Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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555 Wochenabschnitt Behaalothcha Nr. II: „Wenn Israel einen festen Bund bildet, wird gleichsam -der Thron Gottes auf einen festeren Grund gestellt." Im Midrasch Bereschith rabbah Kap. 69 heißt es, indem der Vers „und siehe, Gott stand über ihm" (Genesis 28, 13) kühn gedeutet wird, als hieße er „Gott stand auf ihm": „Gott hält sich aufrecht durch die Frommen." Und im Jalkut zum Wochenabschnitt Schlach lecha wird der Psalmvers: „Mit Gott gewinnen wir Kraft" (60, 14) so verstanden, als hieße er: „Wir schassen Macht in Gott" und daraufhin also gedeutet: „Wenn die Frommen den Willen Gottes tun, fügen sie Kraft hinzu zur oberen Gewalt." Und ist denn nicht Israels Gang durch die Welt gleichfalls uo§ diesem Gedanken getragen? Hat nicht Israel, das in seinem Erleben mindestens solche Fülle des Leides getragen hat wie die Welt heute, zu seinem heroischen Standhalten stets aus dem Bewußtsein die Kraft gesogen, daß es durch seine Standhaftigkeit und Treue Zeugnis für Gott abzulegen habe, daß es sein Handeln nicht abhängig machen dürfe von der Summe von Glück, die ihm etwa sonst gegönnt wäre? Das ist die wahre Verbindung von Gott und Mensch. Gott hat das Gesetz des Handelns offenbart, und wir sollen durch unsere Tat Zeugnis von ihm ablegen. In den Mittelpunkt des religiösen Bewußtseins rückt damit die Kraft und die Pflicht des Menschen, Mitschöpfer an der Größe und Hoheit Gottes zu sein. So wird in der Seele jene eigentümliche Stimmung wach, in der als Religiosität nicht bloß das Bewußtsein erscheint, Objekt von Gottes Wirken zu sein, sondern zugleich in unauslöslicher Verbindung damit das Bewußtsein, Träger von Gottes Hoheit, Subjekt des Schaffens einer Welt der Reinheit und Lauterkeit zu sein. Wieder vollzieht sich von hier aus eine Reinigung und Läuterung der Seele, die Festigung des religiösen Bewußtseins. Es kann nie und durch nichts erschüttert werden, wenn als sein Mittelpunkt und Inbegriff in uns das Wort lebt: „Ihr seid meine Zeugen, spricht Gott." Dir Woche. Berlin, den 21. November 1916. er Krieg mit seinem Ernst und seiner Schwere dauert weiter. Die Engländer und Franzosen haben bei ihren mit äußerster Kraftanstrengung unternommenen Angriffen Raum gewonnen, und wenn auch unsere Verteidigung eine außerordentlich mutige gewesen ist, wenn auch dem Feinde sehr blutige Verluste zugefügt worden sind, so sind auch unsere Verluste, wie von der Obersten Heeresleitung gemeldet wird, recht schwer, und es wird von dieser zugestanden, daß mancher Raum von uns verloren gegangen ist. Bei dem ungeheuren Einsatz von Munition seitens unserer Gegner wird es eine nuferer vornehmsten Aufgaben sein müssen, wie dies auch ein offener Brief des Generalseldmarschalls v. Hindenburg an den Reichskanzler betont, immer weiter und immer mehr Munition zu schaffen und zu diesem Zweck den Fabrikarbeitern die ihnen für ihre schwere Arbeit unerläßliche Ernährung zuzuführen. Kann auch in dieser Tätigkeit kein Staat uns unterstützen, so könnte doch Amerika das Ende des Krieges dadurch bewirken, daß es seine Lieferungen an die Alliierten einstellt. Die Zeitungen melden von den Friedensplänen des Präsidenten Wilson, der, von den Wahlsorgen befreit, den europäischen Angelegenheiten nun seine Aufmerksamkeit zuwenden will. Macht er wirklich Ernst mit der Anbietung seiner Vermittlerdienste, mit der Einberufung einer Konferenz, die das Mindestmaß der Forderungen von beiden Seiten feststellt und deren Vorbedingung eine zeitweilige Einstellung der Feindseligkeiten wäre, so könnte er am besten dadurch wirken, daß er bzw. die von ihm vertretenen Vereinigten Staaten Amerikas keiner kämpfenden Partei Mittel zur Verfügung stellen, die nur dazu dienen können, das furchtbare Ringen zu verlängern. * Das hochbedeutende Aktenstück, das wir in der letzten Nummer veröffentlichen konnten, das Aktenstück, durch welches die Verhältnisse der Juden in dem neu gebildeten Königreich Polen festgelegt werden, wird uns gewiß noch vielfach beschäftigen. Heute seien nur zwei Berichte mitgeteilt; der eine, der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" entnommen, besagt: Budapest, 11. November. Der Redakteur Egyenveseg hat sich an den Ministerpräsidenten Tisza mit der Bitte gewendet, sich über die Frage der Gleichberechtigung d e r I tt b c n tut neuen Polenstaat zu äußern. Graf Tisza hat die Anfrage iu einem Brief folgendermaßen beantwortet: „Ich kann mich nicht berufen fühlen, über den Standpunkt, den das wiedererstehende Polen in bezug auf die Gleichberechtigung der Juden entnehmen wird, irgendwelche Erklärung abzugeben. Die Entscheidung dieser Frage gehört ja in den Wirkungskreis des polnischen Staates. Ich zweifle jedoch nicht, daß die polnische Nation, wieder in Besitz ihres Selbstbestimtnungsrechtes gelangt, auf der ganzen Linie, also auch in dieser Frage, den Standpunkt der Freiheit und Rechtsgleichheit einnehmen wird." Der andere, aus dem „Neuen Wiener Tageblatt", lautet folgendermaßen: Lublin, 6. November. „Mhsl Zhdowska" meldet: Int Gebäude der I s r a e l i t i s ch e u Kultnsgemeinde fand eine Beratung der Vertreter der israelitischen Bevölkerung der größeren Städte des österreichisch-ungarischen Ok k uP a t i o n s g eb i e - t e s statt. Es wurden aftirelle Fragen besprochen und die Gründung eines zentralen i s r a e l i t r s ch e n K o m i t e e s nach dem Muster des bestehenden christlichen Komitees beschlossen. Die Statuten für dieses Komitee wurden genehmigt. Lebhaft erörtert wurden auch die mit der: bevorstehenden Stadt- Wahlen zusammenhängenden Fragen. * Die „Frankfurter Zeitung" bringt folgenden Artikel über Mischehen, der recht viel ztl denken gibt. Er lautet: Mischeh e n. Man schreibt uns: Der aufmerksame Beobachter erkannte seit langem in Deutschland eine Zunahme der Mischehen bei alten Konfessionen: so war in den letzten dreizehn Friedensjahren bei den Protestanten das Verhältnis der Mischehen zu den ungemischten Ehen von 14,66:160 auf 17,48:100 gestiegen, bei den Katholiken sogar von 27,18 auf 32,62. Ganz besonders interessant war die Entwickelung bei den I u d e n; noch vor wenigen Jahrzehnten war eine jüdische Mischehe äußerst selten, bis dann auf einmal gerade das Gegenteil eintrat. Von 1901 bis 1913 stieg der Prozentsatz frappierend rasch von 16,9 7 auf 3 0,9 8. Man konnte gespannt sein, wie im Kriege die Entwickelung weiter gehen würde. Die Antwort gibt folgende Berechnung. Danach entfielen ans je 100 ungemischte Ehen an Mischehen bei E v a n g e l i s ch e n K a t h o l i k c it Jude n 1901 . . 15 27 17 1913. . . 17 33 31 1914 ... 10 26 53 Während bei der übrigen Bevölkerung im Jahre der Kriegstranungen die Zwischenheiraten scharf zurückgingen, sind sie bei den Juden auf nicht weniger als 53 vom Hundert hinanfgeschnellt. Mit anderen Worten: auf zwei uugemischte Ehen kommt eine Mischehe. Es wird von Interesse sein, zu beobachten, ob dieser Prozeß anhält und -- wie manche Statistiker seit Jahren prophezeien — etwa einen Auflösungsprozeß einleitet. Für diese Annahme würde allerdings eine Reihe von Umständen sprechen: so zunächst einmal die Beobachtung, daß erfahrungsgemäß der größte Teil der Kinder atls derartigen Ehen im christlichen Glauben erzogen wird, ferner der Umstand, daß an und für sich bei der jüdischen Bevölkerung eine gewisse Heiratsmüdigkeit zu beobachten ist. Während nämlich die Eheziffer bei der Gesamtbevölkerung (19 1 4) 6,3 betrug, berechnet sie sich, unter Weglassung der Mischehen, bei den Juden auf 4,4. Dazu kommt noch die Taufe und