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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-24 · Heft 47 (24.11.1916) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 47 (24.11.1916)
Date
1916-11-24
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
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561 t!t Ähnlichkeit des deutschen Und des jüdischen Geistes darzulegen sich bemüht und die Beeinflussung des deutschen Volkes durch den jüdischen Geist, anderseits die Wirkung des deutschen auf den jüdischen entwickelt hat, daß es sich eine neue Heimstätte schaffen müsse, und versteigt sich zu der Forderung: „Deutschland soll dem jüdischen Volke mit dazu verhelfen, sich in seinem Vaterlande die Grundlage einer neuen Zukunft zu schaffen." Dazu hat es, wie wir glauben, gute Wege; Deutschland wird seine Juden wohl lieber in seinem eigenen Lande brauchen, und daß ein deutscher Staat einen neuen Staat schaffen helfe, der ein Spielball der großen Mächte sein müßte, wird lein ernsthafter Politiker befürworten. Es ist daher zu beklagen, daß derartige Ideen unter der Flagge eines vornehmen Institutes in Wien in die deutsche Literatur eingeschmuggelt werden, wobei leicht die Meinung entstehen könnte, daß es sich hier um Ansichten handelt, die von allen Juden geteilt werden. In diesem Zusammenhang ist auch eine merkwürdige Schrift von M. «Simon9) zu erwähnen. Sie hat einen mannigfachen Inhalt. Nach einer Urkundensammlung über russische Zustände enthält sie Ausführungen, nach denen das Jiddische als Unterrichtssprache gefordert, und Abschnitte, in denen die Erfolge der palästinensischen Kolonien hervorgehoben werden. Der Verfasser wünscht, daß eine starke Besiedelung Palästinas erfolge, die freilich nur möglich sei durch den Sieg der Zentralmächte und bei dem Fortbestehen der Türkei; denn er legt dar, wenn die Ententemächte siegreich wären und die Türkei aufgeteilt würde, so wäre es, sobald Rußland Palästina erhielte, mit den jüdischen Ansiedelungen aus. Bei einer etwaigen Vorherrschaft Frankreichs und Englands würde jedenfalls die hebräische Sprache als Nationalsprache verschwinden und das Englische und Französische vorherrschend werden. Aus der Schrift geht nicht klar hervor, ob der Verfasser Zionist ist. Er spricht nicht von einem jüdischen Reiche oder Staate, sondern nur von Kolonien und Einwanderungen. Gegen eine solche haben wir, wenn man den Volksgedanken fahren läßt, nur insofern etwas einzuwenden, als Palästinas Klima, Bodenbeschaffenheit und Wasserverhältnisse die Existenzniöglichkeit einer großen Menge nicht zu dulden imstande sind. Nur jedenfalls muß man, wenn Eisenbahn und Wasserversorgung das Bestehen der palästinensischen Kolonien möglich machen, sich mit einfacher Kolonisation bescheiden und darf nicht, wie der Verfasser es tut, allzu großen Wert auf das Wiederherstellen der hebräischen Sprache als Umgangssprache legen. Vor allen Dingen aber darf keinerlei nationale Wiedergeburt, keine Staatsgründung mit diesen Ansiedlungen verknüpft werden. Ist auch die Tendenz der Simonschen Schrift nicht ganz klar zu erkennen, so sieht es doch beinahe aus, als wenn ihr eigentlicher Zweck ein durchaus zionistischer sei. Ist diese Vermutung richtig, so müssen wir von unserem Standpunkte aus die Arbeit entschieden ablehnen. Im Gegensatz zu diesen zionistisch gefärbten oder ganz unbedingt zionistischen Schriften seien zwei Arbeiten erwähnt, die aus dem entgegengesetzten Standpunkt stehen. Die eine ist allerdings älteren Datums"), vor zwei Jahren von dem Antizionistischen Komitee herausgegeben, bisher aber in diesen Blättern nicht erwähnt. Die Verfasser, von denen der eine schon als Schriftsteller in jüdischen Dingen aufgetreten war, suchen kritisch dem Zionismus zu Leibe zu gehen und, wie sie im Vorworte sagen, zu zeigen, daß die von diesem gegebene Lösung keine wirkliche Lösung ist. Zu diesem Zwecke teilen sie ihre Arbeit in folgende sechs Abschnitte: Der Gedankengang des Zionismus; Tie Einwendungen gegen die Assimilation; Der Zionismus als Lösung der Judensrage in den Ländern westeuropäischer Kultur; Der Zionismus als Lösung der osteuropäischen Judensrage; Die Möglichkeit der Verwirklichung des zionistischen Programms; Die Methode der Assimilation und der Kampf gegen Antisemitismus und Zionismus. Am ausführlichsten ist der zweite: eine Ausführlichkeit, die mir gerade für diese Schrift nicht nötig erscheint. In diesem Abschnitt wird die Rafsentheorie ausführlich berücksichtigt, wobei es sich namentlich um einen Kampf gegen Chamberlain handelt; die Lehre von der soziologischen Unmöglichkeit der Assimilation wird abgewiesen. Im dritten Abschnitt wird der Satz der Zionisten bekämpft, daß durch die Verwirklichung des zionistischen Ideals eine Abschwächung des 9) „Der Weltkrieg und die Judensrage/' Von Tr. Max Simon. Verlag und Druck von B. G. Teubner in Leipzig- und Berlin, 1916. „Die zionistische Utopie." Von Dr. Karl Landauer und Dr. Herbert Weil. Hugo Schmidt, München. Antisemitismus eintretew müsse, und namentlich dargetan, daß ini Zionismus eine Lösung der westeuropäischen Judenfrage nicht enthalten sein kann. Wieweit die osteuropäische Frage durch den Zionismus gelöst wird, beantwortet der vierte Abschnitt und kommt zu dem Schluß, daß die Verwirklichung der zionistischen Idee höchstens einen Bruchteil dieser Unglücklichen erlösen und den Nebrigbleibenden durch eine Wohlfahrtsorganisation helfen kann, die wiederum nur einer kleinen Menge zugute zu kommen imstande ist. In dem fünften endlich wird die Frage: „Ist das zionistische Gemeinwesen in Palästina lebensfähig?" verneint und die weitere Frage: „Ist es möglich, die in Europa zurückbleibenden Juden vor der Emanzipation zu bewahren?" mit einem kräftigen Nein beantwortet. In dem Schlußabschnitt kommen die Verfasser zu dem Resultat: „daß die Westjudensrage auf dem Wege der Assimilation und nur auf diesem Wege gelöst werden kann; daß für die Ostjudenfrage heute eine Lösung noch nicht gefunden ist; daß Siedelungen in Palästina, sofern sie unter Zurückdrängung westjüdischer Unternehmer geschehen, Erleichterungen vielleicht bringen können, und daß es jedenfalls zu den vornehmsten Ausgaben der kultivierten Menschheit gehört, an der Beseitigung dieses Elends selbstlos mitzuarbeiten". Die Schrift ist verständig und für die nicht eben vollkommen Befangenen überzeugend; nur hätte meines Erachtens stärker, als es geschehen ist, aus die Gefahr nachdrücklich hingewiesen werden müssen, die für die ganze Zukunft der deutschen Juden im Zionismus liegt. Gerade diese Gefahr sucht Hermann Cohen scharf und lichtvoll auseinanderzusetzen"). Ich darf über diese Schrift kurz hinweggehen, da ich einen kurzen Abschnitt aus ihr schon früher in diesen Blättern mitgeteilt habe. Es ist begreiflich, daß diese Auseinandersetzung teils wegen des Gewichts des Namens des Verfassers, teils wegen ihrer überzeugenden Darlegung im gegnerischen Lager Aufsehen gemacht und zu einer Erwiderung gereizt hat"). Diese hatte ihrerseits die Folge, daß Hermann Cohen, der unermüdlich Tätige, wiederum das Wort ergriffen hat. In den „K.C.-Blättern", in denen auch Cohens erste Erörterung gestanden hatte, geht er auf die Antworten ein, die sein erster Aufsatz hervorgerufen hatte"). Seine Antwort richtet sich im wesentlichen gegen Martin Buber. Cohen fordert für die deutschem Juden das politische Einheitsgesühl und ein Eingehen in die gesamte Kultur des Nationalgeistes. Er schließt mit den Worten: „Dah§r liebe ich in der Einheit, die der deutsche Geist in seiner Wissenschaft und seinem Staate darstellt, den Weg der Vorsehung zur Erreichung des messtanischen Zieles. Und in dieser Liebe der providentiellen Mission des Deutschtums bin ich mir zugleich unerschütterlich bewußt meiner Liebe zum einzigen Gotte, der nicht nur in Zion thront, sondern der einst die ganze Erde zum gelobten Lande macht. So wurzelt am letzten Ende doch unsere Differenz in unserem Begriffe der Religion. Es entschlüpft meinem Gegner das Wort: „Daß der Zionismus als solcher zu der religiösen Frage überhaupt keine Stellung nimmt." Damit hat er aber aufgehört, „als solcher" eine religiöse Partei zu sein. Und ich erhebe Einspruch gegen die Fiktion, daß ein Standpunkt als jüdischer anerkannt werden dürfte, der zu der religiösen Frage an sich keine Stellung nimmt." Ich habe, wie ich glaube, nicht nötig, dieser Uebersicht, in der ich mich möglichst objektiv zu verhalten suchte, noch etwas hinzuzufügen. Ich ehre die ideale Gesinnung, von der viele Führer und Anhänger des Zionismus erfüllt sind. Ich erkenne an, daß durch ihn viele deutsche Juden aus ihrer Lethargie erweckt und zum Bewußtsein sowie zum Bekennen ihres Judentums gekommen sind, aber ich sehe in den praktischen Zwecken des Zionismus lauter Utopien und in seiner Gesinnung, namentlich in der ständigen Hervorhebung des Begriffes eines jüdischen Volkes, eine grobe Verkennung des Judentums, das eben nur eine Religion ist und sein will. Daher kann ich mich nicht enthalten, in dem Zionismus ein Unheil zu sehen für die Entwicklung des Judentums in Deutschland. L. G. ") „Religion und Zionismus." Ein Wort an meine Kommilitonen jüdischer: Glaubens von Hermann Cohen. Krefeld 1916. Verlag der „K.C.-Blätter". 12) Martin Buber: „Begriffe und Wirklichkeit." Brief an Herrn Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen. „Der Jude", Heft 5, August 1916. (Ans diese Darlegung kann ich nicht näher einaehen, da, wie oben bemerkt, Heft 5 der genannten Zeitschrift mir nicht zugegangen ist.) 13) Antwort auf das offene Schreiben des Herrn Dr. Martin Buber? an Hermann Cohen. „K.C.-Blätter", Juli/August 1916, S. 683/88.

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