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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-01 · Heft 48 (1.12.1916) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 48 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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568 Leistung dieses Schiffes mit erfolgreichem Ende gekrönt werden. Die Errichtung des Königreichs Polen — dies das vierte hochwichtige weltgeschichtliche Ereignis — ist Gegenstand einer großen Debatte im preußischen Abgeordnetenhause gewesen, nachdem der Reichstag vor der Proklamation dieses Gesetzes auseinandergegangen war. Die polnische Partei war wenig damit zufrieden, auch die anderen Parteien haben zum Teil bemerkenswerte Einsprüche und Bedenken geäußert; es wird Sache der verbündeten Regierungen sein, mit fester Hand und starker Einsicht das Richtige zu treffen. Zum fünften mag daran erinnert werden, daß infolge der Tyrannei, die seitens der Ententemächte aus Griechenland geübt wird, die Gesandten von Deutschland, Oesterreich, Bulgarien und der Türkei trotz des Widerspruchs des Königs von Griechenland, der seine Hand zu solchen Ungeheuerlichkeiten nicht bieten will, gezwungen, worden sind, Griechenland zu verlassen. Dieser neue Schritt ist ein allem Völkerrecht hohnsprechender Akt, durch den die Ententemächte wieder bewiesen haben, in welch namenloser Verdrehung aller Rechtsgefühle sie die Stellung der Neutralen auffassen und ganz nach ihrem Belieben gestalten. Daß Griechenland gezwungen werden sollte, aktiv an dem Kriege teilzunehmen, scheint freilich ausgeschlossen, obgleich in den allerletzten Tagen ein Ultimatum an Griechenland ergangen sein soll, aber die volle Knebelung dieses Landes, das nach weisem Verständnis seine Interessen ruhig verfolgen will, ist eine so riesenhafte Gewalttat, daß sie in den Blättern der Geschichte wahrhaft einzig dasteht. Eben verlautet, daß Venizelos den Deutschen den Krieg erklärt hat, daß aber der König sich diesem Treiben energisch widersetzt. Von den K r i e g s e r e i g n i s s e n ist nicht viel zu melden; große Schläge sind in dem abgelaufenen Zeitraum nicht erfolgt. Dem nicht' sehr bedeutsamen Zurückgehen der verbündeten Truppen in Mazedonien, der Aufgabe von Monastir steht ein glückliches planmäßiges Vordringen in der Walachei entgegen. Wichtige Plätze sind dort von unseren Truppen und denen der Verbündeten eingenommen, die Donau ist an mehreren Stellen überschritten worden, und in Paris wird die Lage der Rumänen als sehr schlecht angesehen, und ohnmächtige Hilferufe werden von verschiedenen Seiten ausgestoßen. Die Sache der Rumänen steht besonders schlimm dadurch, daß die Verbindung der Armeen Mackensen und Falkenhayn gelungen ist. An der italienischen Grenze ist nichts geschehen. Auf den westlichen Kampfplätzen haben sich keine bedeutsamen Ereignisse vollzogen. Im ganzen steht unsere Sache durchaus wünschenswert; nur ist ein Ende des furchtbaren Blutvergießens, eine verheißungsvolle Wandlung,, eine Aussicht zum Frieden in keiner Weise vorauszusehen. * Leider ist in Deutschland der Antisemitismus in starker Steigerung begriffen. Wir können nicht umhin, in den Statistiken, wie sie in den .Kriegsämtern, im Roten Kreuz und in anderen Organisationen vorgenommen werden, die Anzeichen antisemitischer Tendenz zu erblicken, obgleich solche Absichten geleugnet werden. Den Standpunkt, den wir einnehmen, finden wir gut gekennzeichnet in folgenden durch die „Berliner Volks-Zeitung" verbreiteten Versen: Tie beiden Statistiken. Zwei graue Weiber begegneten sich. Sie kannten sich gut, nicht von heute und gestern: Geboren im selben statistischen Amt Und aus der gleichen Wurzel entstammt, Waren sie Schwestern. „Was schaffst du heute?" fragte die eine. „O, etwas sehr Wichtiges, wie ich meine," Versetzte die andre: „Ich wand're und wand're Durch viele Gesellschaften, viele Bureaus, Und da notiere ich fehlerlos Doch ohne Anseh'n der Personen Die Konfessionen. Die werden dann in Rubriken geteilt. Und so ermittle ich unverweilt In Ziffern, die sich zufammenfanden. Die Anzahl der Juden, die dort vorhanden. Dann rechne ich dieses, Haus bei Haus, In weiterm Verfolg nach Prozenten aus; Das liefert besondere Charakteristik, Dies ist mein-e Pflicht; ich bin ja Statistik." „Auch ich bin eine," so sagte die zweite, „Doch bleib ich nicht hier: ich gehe ins Weite: Auch ich will statistische Wahrheit bieten Und zähle wie du die Israeliten. Es ist ein gewisser Unterschied bloß. Denn andres verlangt mein Auftraggeber: Ich zähle sie nicht in den Bureaus — Nein, Schwester — ich zähle die Heldengräber!" Aber auch sonst bekundet sich antisemitisches Treiben. Darüber ist nachstehendes mitzuteilen. Zunächst ein Artikel der „Frankfurter Zeitung", der nachstehenden Wortlaut hat, sodann ein Bericht des „Berliner Tageblattes", den wir wörtlich folgen lassen: Antisemitisches Treiben. Der fortschrittliche Landtagsabgeordnete Kanzow geißelt in der „Liberalen Korrespondenz" das wieder stärker hervor tretende Gebaren, wie es in konservativen und antisemMschen Müttern Alltage tritt. Am ärgsten geschieht das in der berüchtigten „Wahrheit", welche d ie Konsessionsstatistik zum Anlaß einer ganz besonder enantisemitischen Hetze nimmt und die -gemeinstell, Verleumdungen gegen die an den Aushebungen beteiligten jüdischen Aerzte richtet. Gegen solche Niedrigkeit führt Abg. Kanzolv aus: Cs wird hier deutlich den Aerztenjüdischen Glaubens der Vorwurf gemacht, sie übten ihren matzgiebenden Einfluß bei der. Entscheidung über die Diensttauglichkeit zugunsten ihrer Glaubensgenossen aus.. Gerade die Aerzte haben in diesem Kriege Heldentaten verrichtet. Die verwundeten Kämpfer rühmen ausnahrnAlos die Aerzte. Nie habe ich gehört, daß sie einen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Aerzten gemacht hätten. Soll und darf dies Treiben jetzt noch fortgesetzt werden? Als alten Richter (Herr Karlzow war Landgerichtsdirektor) empört mich nichts mehr als Gehässigkeit und Ungerechtigkeit. Aus den Schlachtfeldern int Osten und int Westen ist deutsches Blut geflossen, ob christliches, jüdisches oder dissidentisches, ist gleichgültig. Die Reichsbürger jüdischen Glaubens haben ihre Pflicht dem V-aterlaude durch Gesinnung und Tat voll erfüllt, sei es auf dem Schlachtfelde, sei es auf wirtschaftlichem oder finanziellem Gebiet. Ich bin kein Freund davon, eine Statistik aufzustellen, wie weit Eiserne Kretize zweiter und erster Klasse an jüdische Kämpfer verliehen sind, wie viele jüdische Augen ansgeschosscn, wie viele jüdische Arme und Beine verlorengegangen sind. Alle derartigen Statistikensind lächerlich. Traurig. aber ist es, daß in diesen Tagen schwersten Ringens durch h altu n d f i n n I o s e Ver d ä ch t i g it n g e n die Einheit unseres Volkes auf das schwerste gefährdet wird. Und wie wirkt das nach außen? Darum rufe ich allen zu, die vaterländisches Beran'tlvorttlngsgefilhl haben: Haltet ein mit denr Treiben, das nichts nutzen, sondern nur schaden fann! Dadurch, daß ihr den Volksgenossen, der anderen Glaubens ist, verkleinert, werdet ihr selber nur kleiner. Dadurch, daß ihr den anderen, schlecht ntacht, werdet ihr selbst nicht besser. Beherzigt immer, mrd jetzt besonderst daß wir Söhne eines Bolkes sind, und daß wir zusmnmenstehen und! -halten sollen „brüderlich mit 'Herz unb Hand". D i e ge f -a l l e n e n Berliner Ne ch t s a n w ä l t e. D e r Anteil der Konfessionen. Das Wochenblatt „Die Wahrheit", das bekanntlich in tendenziöser Weise eine völlig unrichtige Angabe über die Verwendung s e l d d i e n st f ä h i g e r I u d e n im Innendienst beim 1. Garde- Feldartilleriereginrent verbreitet hat, hatte in einem anderen Artikel

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