ersichtlich, daß die fünf von Dr. Schlittenbauer genannten „Israeliten" nichts getan haben, das die Veranlassung geben könnte, sie an den Pranger für Kriegswucherer zu stellen. Tut nichts, „der Jude wird verbrannt". Aber wir leben ja in den Tagen des Burgfriedens! Tut nichts, Juden gegenüber gibt es keinen Burgfrieden! Sehr bedauernswert ist es, daß dieser Antisemitismus sich auch in anderen Ländern deutlich zeigt. In Rußland ist dies nicht wunderbar, und darum wird eine Meldung nicht überraschen, die wir dem „Vorwärts" entnehmen: I u d e n - „F r e i z ü g i g k e i t" in Rußland. Im Sommer 1915 — als der Zusammenbruch der russischen Armeen erfolgte — hob ein Ukas die Wohnbeschrünkungen der Juden in ziemlich weitgehendem Maße auf. Wenige Monate später erging im sibirischen Osten folgender Erlaß: Der Militärgouverneur von Wladiwostok. . . . Ich erteile die Anordnung, mir über die Ankunft eines jeden Juden in Wladiwostok Rapport zu erstatten mit Angabe: des Namen, Vaters- und Familiennamen, der Konfession (betrifft getaufte Juden, die für die Polizeiverwaltungen nicht als vollberechtigte Christen gelten, sondern einigen Ausnahme„gesetzen" unterliegen und als Juden orthodoxen, lutherischen, mohammedanischen Glaubens je nachdem registriert werden. T. Uebers.), seines ständigen Aufenthaltsorts, des Orts, an welchem seine Ausweispapiere zuletzt angemeldet wurden, der Art seiner Beschäftigung, des Zweckes seiner Herreise. Jeder neu a n g e k o m m e n e I u d e i st unter Aufsicht zu stellen hinsichtlich seiner Lebensart, Führung und Beschäftigung; es ist mir alles mitzuteilen, was eine besondere Verfügung erforderlich machen sollte. Erlassen auf Grund der Anordnung des Generalgouverneurs des Amurgebiets. 20. Oktober 1915. Gegen die unerträgliche Behandlung der Juden und der anderen Fremdvölker Rußlands hat die Liga dieser Völker den nachstehenden Aufruf an den englischen Minister Asquith erlassen, der ja leider wie so viele andere Appelle wirkungslos verhallen wird. Er mag hier wiederholt werden: S t o ck h o l m, 20. November. Die Liga.der Fremdvölker Rußlands hat folgendes Telegramm an Asquith gerichtet: An den Ministerpräsidenten Herrn Asquith. Die Anteilnahme, die Sie in Ihrer letzten Rede den Leiden der Armenier gezeigt haben. hat lebhaften Widerhall in unseren Herzen gefunden: — ist es doch ein weiterer Beweis, daß die Rechte und Freiheiten der kleinen Nationen anerkannt werden. Das Schicksal unseres Brudervolkes geht uns nahe! Wir bitten Sie aber nicht zu vergessen, daß wir Fremdvölker Rußlands ungleich schwerere Leiden ertragen haben und noch ertragen müssen. Biete