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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-24 · Heft 47 (24.11.1916) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 47 (24.11.1916)
Date
1916-11-24
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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S62 Der Lsbbi von Salaschin. Eine wahr« Begebenheit aus dem Weltkriege. Nacherzählt von Clemens Berg. (1. Fortsetzung.) n der großen Gemeindestube, wo etwa an vierzig \ jüdische Männer um den Rabbi versammelt waren, wurden sie mit einem einstimmigen „Bornch habo" empfangen. „Wir haben auf euch gewartet," sagte der Kantor Boas und seufzte erleichtert auf. „Wieso uns erwartet, und was können wir euch nützen?" fragte Noah beklommen. „Nicht viel und doch genug." Und er erzählte halblaut, in fliegender Eile, während die anderen Männer, junge und alte, eifrig beschäftigt waren, einen aufgestapelten Stoß alter Gebetbücher vorsichtig zu durchblättern. „Ein Neß hat sich zugetragen! Gestern früh ist ein russischer Seltner zu dem Rabbi in die Stube gekommen, hat Brot und Geld verlangt, hat von beiden ein weniges von wenigem erhalten und hat dann zum Tank, es war ein großer, starker Kerl, mit der Faust an der Tür die Mesuse abgeschlagen. Wie nun der Rabbiner mit Tränen in den Augen sich bückt, um sie aufzuheben, sieht er, wie ein schmaler, steifer, gelblicher Streifen daliegt, darauf' steht geschrieben: „Batel Machschowaus Szaunenu!" und darunter: „Seht in die Machsorim!" Unser Rabbiner hat aber gleich erkannt, daß das die Handschrift sei von dem großen Rabbi Nehorai Lewy, der vor hundertundzehn Jahren oder mehr in unserer Stadt gelebt und gelehrt hat, und der auch bei uns gestorben ist. Gleich hat der Rabbiner befohlen, alle Juden sollen hcreinkommen und mitbringen all ihre Machsorim, besonders die, die sie von Vater und Großvater bekommen haben, und nun sind wir hier seit gestern, ungegessen, nüchtern wie die Fische und suchen und lesen in den alten Büchern. Einer von uns, der alte Jakob Zadvk, hat das Masel gehabt, in einem Chumesch von seinem Vater selig eine alte Schrift zu finden, und wie sie unser Rabbiner ansieht, ist es dasselbe steife Papier und auch wirklich Rabbi Nehorais Hand. Seht selbst, wenn ihr ihn bittet,! der Herr Doktor gibt es euch zu lesen." Noah und Ascher baten sogleich ehrerbietig Einsicht in die gefundene Schrift nehmen zu dürfen, was ihnen bereitwillig gestattet ward. Auf gelblichen: Papier, das sich wie Leder anfühlte, war offenbar in Form eines letzten Willens mit überlebensgroßen Buchstaben der Brief des Rabbi Nehorai geschrieben, der also lautete in unser geliebtes Deutsch übertragen: „An meine lieben Kinder von Salaschin, alte und junge alle zusammen! Ich sage euch noch eininal, was ich such sechzig Jahr lang an jedem Schabbes und Jointvf gesagt Hab: Ihr sollt gute Juden bleiben. Und so das ist, wird euch geholfen werden. So aber welche unter euch herumgehen, die den Schabbes nischt halten, und sie oder ihre Söhne sich abgeben mit fremde Weiber, wird euch nischt geholfen werden. Oder eure Erbtöchter und Töchter mit den andern gehen! Denn das ist Sünde vor Gott. Und in den Tagen der Drangsal sollt ihr nischt kleinmütig sein. Denn es gibt viele Wege zur Hilfe, die ihr nischt kennet. Und wird einmal sein eine große, große Not in der Stadt, lang, prenn ich's werd sehr gut schlafen unter Gras und Steine: Und wann wird sein die große,, große Not über euch, meine armen Juden, dann sollt's ihr . . ." ' Hier war das Blatt und die Schrift zu Ende. „Es muß ein zweiter Bogen gewesen sein, es können wohl auch mehrere dazu gehören," sagte der Kantor bekümmert, „ober wo sie finden? Es ist kein Fleckchen in unseren Häusern mehr, das wir nicht nach alten Büchern durchwühlt und durchsucht haben. Und die Zeit drängt, das Feuer brennt uns schon auf den Nägeln." „Ehedem pflegte man Gebetbücher, die aus irgendeinem Grunde rmbrauchbar und schadhaft geworden waren, zu vergraben," sprach Noah, „ich erinnere mich, daß man, als ich Kind war, nach einem Brande solche angesengte, halb verkohlte Machsorim in dem kleinen Garten vor der Schul eingegraben hat." „Ich erinnere mich auch," rief der Kantor, „aber wer kann da nachsehen? Ihr vergeht, daß wir die Russen in unseren Häusern haben. Sie werden uns erspüren, sie werden glauben, wir vergraben Geld und Gold, und werden uns alle erschlagen." „Das ist sicher," sagte der alte Zadok, „Gott weiß, ob sie nicht schon hier vor der Tür auf uns lauern!" „Ich schleiche mich schon durch," sagte Löwenherz, „und wenn ihr mir noch einen Mann mitgebt, der mir die Stelle zeigt, will ich gern Nachgrabung halten." „Laßt uns erst noch einmal überlegen, ob nicht bei einem im Ort noch alte Bücher und Schriften in Besitz sind," entschied der Rabbiner. „Wie ist es bei Euch, Noah, soviel ich weiß, seid Ihr aus dem Blute Reb Nehorais. Euer Vater war ein Schwestersohn von ihm. Eure Frau ließ sagen, sie habe alle Eure Bücher hergeschickt, habt Ihr noch Angehörige, die welche besitzen?" „Nur meine Schwester Malke, die Frau hier von meinem Schwager Löwenherz," antwortete Noah: „wir haben eben eine ziemlich schwierige Reise von dort zurückgelegt. Und wenn wir wieder hinsahren, ich glaube, wir kehren nicht mehr zurück," sagte er ganz offen. „Seid mir's mauchel, Herr Doktor, aber um ein altes Machsor möchte ich nicht noch einmal mein Leben wagen!" Einige Stimmen murmelten ihm Beifall, der Rabbiner aber sprach ernst: „Geht es denn um Euer Leben allein? Stehen wir hier nicht einer für alle?" Noah senkte beschämt den Kopf, sein Schwager sagte gutmütig: „Nehmt es ihm nicht übel, er ist übernächtig und erschöpft von der Reise. Ich kann Euch Auskunft geben; meine Frau hat wohl einen Satz Bücher in die Ehe gebracht, an sechs Stück Machsorim und eine Techinna. Ich habe die Bücher alle vielhundertmal in Händen gehabt, eine Schrift wie diese hätte ich sicher gefunden. Und wenn nicht ich, hätte sie wohl meine Frau gesehen und mir gezeigt; denn sie ist sehr neugierig ani alles Geschriebene. Aber gebt mir ein Grabscheit, so sehe ich nach in Eurem Schulgarten. Ich fürchte mich nicht, und wenn mir was geschieht, ich habe keine Kinder, Gott wird meiner Frau schon weiter helfen." „Ich habe sechs Kinder," sagte der Kantor Boas und stand auf, „darum gehe ich mit Euch. Meine Jungen sollen einmal nicht sagen, ihr Vater habe etwas versäumt, um sie vor den Kosaken zu schützen." Als die Männer hinausgingen, schloß sich Noah ihnen.an. „Bleib nur drinnen, du Hasenfuß," lachte das Löwenherzchen. „Es ist drinnen so gut und schlecht wie draußen," antwortete Noah, „und ich glaube, ich kann euch die Stelle zeigen." So blieb die Versammlung ernst und beratschlagend ohne sie zurück.

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