Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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556 vor allem die Kinderarmut unter den Juden, die bereits in den Jahren 1870 bis 1910 von 13 auf 9 für das Tausend verringert und in den letzten Friedensjahren einen Ueberschuß der Sterbefälle über die Geburten gebracht hat, also in einer Zeit, in der die Wirkung der Mischehen noch eine sehr bescheidene Nolle spielte. Die Folgerungen des Aufsatzes sind gewiß nicht ganz richtig. Allerdings sind Taufe und Kinderarmut wohl geeignet, die Zahl der Juden zu verringern; daß damit aber ein Auflösungsprozeß eingeleitet wird, halten wir für übertrieben. Bei einer wirklichen Durchführung der Gleichstellung dürfte die Zahl der Taufen stark abnehmen, und gesunde ökonomische Verhältnisse sind wohl geeignet, die Geburtsziffern zu steigern und die sogenannte Heiratsmüdigkeit unter den Juden abzustellen. Wenn gerade im Jahre 1914 besonders viele Mischehen unter den Juden geschlossen worden sind (für die Jahre 1915 und 1916 liegen Zahlen noch nicht vor), so läßt sich das vielleicht daraus erklären, daß bei dem Ausbruch des Krieges sehr viele jüdische junge Männer, namentlich in den großen Städten, die mit christlichen Mädchen zusammenlebten, aus Anstand und Pflichtgefühl bei ihrer pflichtmäßigen oder freiwilligen Stellung zum Heere dieses Verhältnis legitimierten, in dem sie bisher ohne Eheschließung gelebt hatten, um ihre Freundin und etwaige Kinder, die aus der Verbindung hervorgegangen waren, nicht mittellos zurückzulafsen. Ehe man bestimmte Schlüsse ziehen kann, müßte man in der Tat die Statistik der beiden letzten Jahre abwarten. # Dieselbe Zeitung brachte eine Veröffentlichung des Geheimrats Lujo Brentano an den bekannten Judenfeind Chamberlain. Brentano hat am 28. Oktober folgenden Brief an Herrn Chamberlain gerichtet: Sehr geehrter Herr! Ich bin erst eben auf zwei Stellen aufmerksam gemacht worden, die Sie in Ihrem schon 1912 erschienenen Buch „Goethe" (München 1912, Bruckmanns Verlag) über meine Familie geschrieben haben. Es heißt da: S. 120: „Als jene unselige, italienisch-kleinasiatische Mischlingsfamilie der Brentanos, die Vorboten der jüdischen Auslösung, zum ersten Male am Horizonte Weimars auftaucht" usw. S. 691: „Als Bettina Brentano, aus syro-semitifcher Bastardfamilie, ihn im Interesse" usw. . . . Ich befasse mit nicht mit den in diesen Worten enthaltenen Werturteilen. Hat doch Goethe, von dem Sie einen unfreundlichen Ausspruch anführen, auch von der „geliebten und verehrten Familie Brentano", die ihm viel glückliche Stunden bereitet habe, geschrieben (vgl. Goethes Werke, vollständige Ausgabe letzter Band, XLIIJ, Stuttgart und Tübingen, S. 290), und ist doch die Stellung, welche meine weitverzweigte Familie seit mehr als 150 Jahren in den Kreisen, die in Deutschland zu den ersten gehören, innehat, eine derartige, daß sie durch die Schmähungen eines Deutschen von gestern nicht berührt werden kann. Wohl aber muß ich Sie um Aufklärung der in Ihren Sätzen über den Ursprung meiner Familie enthaltenen tatsächlichen Behauptung bitten. Nicht als ob ich es mir zur Unehre anrechnen würde, von Juden abzustammen, unter denen es jederzeit auserlesene und wahrheitsliebende Menschen gegeben hat; es handelt sich für mich nur um Feststellung dessen, was wahr ist. Nach den Nachrichten, welche ich über meine Familie besitze, ist mein Großvater Peter Anton Brentano, Kaufmann, kurtrierischer Geheimer Rat und Resident in Frankfurt a. M., italienischen Ursprungs. Sodann gibt Herr Brentano einen ausführlichen Bericht darüber, daß das Brentanosche Geschlecht in Tremezzo seit dem 14. Jahrhundert in Italien nachzuweifen und das Christentum aller Mitglieder dieser Familie unbezweifelt ist. Dann fährt er wörtlich fort: „Wären Ihre Behauptungen über den syrisch-semitischen Ursprung der Familie Brentano richtig, so müßten somit meine Vorfahren vor vielen Jahrhunderten aus Syrien nach Südtirol eingewandert sein. Es würde der Höhepunkt des Dilettantismus sein, hätten Sie Ihre Behauptung, ohne sichere Beweise für ihre Richtigkeit zu haben, aufgestellt. Da ich dies nicht annehmen darf, bitte ich Sie, mir diese Beweise mitteilen zu wollen. Sollten Sie auf diesen meinen Brief nicht binnen acht Tagen befriedigend antworten, so erachte ich mich für genötigt, von demselben den Gebrauch zu machen, der mir zweckdienlich scheint, um der Verbreitung Ihrer Behauptungen in der Öffentlichkeit entgegenzutreten." „Herr H. St. Chamberlain hat mir auf den vorstehenden Brief, nicht selbst geantwortet, sondern unter dem 2. November durch Herrn Justizrat Dr. Franz Troll, Rechtsanwalt in München, durch Uebersendung zweier Briefe antworten lassen, die er in der gleichen Angelegenheit an zwei meiner Verwandten schon früher gerichtet haü Daraus geht hervor, daß er an seiner Behauptung von wem „italienisch-kleinasiatischen" Ursprung der Familie Brentano festhält; er beruft sich darauf, daß „der orientalische Typus (wie übrigens bei vielen alten Familien vorn Mittelmeer) in allen ihm bekannten Mitgliedern dieser Familie aus alter Zeit und aus neuerer Zeit außerordentlich prononciert sei" und Caroline Schlegel geschrieben habe: „Bettina Brentano sieht aus wie eine kleine Berliner Jüdin." Schon damals sei häufig das Wort „Jude" gefallen; doch habe Herr Chamberlain dies nach seiner Persönlichen Kenntnis mehrerer Mitglieder der Familie stets für einen Irrtum gehalten; hier handle es sich um eine zwar asiatische, aber weit edlere Herkunft. Da Herr Chamberlain den in meinen: Briefe dargelegten Stammbaum meiner Familie in keiner Weise anzufechten vermag, würde die Richtigkeit seiner Behauptung von „dem Fortbestehen eines uralten asiatischen und unarischen Stammes" also voraussetzen, daß sich der Typus der Familie Brentano trotz aller Mischung seit sechshundert Jahren unverändert erhalten habe! Zur Rechtfertigung der von ihm gefällten Werturteile beruft er sich darauf, daß Goethe in einem Briefe an Schiller (vom 27. Juli 1799) die Brentanos „seltsame und, man darf wohl sagen, unnatürliche Erscheinungen" genannt, und die eben erwähnte Caroline Schlegel 1809 geschrieben habe: „alle die Brentanos sind höchst unnatürliche Naturen". Nun steht aber dem Ausspruche Carolinens die innige Freundschaft entgegen, welche bekanntlich die hervorragendsten Persönlichkeiten des deutschen Geistes- und Gesellschaftslebens seit mehr als einem Jahrhundert mit Mitgliedern meiner Familie verbunden hat, und dem übelgelaunten Ausspruche Goethes von 1799 eben dessen in meinem Briefe schon wiedergegebene Aeußerung über die „geliebte itttb verehrte Familie Brentano", die ihm viel glückliche Stunden bereitet habe. Nach diesen von Herrn Chamberlain für seine Behauptungen beigebrachten Rechtfertigungen findet mein Satz über den „Höhepunkt des Dilettantismus", der sich in seinen Aufstellungen zeigt, seine volle Bestätigung. Lujo Brentano." Dr. Ldusrd Lang f. f. Hofrat, o. ö. Universitätsprofessor und Primärarzt. 1841—1916. Von Dr. H. T e l e k h (Wien). in Großer im Reiche der Wissenschaft, einer der Besten aus dem Felde der Humanität, ein guter Mensch wurde am 13. Juli d. I. zu Grabe getragen. Eduard Lang wurde 1841 in Klacsan (Ungarn), Trenscvner Komitat, geboren. Sein Vater bewirtschaftete dort sein Bauerngut; Eduard war der jüngste von acht Geschwistern. Seine Gymnasialstudien absolvierte Lang in Ungarn, maturierte am deutschen Gymnasium in Budapest. Hier bekundete er seine ungewöhnliche Begabung für Mathematik, welche es ihm ermöglichte, durch Korrepetition seiner Mitschüler auskömmlich zu leben — denn die Unterstützung, welche ihm vom Vater zuteil wurde, war äußerst bescheiden. Seine medizinischen Studien absolvierte und beendete Lang in Wien, während er gleichzeitig „höhere Mathematik" hörte. Am 15. Dezember 1865 wurde er zum Doktor der Medizin promoviert. Schon als Student wurde Lang wegen seiner