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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-24 · Heft 47 (24.11.1916) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 47 (24.11.1916)
Date
1916-11-24
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
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Amerika — aufmerksam und kommt zu dem Schluß: „Das Problem der Ansiedlung der Masse der Ostjuden in Palästina darf also nicht als Utopie behandelt werden, sondern es müssen darüber ernstere Erwägungen angestellt werden. Ist einmal eine große Masse Juden in Palästina angesiedelt, so braucht man sich über die Zukunft derselben bei fortschreitender Volksvermehrung kerne großen Sorgen zu machen: der Zuwachs würde bei fortschreitender Kultivierung Mesopotamiens und Babyloniens schon in nächster Nahe Palästinas untergebracht werden können, ja es dürste mit großer Wahrscheinlichkeit eine Anpassung der Nachkommen der eingewanderten Juden an das Klima der nicht zu heißen Gebiete der Tropen stattfinden können, wo geradezu noch unbegrenzte Siedelungsmöglichkeiten gegeben sind/' Wie es mit den Mitteln steht, die palästinensischen Kolonien zu unterstützen und zu ermöglichen, zeigt Adolf Böhm*). Wir haben nur nötig, aus diese übrigens mit acht Illustrationen gezierte Schrift zu verweisen, in deren vier Abschnitten: Lage und Bewegung der jüdischen Massen; Der jüdische Nationalfonds und seine Aufgaben; Die Tätigkeit des jüdischen Nationalfonds in Palästina; Organisation Propaganda, Sammeltätigkeit und Statistik des Jüdischen Nationalfonds das wesentliche Material zusammengestellt wird; nur kurz braucht darauf Hingelviesen zu werden, daß die zionistische Idee dem Ganzen zugrunde liegt. Freilich drückt sich der Verfasser nicht überluäßig zuversichtlich, sondern höchst vorsichtig aus, indem er an dre russischen Juden als die wesentlichen Ansiedler und Auswanderer denkt. In denselben Zusammenhang gehört das erste Heft eines neuen periodischen Unternehmens^), auf das ich die Interessenten verweise, ohne von den Einzelheiten Notiz zu nehmen. Auch auf die nicht durch den Druck verbreiteter!, sondern nur in Maschinenschriftabzügen versendeten „Mitteilungen des Kopenhagener Bureaus der Zionistischen Organisation" ist hinzuweisen"). In dieser Nummer lvird von medizinischer Hilfe, Gesundheitszustand, von den hebräischen Schulen in Palästina, sodann vom Palästinahilfswerk in Rumänien, von der hebräischen Bewegung in Amerika, vom zionistischen Leben in Südafrika und manchem anderen berichtet. Der genannten Nununer 24 ist als Sonderbeilage ein Bericht über die Zionistische Konferenz in Warschau beigegeben, die vom 13. bis 15. September 1916 stattfnnd. Mitteilungen über die Gründung einer amerikanischen Sektion und über die politische Tätigkeit der Warschauer Zionisten bei der letzten Wahlkampagne zum Warschauer Stadtrat sind wohl das Hauptsächlichste. Außerdem wurden Resolutionen über die Erziehungsfrage gefaßt, unter denen die wichtigste ist, daß die Unterrichtssprache in den Schulen die hebräische sein soll. Ferner ist darauf hinzuweisen, daß das Turnen besondere Berücksichtigung finden soll und daß in allen Städten Polens ein jüdischer Frauentag zu veranstalten sei, an dem Versammlungen abgehalten werden sollen, die der jüdischen Frau und ihrer Ausgabe in der nationalen Bewegung gewidrnet sind. Was die Palästinaarbeit anbetrifft, so wurde eine Resolution gefaßt, dahin zu wirken, daß in den Lehrplan aller hebräischen Schulen als Unterrichtsgegenstand die Geschichte und Geographie Palästinas in Vergangenheit und Gegenwart ausgenommen sowie daß die Literatur über Palästina gepflegt und ein populäres Lehrbuch der Geographie Palästinas herausgegeben werde. Als Kampfmittel für den Zionismus darf man auch eine neue Zeitschrift von Buber betrachten'). Als sie erschien und unter den Mitarbeitern Hermann Cohen genannt wurde, und als im ersten Heft ausdrücklich gesagt wurde: „Die Beiträge sind nicht Kundgebungen einer Gruppe, sondern Aeußerungen der persönlichen Meinung der Verfasser", wandte ich mich an den Verlag und drückte mein Befremden aus, daß ich nicht zur Mitarbeit aufgesordert sei, erhielt aber von dem Herausgeber eine Anüvort, die mich belehren sollte, daß Männer meiner Anschauung als Beitragende unwillkommen wären. Ich habe daher, vielleicht zur Strafe, die Zeitschrift nicht regelmäßig, sondern nur die drei in der Anmerkung verzeichneten Hefte erhalten. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Zeitschrift in vor¬ 4) „Der jüdische Nationalfonds." Von Adolf Böhm. Herausgegeben vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds, Den Haag, Bierkade 8u. ^) „Erez Israel." Mitteilungen des Hauptbureaus des Jüdischen Nationalfonds, Den Haag. Heulstraat 5. 0) „Mitteilungen des Kopenhagener Bureaus der Zionistischen Organisation", Kopenhagen. Hhskenstraede 1b. 7) „Der Jude", eine Monatsschrift. I. Jahrgang, Heft 1, April, Heft 3, Juni, Heft 6, September 1916. R. Löwit, Verlag, Berlin-Wien.' nehmem Gewände erscheint, daß sie manche anregenden Bemerkungen, Gkdichte und allgemeine Aufsätze enthält. Nur ist sie eben durch und durch zionistisch geworden, so daß z. B. im letzten, 6. Heft ganz ausschließlich Zionisten zu Worte kommen und fast ohne Ausnahme zionistische Themata behandelt werden. Der in dem dritten Heft enthaltene Aufsatz Hermann Cohens, den er selbst als einen idealisierenden bezeichnet, wird von der Redaktion mit einer Bemerkung begleitet, des Inhalts, daß sie mit Cohen nur in der Forderung übereinstimme, daß die freie Einwanderung der polnischen Juden nach Deutschland in dem wohlverstandenen inneren Interesse des deutschen Judentums liege: eine Forderung, der wir übrigens nicht beitreten können. Biele andere Aufsätze der vorliegenden Hefte sind recht lesenswert, namentlich die über Erziehungswesen u. a. Charakteristisch ist, daß einem Verfasser Emanzipation und Entjudung in nahem Zusammenhang stehen. Die Zeitschrift führt nicht ohne Absicht denselben Titel wie Gabriel Rreßers Journal, das im Jahre 1832 erschienen ist. Wie weit sich indessen beide Unternehmungen voneinander unterscheiden, sagt der Herausgeber in folgenden Sätzen: „Er meinte den einzelnen Juden, für den er die bürgerliche Gleichberechtigung forderte. Wir geben unserem Blatt den gleichen Nmnen, aber wir meinen nicht den einzelnen, sondern den Juden als Träger des Volkstums und seiner Ausgabe. Wir fordern nicht Gewissensfreiheit für die Angehörigen eines Glaubens, sondern Lebens- und Arbeitsfreiheit für eine niedergehaltene Volksgemeinschaft und daß sie, die heute in ihrem größten Teil als ohnmächtiges Objekt der Ereignisse behandelt wird, freies Subjekt ihres Schicksals uud ihres Werkes werde, damit sie zur Erfüllung ihres Amtes an der Menschheit heranwachse." Ich kann, wie gesagt, nur von drei Nummern reden und bescheide mich daher mit diesen wenigen Zeilen. Ich kann nicht sagen, daß ich der neuen Zeitschrift Gedeihen wünsche, und muß konstatieren, daß die Freunde der neuen Zeitschrift es verstehe:!, in allen großen deutschen Blättern die Reklametrommel für sich zu schlagen. Wenn man von der kulturellen Bedeutung des Judentums spricht, hat man zwei Momente und zwei Zeiten zu unterscheiden; die Momente sind, wenn man so sagen darf, das Judentum und die Judenheit. Jenes, das Judentum, hatte die Aufgabe, den reinen Monotheismus der Welt zu lehren und durch die Zeiten zu tragen; dieser, der Judenheit, siel der Berus zu, ihr Wesen, ihre Nüchternheit, ihren Tätigkeitsdrang, ihre leichte Beweglichkeit, ihren behenden Witz, ihren Scharfsinn und ihre Anpassungsfähigkeit den anderen Nationen dienstbar zu machen. Die Zeiten sind die Vergangenheit und Zukunft, denn wir stehen auf dem Standpunkt, daß das Judentum weder zunr Verfall noch zum Niedergang bestimmt ist, sondern daß es die großen Zulle, die es während seines kurzen Staatslebens und während der langen Zeit seiner Zerstreuung über die ganze Welt teilweise erfüllt hat, in der Zukunft ganz erfüllen soll durch die Ausbreitung der reinen Gottesidee, durch die Nutzbarmachung seiner eigenartigen Geistesgaben, bei der es der Idee dienen und anderer! zu helfen vermag, aber nichts für sich begehrt. Von solchen Gedanken ist zum Teil auch Herr Nachum Goldmann4 * * 7 8), der sich seit einiger Zeit durch mannigfache Artikel und Broschüren einen Namen zu machen versucht, der aber meines Erachtens der Sache mehr geschadet als genutzt hat, weit entfernt. Von dem alten Ghettojudentum behauptet er: „Die weltkulturelle Bedeutung des Ghettojudentums bestand darin, daß es jene Ideen und Werte, die das alte Judentum als reinste und höchste Ausdrucksform des tiefsten Kulturgehalts Vorderasiens geschaffen hatte, unter den Völkern des Okzidents verbreitet und vermittelt hat." Dein Judentum der neueren Zeit stellt er das traurige Zeugnis aus: „Wer die kulturelle Entwicklung Europas im letzten Jahrhundert objektiv verfolgt, wird erkennen müssen, daß der Charakter und die Mission dieses Jahrhunderts eben im Negativen bestand, daß seine Aufgabe die war, die überlieferte Gesellschaftsordnung rücksichtslos Zu zerstören, um Raum für eine neue zu schaffen." Von dem Judentum der Zukunft verlangt er, nachdem er unter den Deutschen für seine Ideen dadurch Propaganda gemacht hat, daß 8) Nachum Goldmann: „Von der weltkülturellen Bedeutung und Aufgabe des Judentums", in ..Weltkultur und Weltpolitik", Deutsche und Oester reichische Schriftenfolge, herausgegeben von Ernst Jäckh (Berlin) und vom Institut für Kulturforschung in Wien. Deutsche Folge 8. F. Bruckmann A.-G.. München.

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