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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-01 · Heft 48 (1.12.1916) · p. Seite 567

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 48 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 567 (sequence 3)
Language
German
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567 zwischen Gott und Mensch setzt? Hier hat man nun genau zu unterscheiden zwischen idealer und mystischer Liebe. Die Liebe, wie sie Cohen im Anschluß an die Hoseanische Formel: Liebe gleich Erkenntnis formuliert, ist nicht die unmittelbare Liebe zu Gott, sondern die unmittelbare Liebe zu den Menschen, wie sie als ein Resultat sozialer Erkenntnis erscheint. Und diese Liebe zu den Menschen, das Mitleid mit den Armen, wurzelt in der Achtung vor dem Menschen als dem Träger des R e ch t s und der E h r e. Da aber die messianische Gottheit nur Recht und Gerechtigkeit aus Erden begründen will, da sie den Armen erlöst und befreit, so liegt in der Liebe zum Armen auch die Liebe zu Gott. So ist diese Art der Gottesliebe nichts anderes als die Liebe zum Menschen: Gebt dem Menschen, was des Menschen ist, so gebt ihr Gott, was Gottes ist: „Wenn ich Gott liebe, so liebe ich nicht p a u t h e i st i s ch d a s U n i v e r s u m, nicht die Tiere, nicht die Bäume und die Kräuter als meine Mitgeschöpfe, sondern aber ich liebe in Gott einseitig den Vater der Menschen, und diese höhere Bedeutung und diese soziale Prägnanz hat nunmehr der religiöse Terminus von G o t t a l s V a t e r; er ist nicht sowohl der Schöpfer und Urheber, sondern vielmehr der Schutz und B e i st a n d d e r A r m e n." Und wiederum ist diese Liebe zu Gott keineswegs das ausschließliche Resultat ethischer Betrachtungen, sondern weit eher der Erfolg religiöser Gesinnung, da ich ja schon auf Grund der Korrelation zwischen Individuum und Gott meine Beziehung zu Gott als dem Schöpfer und Erhalter des sozialen Gleichgewichts gewinne, meine Schuld tilge und Erlösung finde. So erhält auch der Gedanke der individuellen Providenz einen neuen eigenartigen, aber durchaus sittlichen Sinn und Wert. Man sieht, wie eng der Anschluß der Religion an die Ethik ist, ohne daß diese mit jener zusammenfiele. Es sind die gleichen ethischen Inhalte, aber in gänzlich neuer eigenartiger Beleuchtung. Und genau so wie zur Ethik verhält sich die Religion zur Logik, Aesthetik und Psychologie: Ueberall Eigenart, aber nirgends S e l b st ä n d i g k e i t. So bewährt sich auch hier der logische Ursprungscharakter Cohenscher Philosophie: Vereinigung und H a r in o n i e unter den verschiedenen Gliedern des Systems, aber nirgends Identität. Es ist hier nicht der Ort, ans alle einzelnen Punkte diese» „mächtigen" Buches, wie es der Marburger Theologe Herrmann nennt, kritisch einzugehen. Wenn aber als das vornehmste Kennzeichen einer wahrhaften Kulturdisziplin ihre Harmonie mit der wissenschaftlichen Vernunft gilt, so hat Cohen in diesem Buch der Religion eine Idealisierung gewidmet, wie sie bis jetzt von keinem Denker erreicht wurde. Wenn ferner als Musterform dieser Religion gerade die Religion des Judentums erscheint, wie sie in Propheten und Psalmen zutage tritt, so hat Cohen der Religion seiner Väter einen Dienst erwiesen, der sicher im Herzen eines jeden religiös empfindenden Juden den nachhaltigsten Widerhall findet. Mr Woche. B e r l i n, den 28. November 1916. anche Ereignisse von großer Bedeutung haben sich in der vergangenen Woche vollzogen. Zunächst der Tod des greisen Kaisers Franz Josef von Oesterreich-Ungarn. Der erlauchte Fürst eines befreundeten Staates ist, satt an Tagen, nach kurzer Krankheit gestorben, und ein langes Leben ist damit abgeschlossen. 68 Jahre saß er auf dem habsburgischen Throne, und ein Uebermaß von Leiden hat er ausgekostet. Er hat Gattin und Sohn, den späteren Thronfolger und dessen Gattin auf tragischste Weise verloren. Er hat blühende Provinzen seines Reiches eingebüßt und die schwersten Bedrängnisse durchgemacht. Aber er hat es Mit wunderbarer Kraft verstanden, solche schweren Verluste zu überwinden und seinem Besieger, dem ehrwürdigen Kaiser Wilhelm und dessen Enkel, unserem Kaiser, nachdem er sie aus Feinden zu Freunden gewonnen, unverbrüchliche Treue bewahrt. Er hat in vorbildlicher Weise sein schweres Herrscheramt verwaltet. Er hat die unter seinem Szepter vereinigten Völker zu berücksichtigen, feindliche Strömungen zu beschwichtigen gesucht und hat, was wir besonders hervorzuheben haben, auch unseren Glaubensgenossen ihre berechtigte Stellung gewährt. Möge sein Beispiel auf seinen Nachfolger Karl I. wirken, der in schwerster Zeit, die für Oesterreich- Ungarn vielleicht noch schwerer ist als für irgendeinen anderen Staat, zur Regierung gelangt. Ein zweites hochwichtiges Ereignis ist das Gesetz vom vaterländischen Hilfs dien st, dessen Entwurf, vor kurzem verbreitet, vom Bundesrat angenommen worden ist und in diesen Tagen zum Gesetz werden soll. Die wesentlichen Bestimmungen dieses Gesetzes sind die folgenden: 8 1. Jeder männliche Deutsche vom vollendeten 17. bis zum vollendeten 60. Lebensjahre, soweit er nicht zum Dienste in der bewafsueten Macht einberufen ist, ist zmn vaterländischen Hilfsdienst während des Krieges verpflichtet. 8 2. Als v ä t e r l ä u d i s ch -e r Hilfsdi e u st gilt außer dem Dienste bei Behörden und behördlichen Einrichtungen insbesondere die Arbeit in der Kriegsindustrie, in der Landwirtschaft, in der Krankenpflege und in kriegswirtschaftlichen Organisationen jeder Art sowie in sonstigen Betrieben, die für Zwecke der Kriegführung oder Bottsversorgung unmittelbar oder mittelbar von Bedeutung sind. Tie Leitung des vaterländischen Hilfsdienstes liegt dein beim Königlich Preußischen Kriegsmiuisterium errichteten K r i e g 8a in t ob. Aus der Begründung des Gesetzes sind folgende drei Sätze hervorzuheben: Z it diese m Z w e ck e i st d i e g e s a m tenicht z u m H eeresb i c ii ft e h e r a n gezogene Bevölker n n g in d e r H e i - in a t zu e r f a s s e u u n d die Bol k s t rast f ü r das g r o ß e Ziel der Bat e r l a n d s v e r t e i d i g u n g z w e ek d i e n l i ch z n verwerte n. Wer irgend arbeiten kan n, hat in die s e r g r o ß e n n n d s ch w e r e n Zeit fei n R e ch t m e h r, m ü s; i g z u s e i n. Durch das Gesetz soll eine gesetzliche Verpflichtung zum vaterländischen Hilfsdienst geschaffen werden. Bisher kann noch jeder, der nicht zum Dienste in der bewaffneten Macht einbernfen ist, soweit ihn nicht amtliche oder vertragliche Pflichten binden, frei darüber verfügen, ob, in welchen: Umfange und in welcher Art er seine Arbeitskraft verwenden will. Das darf in dem Bottskampf, in dem nur stehen, fortan nicht mehr in gleichem Maße der Fall sein. Anch in der Heimat muß jeder deutsche Mann seine ganze Kraft dort einsetzen, wv das Vaterland sie am nötigsten braucht, und wo er nach seiner körperlichen und geistigen Veranlagung diesem die besten Dienste leister: kann. Wie im Heeresdienste darf bei diesem gesamten Vorgehen keine Rücksicht auf soziale Unterschiede gelten. Für den vaterländischen Dienst, welcher Art er auch sei, kann es nur Staatsbürger, nicht Schichten und Klassen geben. Wir begrüßen das Gesetz mit großer Freude. Es werden dadurch alle Kräfte aufgerufen zu einer heilige:: Ausgabe. Möge die Nation sich dieses weitsichtigen, von edelstem Geiste getragenen Gesetzes würdig zeigen! An dritter Stelle mag erwähnt werden, daß das U n t e r s e e h a n d e l s b o o t „D e u t s ch l a n d", nachdem der erste Versuch s der Rückfahrt durch einen schlimmen Zusammenstoß Mt dem Schlepper, der es aus dem Hafen herausführen sollte, geschädigt worden war, seine Heimfahrt glücklich angetreten hat. Es wird von den innigsten Wünschen der ganzen deutschen Nation begleitet. Mögen sich diese Wünsche erfüllen, und möge die wunderbare

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