Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229280--72684-3285141- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
554 und schwer eroberte Sicherheit des Gefühls nur sein eigener Gewinn bleibt und jeder sich also selbst zu mühen hat, mit den Rätseln der Schicksalsleitung fertig zu werden, und jeder sich selbst die Gewißheit Gottes erkämpfen muß. Aus Kampf und Spannung ist alle Religiosität geboren. Wo in einer Menschenseele ein festes religiöses Bewußtsein, ein sicheres Wissen von Gott und Welt lebt, ist es letzten Endes der Ausdruck dessen, daß eine starke Seelenspannung ihre Lösung gefunden hat. Zeiten einer gewaltigen Erschütterung der Grundlagen des allgemeinen Baues der Gesellschaft oder die Last eines Persönlichen Schicksals, das den Menschen zu zerbrechen droht, oder die fortreißende Gewalt eines Glückes, das ihn über sich selbst hinausträgt, erzeugen die starken Spannungen der Seele. Aus der Art, in der sich dann die Entspannung vollzieht, in der die inneren Widersprüche des Empfindens, ob sie sich auch nicht restlos aufheben lassen, den Ausgleich finden, der in der Seele das ruhevolle Bewußtsein innerer Einheit aufkeimen läßt, formt sich der Besitz der Seele an religiöser Erkenntnis und religiösem Gefühl. Aber es sind nicht immer dieselben Motive, die in der Harmonie, die die Seele durchflutet, den Grundakkord bilden. So wechselnd wie das Leben, so mannigfach wie die Möglichkeiten des persönlichen und des Gemeinschaftserlebens sind die Motive, aus deren Vereinigung das Ganze der Religion entsteht; bald tritt das eine, bald das andere stärker hervor, bald ist's das eine, bald das andere, das dem religiösen Bewußtsein seinen Halt gibt und es in Zeiten der Erschütterung rettet. Wenn wir uns nun fragen, welches Motiv aus dem Erleben der Gegenwart am stärksten hervortritt, von welchem Mittelpunkt aus unser religiöses Bewußtsein seine neue Festigung erhält, so ist die Antwort: wir gewinnen unser Verhältnis zur Religion, wir erfahren unseren inneren Zusammenhang mit der jüdischen Lehre aus der Erkenntnis von der Selbständigkeit des Menschen in seinem Handeln, aus der starken Betonung der sittlichen Selbständigkeit des Menschen. Zwei Pole hat das religiöse Bewußtsein: Gott und Mensch; um deren Verhältnis zueinander handelt es sich in jeglichem Ringen um Gott, in jeglicher Formulierung religiöser Lehren. Zweierlei steht mit Bezug auf den Menschen im Mittelpunkt des religiösen Interesses: sein Schicksal und sein Handeln. Sein Schicksal, Leben oder Sterben, Leid und Freude, seiner Hoffnungen Erfüllung oder Enttäuschung, alle Religion findet ihren letzten Ausdruck darin, sie demutsvoll Gott anzuvertrauen. Aber des Menschen Handeln, ist es sein Eigenstes öder Gottes Werk? Wir erinnern uns: Das Judentum hat darauf mit voller Bestimmtheit die Antwort gegeben, daß alles Tun des Menschen sein und nur sein Werk ist. Es hat mit Entschiedenheit es abgelehnt, das Tun des Menschen als Ausfluß der Gnade Gottes hinzustellen. Es hat den Menschen in seinem Handeln auf sich selbst gestellt, es hat in Gott den Gesetzgeber gesehen, ohne dessen Offenbarung der Mensch den Weg seines Lebens nie finden könnte, aber unsere Tat bleibt immer unsere Tat und nicht der Ausdruck einer Gnade, die geschenkt oder entzogen ward. Es hat mit Energie und ständigem Protest ein Denken abgewehrt, nach dem es vorher bestimmt sei, ob der Mensch zur guten Tat auserwählt sei oder nicht. Und mit dieser Lehre von der vollen Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit hat cs feine Bekenner erzogen, von ihr aus ist das Gebäude der Religion errichtet, mit ihr die Vorstellung von Gott verbunden. Und nun, drängen die Zeitereignisse nicht mit starker Gewalt zu einer erneuten Bejahung dieser Lehre hin, mildern sich nicht mit ihr die Zweifel, in die wir uns zu verstricken drohten, ja heben sie sich nicht geradezu aus? Das Bild von Gott wäre getrübt, wenn man dem menschlichen Handeln nicht seine Selbständigkeit ließe, und es hieße doch sie rauben, wenn -mgn sich in Fragen verlöre: Warum läßt Gott das Rasen und Wüten zu? Wie kommt man denn dazu, diesen Jammer der Menschheit mit Gott in Verbindung zu bringen? Unser ist die Tat; an allem, was heute die Menschheit quält, sind wir schuld. Er hat uns sein Gebot des Friedens gegeben, er hat uns den Haß verabscheuen heißen, er hat durch den Mund seiner Propheten das Ideal des Völkerfrivdens uns gekündet; wenn es jetzt scheinen will, daß all dies Lügen gestraft würde, unser ist die Schuld. Es geht nicht an, daß wir Gott anklagen, weil wir in einem Geschehen keinen Sinn finden, das aus uns und unserem Entschluß und der Lebensform, in die wir uns eingesponnen hatten, fließt. Weil wir die Welt ihren Gang gehen ließen und uns in sündhafter Lässigkeit in unser Leben einspannen, weil die Menschen dem Hetzen der Haßprediger widerspruchslos zugeschaut haben, weil die Völker nicht rastlos auf Frieden gesonnen, darum ist all dies Unglück gekommen. Was klagen wir Gott an! Von hieraus vollzieht sich die Wiederbefestigung unseres religiösen Bewußtseins. Wir erkennen auss neue die Selbständigkeit des Menschen, daß unser religiöses Denken uns nicht auf Gnade und Erlösung warten heißt, sondern der Menschheit selbst zuweist, ihr eigener Erlöser zu sein, indem sie in der Richtung, die die göttliche Offenbarung gewiesen, sich entfaltet. Und es wird uns so Ziel und Erfüllung der Religion, im Bewußtsein der Pflicht, die unsere Gottesebenbildlichkeit uns auferlegt, mit aller Kraft dafür zu sorgen, daß die Menschen nicht Gottes Namen schänden, indem sie Haß predigen, anstatt für Gerechtigkeit unter den Menschen und Völkern zu wirken. Und damit erstarkt zugleich alles wieder, was uns aus diesen Weg bringen kann, erstarkt das Bild Gottes als des Gesetzgebers, erstarken alle positiven Heiligungs- und Erziehungsmittel, die uns zum Bewußtsein von Gott als dem Gesetzgeber und von unserer ungebrochenen sittlichen Kraft und unserer Verantwortlichkeit bringen. So hebt sich von dem Hintergründe der Zeit die alte jüdische Lehre von der Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit als notwendigem Bestandteil unseres Denkens ab; von hier aus vollzieht sich die innere Reinigung und Läuterung unserer Seele, die Lösung des Drucks, der auf uns lastet, von hier aus vollzieht sich ein neuer Aufbau des religiösen Bewußtseins, von hier aus erweist sich uns das Judentum Vvn alten Tagen her als der Wegweiser der Menschheit. Nicht das ist der Mittelpunkt der Religion zu warten, ob und wie Gott den Menschen heiligt, sondern daß der Mensch Gott heilige. Mit dem Augenblick aber, wo wir uns dies als den Brennpunkt der Religion neu erobern, Gott zu heiligen, erhebt sich vor uns alle religiös gestimmte Sittlichkeit in ihrer Unabhängigkeit vom Schicksal. Die Verbindung von Gott und Mensch ist nicht bloß gegeben in dem Gebundensein des menschlichen Schicksals an göttliche Lenkung, sie ist auch gegeben dadurch, daß der Mensch mit seiner Tat znm Bürgen Gottes wird. Gott legt nicht bloß selbst durch sein Weltregiment von sich Zeugnis ab, auch der Mensch soll sein Zeuge sein. „Ihr seid meine Zeugen, spricht Gott." (Jesaia 43, 10.) In diesem prophetischen Wort ist ein Mittelpunkt der Religion gegeben, der sie vor jeder Erschütterung durch Erlebnisse und Zeitereignisse, welcher Art auch immer, sichert. Damit kommt in die Vorstellung von Gott neben allem festen und sicheren Bewußtsein von seinem Dasein und Walten auch das Mvtiv, daß Gott zugleich auch Aufgabe des Menschen ist. Der Mensch wird durch seine sittliche Tat zum Miterhalter der Welt, zum Erneuerer der Schöpfung. Er hält zu einem Teile Gottes Hoheit in seiner Hand. Das ist altes jüdisches Gut. Im Midrasch Wajikra rabbah zu 23, 40 wird, nachdem die vier Arten des Feststraußes am Hüttenfest als Symbvle menschlicher Charaktere und Fähigkeiten gedeutet werden, fortgefahren: „Und wenn sie alle nun einen Bund bilden, werde ich dadurch erhöht, spricht Gott." Aehnlich heißt es im Tanchuma zu dem