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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-24 · Heft 47 (24.11.1916) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 47 (24.11.1916)
Date
1916-11-24
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
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§6s „Vielleicht wäre es das klügste, wenn wir unter uns eine Summe aufbringen würden und uns von den Räubern loskausten," riet Meier Nathan, der ein Zweifler war und nicht allzu viel Hilfe von dein Rat des Rabbi Nehorai erhoffte. Der alte Zadok schüttelte den Kopf: „Was wir jenen auch bieten, es wird alles zu wenig fein — sie sind wie die Töchter der Aluka: Gib! Gib! Werden nimmer satt und sprechen nie-. Genug. Und es ist noch das wenigste, daß sie unser Hab und Gut nehmen, aber sie gehen uns ans Leben und an die Ehre unserer Weiber und Töchter." „Sie haben doch selber Weiber zu Haus," brummte Nathan. „Aber was für welche!" rief Zadok geringschätzig. „Ihre Weibsen sind unsauber wie sie selbst, sie stinken, mit Verlaub zu sagen, und sind faul, borstig und boshaft wie die Wildkatzen. Hast du je gehört, daß ihr Zar jemals eine Russin zur Frau genommen habe? Immer hat er eine schöne saubere Deutsche geheiratet, allenfalls eine Dänin, weil ihm vor seinen Landsmänninnen graut. Darum fallen sie über die Frauen bei uns her, ganz gleich, ob alt oder jung, ist doch die Aelteste, Garstigste bei unS hundertmal appetitlicher wie ihre schönen Minkas mit den Weichselzöpsen." „Du malst sie gut," lachte Nathan. „Das Lachen wird dir bald vergehen," grollte Zadok. „Habt ihr vergessen, daß eine ihrer Satansprinzessinnen geraten hat, allen jungen Deutschen die rechte Hand abzuschlagen? Und daß man -darum die Jungen von sechszehn bis zwanzig in einer Nacht nach Süddeutschland geschafft hat?" „Ja, das ist wahr," seufzten mehrere Männer, und sie zählten auf, wer alles Söhne dabei habe; viele, viele, Juden wie Christen, hatte die Behörde fortgebracht. „Hört ihr nicht," fragte Nathan, „ein Wagen fährt." Vorsichtig guckte er durch die mit Brettern verstellten Fensterscheiben und rief dann erregt: „Ist das nicht Noahs Steffeck, der da oben? Und meiner Seele, zwei Männer hocken da oben noch auf dem Wagen, wie halb versteckt."- „Vielleicht Noah und sein Schwager," sagte der alte Zadok bitter, „mir scheint, sie machen sich davon!" Alle Anwesenden brachen in heftiges Schelten über die Fluchtverdächtigen aus, nur der Rabbiner schwieg. „Ihr sagt doch gar nichts," murrte Zadok vorwurfsvoll. „Wie könnt ihr mit Bestimmtheit sagen, die beiden sind es? Kann man doch im Dunkel der Nacht kaum den Wagen erkennen," sprach der Rabbiner. „Steffeck war es bestimmt," behauptete Nathan, „aber Boas und die beiden anderen sind unsichtbar — Steffeck sah ich genau. Und wer sollte ihn heißen fortfahren, wenn nicht sein Herr und dessen Schwager? Soll ich zu Noah ins Haus gehen und nach ihm forschen?" „Das ist doch Torheit, lieber Nathan," sprach der Rabbiner bestimmt. „Wollt Ihr die Frauen erschrecken? Und um nichts in der Welt glaube ich, daß sich Noah aus dem Staube macht und Frau und Tochter mit Enkelkind schutzlos hier lassen werde." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Achad - Haa nt. A in Scheideweg e. Zweiter Band. Aus dem Hebräischen von Dr. Harry Torczhner, Privatdozent an der k. k. Universität Wien. Jüdischer Verlag, Berlin 1916. In dem Vorworte des Uebersetzers zu dief-em Buche schreibt er, daß mehr denn je das jüdische Volk heute am S chei dew e ge stehe. Gleich allen anderen, ja mehr als andere Völker, beklage es viele seiner Besten, die in diesem Kriege gefallen sind, und auch die anderen, die nicht selbst die Waffe ergreifen konnten, habe Not und Tod in ihrem friedlichen Heim ausgesucht. Hunderttausende habe der Krieg von Haus und Hof getrieben und so wieder einmal zur Wanderung ins Ungewisse gezwungen. Von den in diesem Buche gesammelten Aufsätzen beziehen sich nun die meisten auf Fragen, welche die Zukunft des jüdischen Volkes betreffen. Aehad-Haam,' „der tiefste Denker der jüdischen Wiedergeburt", wie ihn Martin Buber bezeichnet hat, hat diese Fragen mit weitblickendem Auge und tjef in den Kern der Dinge eindringendem, scharfem und kritischem Verständnis behandelt. Wie sehr er ein Selbstdenker ist, der nicht die gewöhnlichen, ausgetretenen Pfade geht und unbestechlich und unbeirrt von der Tagesmeinung sein eigenes wohlbegründetes Urteil ausspricht, das zeigt sich besonders in dem Kapitel „Die Renaissance des Geistes", aus dem wir folgende Probe seines Stils und seiner eigenartigen Auffassung jüdischer Dinge anführen wollen: „Es gibt einen Wissenszweig, der dem Namen und seinem Inhalte nach ganz uns gehört: „die jüdische Wissenschaft". Auf diesem Gebiete hätten wir sicherlich in unserem Geiste arbeiten und unserer originellen Begabung freien Lauf gewähren müssen. Aber was sehen wir in Wirklichkeit? Die fleißigsten und originellsten Arbeiter auf diesem Gebiete sind fremde Forscher, und die jüdischen Gelehrten sind ihre Nachbeter und Nachtreter, ohne von den Grundsätzen und der Forschungsmethode abzugehen, die ihre nichtjüdischen Lehrer ihnen Vvrgezeichnet, auch dort, wo genügender Grund dafür vorliegt, an ihren Behauptungen zu zweifeln. Wie und wozu wurde die „jüdische Wissenschaft" geschaffen itnd gefördert? Nicht innere Notwendigkeit zur Weiterentfalt n n g des Volksgeistes in der Zukunft hat den Sinn der jüdischen Gelehrten auf die Vergangenheit gelenkt, um dort das geistige Band zu finden, das alle Geschlechter in unserem nationalen Leben verknüpft, und dieses Band, gestützt auf klare historische Erkenntnis, fester um uns zu schlingen;, nicht dieses nationale Bedürfnis hat die „jüdische Wissenschaft" geschaffen, sondern andere momentan und zufällige Bedürfnisse, die im Gegenteil meist darauf gerichtet waren, das nationale Band nicht nur zwischen Vergangenheit und Zukunft, sondern auch zwischen den zerstreuten .Volksteilen in der Gegenwart zu lockern. Zu uz, der eigentliche Vater der jüdischen Wissenschaft, sah darin ein Mittel, die Meinung der Völker über uns zu unseren Gunsten zu beeinflussen und dadurch das größte Ideal jener Zeit, die Gleichberechtigung, zu erlangen. Geiger vertiefte sich in die jüdisch-wissenschaftliche Forschung, um in ihr Grund und Stütze für sein Ideal zu finden, die religiöse Reform, die in ihrem Wesen eigentlich wieder ein Mittel zur Erreichung der Gleichberechtigung war." An einer anderen Stelle dieses Kapitels hebt Achad-Haam Abraham Geigers Bemerkung in seinen nachgelassenen Schriften hervor, daß wissenschaftliche und literarische Schriften in hebräischer Sprache dem Herzen unseres Volkes näher stehen und von ihm in anhänglicher Liebe und Achtung für lange Zeit hinaus bewahrt werden, weit mehr als das, was in anderen Sprachen über Juden und Judentum geschrieben wird. Andererseits hat Ludwig Geiger bei der Begründung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" die Notwendigkeit betont, unser Augenmerk nicht nur auf die hebräische Literatur der Berg a u g e n h e i t, sondern auch der Gegenwart zu lenken. Wer iu der letzten Zeit aufmerksam alle Erscheinungen im Leben unseres Volkes in den einzelnen Ländern verfolgt hat, sagt Achad-Haam an einer anderen Stelle, kann nicht daran zweifeln, daß unsere kulturellen Güter bei den Besten unseres Volkes wieder an Wertschätzung und Liebe gewinnen. — Das Buch stellt eine wertvolle Bereicherung der zeitgenössischen jüdischen Literatur dar, es fesselt durch seine geistvolle Sprache und regt zum Nachdenken an und verdient daher beste Empfehlung. Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l in Lissa i. P. Mchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendrmg der Bücher findet in keinem Falle statt. Sammlung Göschen. Semitische Sprachwissenschaft. Von Dr. C. Brockelmarm, Professor an der Universität Halle. Zweite, verbesserte Auflage. Berlin und Leipzig, G. I. Göschensche Verlagshandlung G. m. b. H., 1916. Die fremde Frau. Roman von Paul Zisferer. S. Fischer Verlag, Berlin, 1916. Der Jude. Eine Monatsschrift. I. Jahrgang. Heft 7. Oktober 1916. R. Löwit, Verlag, Berlin-Wien. Mitteilungen zur Jüdischen Volkskunde. Herausgegeben von Dr. M. Grunwald, Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. 19. Jahrgang. 1. bis 4. Heft. (Der ganzen Reihe 55. und 56. Heft.) Diese Mitteilungen erscheinen zugleich als Organ der Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg. Wien 1916:

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