Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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559 Schritten kür und wider den Lmnismus s ist zu bewundern und für uns Andersgesinnte zu bedauern, daß die Zionisten >es verstehen, neben der ungeheuren Presse, über die sie selbst verfügen, ihre Anschauungen auch in allgemeinen Tages-, Wochen- und Monatsblüttern unterzubringen. Zwei derartige Aufsätze in vornehmen Zeitschriften stelle ich voran. Der erstes anderthalb Druckseiten groß, aber um so gefährlicher, als er in einem streng wissenschaftlichen Organ, dem „Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie einschließlich Rassen- und Gesellschafts- Hygiene", das von Münchener, Jenenser und Berliner Gelehrten im Berlage von Deubner in Leipzig herausgegeben wird (Band 11, Heft 3), erschienen und den Mitarbeitern und Lesern dieses Organs, die von der Sache vermutlich noch niemals gehört und nicht gedenken, sich weiter damit zu befassen, eine ganz falsche Vorstellung zu geben geeignet ist. Dieser Aufsatz enthält' ziemlich am Anfang den Satz: „Das jüdische Volk steht heute vor einer schweren Entscheidung: Untergang oder Weiterleben. Der Zionismus ist der Wille zum Weiterleben." Gegen diesen ganzen Saß müssen wir auf das entschiedenste protestieren, zunächst, weil darin unausgesprochen die Ansicht liegt, daß die nichtzionistischen Juden ihren Untergang wünschen oder befürchten, ferner gegen die in dem Satze als selbstverständlich vorgetragene Ansicht, daß es ein jüdisches Volk gäbe. Was sonst Herr Katznelson über Herzl und seine Bestrebungen sowie über die Bemühungen, „ein hebräisch-jüdisches Palästina Zit schaffen", sagt, ebenso seine kurzen Angaben über den Nationalfonds find ziemlich unbedeutend. Die Bemerkung am Schlüsse des wie gesagt sehr kl euren Aufsatzes, die so lautet: „Der größte Erfolg des Zionismus bleibt die Schaffung eines freien, nationalen Geistes in Palästina, der fähig ist, neue Blüten zu treiben", ist sehr bestreitbar; die Zukunft wird hoffentlich lehren, daß der freie nationale Geist in Palästina keine weiteren Blüten zu tragen imstande ist. Daß der Aussatz von Kurt Blumenfeld-) ein durchaus zionistischer ist, erhellt daraus, daß er von der Zionistischen Partei als Sonderdruck zwar nicht durch den Buchhandel verbreitet wird, da dies von der Redaktion untersagt ist, aber in zahlreichen Exemplaren verschickt worden ist; er ist auch mir zugegangen. Gerade die „Preußischen Jahrbücher", in denen dieser sehr gefährliche Aufsatz erschienen ist, haben den Zionisten schon gar manchmal Gastfreundschaft gewährt, wenn die Redaktion auch gegenteilige Ausführungen zugelassen hat. Gegen eine solche, und zwar von Ennl Daniels, wendet sich der Verfasser unserer Schrift. Der Ausspruch des Letztgenannten: „Der Zionismus ist nicht viel mehr als eine Sternschnuppe" wird von Blumenfeld bekämpft. Er gibt sodann eine Uebersicht der Geschichte des Judentums, die völlig einseitig und falsch ist. Sätze wie die folgenden: „Die ersehnte Emanzipation kam über sie als ein gewaltsamer Akt der nichtjüdischen Bewegung" und „Dieses neu entstehende Konfesstonsjudentum war seinem Wesen nach unreligiös und glaubensleer und erschöpfte sich ausschließlich in Apologetik" sind so unhistorisch und zeugen von einer so bodenlosen Unwissenheit, daß es unglaublich erscheint, wre eine angesehene Zeitschrift, die von einem Historiker geleitet wird, derartige Sätze aufnehmen kann. Man sollte meinen, daß man nicht nötig hätte, derartige Sätze zu widerlegen, und doch muß es geschehen. Hütte der Verfasser die geringste historische Kenntnis oder hätte er die Wahrheit sagen wollen, so mußte er wissen, daß die Emanzipation nicht als ein gewaltsamer Akt kam, denn in diesem Fall hätten die Juden sich ja nicht daran beteiligen dürfen: Tatsache aber ist, daß vor 1812 die Juden, namentlich die Berliner, aufs eifrigste daran mitarbeiteten, und nicht minder bekannt ist jedem, der sehen will, wie Rießer und seine Gesinnungsgenossen in den 30er Jahren die Emanzipation förderten. Auch der zweite Satz verdreht absichtlich die geschichtliche Wahrheit. Man braucht nur an die zahllosen Erbauungsbücher der modernen liberalen Juden zu denken, man braucht nur die innigen, glaubensvollen, religionsstarken Bekenntnisse, wie jie in Briefen, Predigten, privaten und öffentlichen Aeußerungen so vieler *) Paul Katznelson: „Die zionistische Bewegung, ein orientierender lieberblick", in der im Text genannten Zeitschrift, S. 161/65. 2) „Der Zionismus, eine Frage der deutschen Orientpolitik." Don Kurt Blumenseld. Sonderabdruck aus den „Preußischen Jahrbüchern", herausgegeben von HanS Delbrück, Bd. 161, Heft 1. Berlin, Georg Stilke, 1915. N r. Theologen stehen, zu berücksichtigen, um zu erkennen, daß dieses Konsessionsjudentum sich durchaus nicht in Apologetik, d. h. in Abwehr der fremden Ueberzeugung gegen eigene Meinungen erschöpfte, sondern gerade die Religion, den Glauben zu stärken und mit Innigkeit zu erfüllen suchte. Nichtzionistische Juden sind dem Verfasser, wie er ohne jede Begründung sagt, halb Asstmilanten, halb Juden. Dann kommt er auf den Zionismus zu sprechen und gebraucht folgenden Ausdruck: „Der zionistische Wille zur eigenartigen Entwicklung im Gegensatz zum rühmlosen Untergang fand seine feste Form in der durch die Assimilation in Vergessenheit geratenen Palästina- Hoffnung des jüdischen Volkes. Palästina mit Juden zu besiedeln und in diesen palästinensischen Juden der Judenheit, der Welt einen allgemein anerkannten nationalen Mittelpunkt zu geben, schien der einzige Weg zur Erneuerung des Judentums zu sein." In diesen Sätzen haben wir das ungeschminkte Bekenntnis: einen jüdischen Staat, Palästina als Sitz dieses Staates, den jüdischen Staat als Vereinigung der Judenheit überhaupt. Blumenfeld gibt dann eine Schilderung der Entwicklung der palästinensischen Idee, mit der wir uns nicht weiter zu beschäftigen haben. Danach aber kommt er aus die eigentliche Idee und behauptet: „eine dem nationalen Prinzip abgeneigte Kolonisationsmethode wäre aber nicht nur an sich unmöglich, sie würde auch einem Verzicht auf die vom türkischen und vom deutschen Standpunkt erwünschten Resultate der jüdischen Siedelung gleichkommen", und er sagt geradezu: „Die Frage liegt nahe, ob die Juden, die aus allen Ländern in Palästina zusammenströmen, wirklich einen einheitlichen Organismus zu bilden imstande find. Die Frage muß auf Grund der Erfahrungen schon heute bejaht werden." Und so verlangt er dann zum Schluß: „Hat die Orientpolitik einer europäischen Macht die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Türkei zum Ziel, dann muß sie im Zionismus einen willkommenen, entwicklungsfähigen Bundesgenossen begrüßen. Deutschlands Interessen beruhen auf der Erhaltung des Ottomanischen Reiches; die zionistischen Hoffnungen sind mit der türkischen Entwicklung verknüpft. Dem Strom deutscher Weltpolitik bietet sich somit die Möglichkeit, die Zionistische Welle aufzunehmen. Es ist gezeigt worden, daß es sich nicht um ein zufälliges Einwanderungsmaterial handelt, dessm Qualitäten sich einer Beurteilung entziehen, sondern daß die besten, von idealem Streben geleiteten Elemente des jüdischen Volkes der Türkei zuzuströmen willens sind. Menschen, die müde sind, mit Geschaffenem und Gemachtem abgefunden zu werden: sie wollen Geborenes, um mit ihm zu leben. Das im Zionismus lebende Streben kann durch dieses von Paul de Lagarde geprägte Wort gekennzeichnet werden." Es ist überaus charakteristisch, daß dieser begeisterte Zionist sich gerade aus einen Ausspruch eines der ärgsten Judenfeinde beruft, aber das wichtigste ist,, daß in dieser Schrift ausdrücklich gesagt wird, was wir nicht aushören dürfen zu bekämpfen: Auswanderung der Juden aus allen Ländern, Begründung eines jüdischen Staates in Palästina. Es ist schade, oder sagen nur Lieber, es ist ein Glück, daß der Verfasser dabei zwei Faktoren vergißt: zunächst das Türkische Reich, das, wie wir hoffen, niemals die Hand zur Bildung eines neuen Staatengebildes bieten wird, dann die Juden selbst, die, wenn man die geknechteten und bedrückten der östlichen Länder ausnimmt, niemals Lust bezeigen werden, ihr wirkliches Vaterland.mit einem neuen zu vertauschen. Will man den Ostjuden eine neue Heimat schaffen — freilich ohne zur Gründung eines neuen Staates seine Zuflucht zu nehmen —, und sei es auch in Palästina, so haben wir im Grunde nichts dagegen einzuwenden. Unter dieser Voraussetzung kann man Ballods Studie3) gelten lassen. Er hält sich an das Landwirtschaftliche und behauptet — was Marburg unterstützt, Philippson geleugnet hat —, daß Palästina Zur Besiedelung geeignet sei; ja, er meint, den Widerspruch des letzteren nicht beachtend: „Alle Forscher und Landeskenner berichten, daß auch die gebirgigen Teile meist von der sogenannten „Nari-Kruste" überdeckt sind, die einen durchaus brauchbaren Boden für Baumpflanzen abgibt." Regelung der Trinkwasserfrage hält er für möglich, macht auf die größere Billigkeit der Ueberfahrt nach Palästina — im Gegensatz zu 3) „Das Ostjudenproblem und die Frage feiner Lösung durch den Zionismus." Von Prof. Dr. C. Ballod, Berlin. „Europäische Staats¬ und Wirtschasts-Zeituna". München, 29. Juni 1916.