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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-24 · Heft 47 (24.11.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 47 (24.11.1916)
Date
1916-11-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 24. November 1916 80. Jahrgang Nr. 47 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchentUch. Abonnements Pre^s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, 3entfaltmer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TTttftftft* ®*e rlejtigurrg des durch den Krieg gefährdeten religiösen Bewußtseins. Von Rabbiner Dr. M ax Dienema n n,Ratibor. — Die Woche. — Dr. Eduard Lang. Von Dr. H. Teleky, Wien. — Schriften für und wider den Zionismus. Von L. G. — Feuilleton: Der Rabbi von Salaschin. Eine wahre Begebenheit aus dem Weltkriege. Nacherzählt von Clemens Berg. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hamburg, Bad Elster, Bielefeld, Nürnberg, Fulda, Frankfurt a. M., Metz, Petersburg. — Von Nah und Fern. Die Feltiguns des durch den Krieg gefährdeten rellglölen lSewutztlrins. Von Rabbiner Dr. Max Diene mann, Ratiborst. s mag sein — mancherlei Briefe aus dem Felde, die den Seelenzustand des Schreibers widerspiegeln, lassen es glauben —, daß draußen viele ein neues positives Verhältnis zur Religion gewonnen haben. Aus dem unabweisbaren Bedürfnis ihrer Seele, in dem gewaltigen Geschehen Sinn und Plan und einen sittlichen Zweck zu wissen, oder unter dem vollen Eindruck des persönlichen Erlebens, das ihnen oft eine wunderbare Errettung aus scheinbar unabwendlicher Gefahr bedeutete, haben viele den Glauben an einen persönlichen Gott wiedergefunden, haben viele neu die Ueberzeugung gewonnen, daß Religion ein unentbehrlicher Bestandteil ihres inneren Seins ist; die Feldgottesdienste haben viele des Gotteshauses Entwöhnte den Segen einer gemeinschaftlichen religiösen Erbauung, bei der an der Andacht einer Gemeinde die eigene sich entzündet, gelehrt, und wir Juden erhoffen, in unserer aus dem Felde heimkehrenden Jugend die bewußten Anhänger der Gemeinschaftsreligion zu finden. Trotzdem und obgleich mit dem erschütternden Erlebnis unserer Tage viel innere Läuterung und Reinigung, eine von religiöser Glut getragene Kraft der Hingabe und Aufopferung und Nächstenliebe in Erscheinung getreten ist, können wir unsere Augen vor der Tatsache nicht verschließen, daß die Erlebnisse der Gegenwart für viele eine schwere Krifis in ihrem Verhältnis zur Religion bedeuten. Wenn ein Gott lebt, so mag mancher Nachdenkliche fragen, warum läßt er all das Elend zu? Wo ist seine Güte und Liebe, wenn er dies Blutvergießen duldet? Wo ist ein Sinn darin, daß so viele der Edelsten und Tapfersten, von deren Wirken der Menschheit noch viel Segen hätte kommen können, in ihrer Jahre Blüte dahrnfahren? Wenn der Sinn seines Walten? die Entfaltung menschlicher Kultur und Gesittung, die Ueberwindung aller Barbarei ist, wie ist dann diese Gier der Zerstörung und Vernichtung möglich, die die Kämpfenden und auch die schauend, Miterlebenden erfaßt hat? Wenn des Menschen und „des Königs Herz in seiner Hand ist wie Wasserst Aus dem „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zn Berlin" mit besonderer Erlaubnis abgedruckt. bäche, wohin er will, lenkt er es", warum ließ er den Rat aus Krieg fallen, warum lenkt er ihn nicht zu Liebe und Verstehen? Und dazu tritt noch die Erkenntnis, daß all unsere Moral nun ins Wanken geraten kann. Wenn unsere sittliche Tat uns als die Erfüllung göttlichen Gebotes gilt, wenn wir den Wert und die Unentbehrlichkeit der Religion nicht nur in der Kraft der Tröstung finden, die von ihr ausgeht, sondern in ihrer einzigartigen Fähigkeit der Erziehung zur Sittlichkeit und zu reinem Menschentum, um es auf eine kurze Formel zu bringen, wenn sich die Verbindung von Gott und Mensch in dessen sittlicher Tat vollzieht, wird und muß das alles nicht in Trümmer gehen, wenn das Bild von Gott so ins Wanken gerät? Es ist klar, daß von hier ans unser Verhältnis zur Religion in eine gefährliche Krisis gerät; man tritt wohl niemand zu nahe, wenn man annimmt, daß es kaum jemand gibt, in dem nicht solche Gedanken emporstiegen, der nicht mit ihnen ringen muß. Nicht etwa, daß wir all diese Fragen mit mehr Recht aufwerfen als frühere; daß dieser Krieg eine so viel gewaltigere Ausdehnung hat als frühere, daß die Zahl der Opfer, der Umfang der Zerstörung so unermeßlich ist. das ist nicht der Kernpunkt der Frage. In der Menschenseele geht es ja nicht nach Quantität, und einer Seele Schmerz und Angst und Not wiegt ebensoviel wie die Angst und die Not und der Schmerz von Tausenden gequälter Seelen. Aber ob mit Recht oder Unrecht, wir empfinden aus der Tragik unseres Erlebens all die Zweifel, und es geht um unser Verhältnis zur Religion, und wir müssen uns die Sicherheit unseres Empfindens und die rechte Bahn des Handelns neu erobern. Wenn wir nun für unser religiöses Empfinden, für unsere von religiösen Motiven beflügelte Arbeit einen festen Halt wiederzugewinnen trachten, so müssen wir, um nicht trügerische Hoffnungen zu erwecken, ehrlich eines sagen: Wir können uns nicht vermessen, gerade heute die Rätsel, die das Leben seit Jahrtausenden ausgibt, besser zu lösen als all die tiefen und edlen Geister, die je um ihre Lösung sich gemüht haben. Was unsere Vorstellung von der Lenkung unseres Schicksals durch Gott anlangt, dürfen wir uns herausnehmen zu glauben, daß wir reifere Wahrheiten werden finden können als jene sind, mit denen der Dichter des Hiobbuches, die Propheten Israels, die Sänger der Psalmen die anscheinenden Ungerechtigkeiten des Lebens zu deuten versucht haben? Es wird auch für uns aller Weisheit Schluß sein, daß wir demütig eingestehen, daß unserer Weisheit und unserer Erkenntnis Schranken gezogen sind, die uns hemmen, den wahren Sinn und die innere Zweckmäßigkeit allen Weltgeschehens zu ergründen, daß wir nicht Gott den Ewigen, Allumspannenden vor unser begrenztes Urteil zu Gericht fordern können. Es wird auch für uns letztes Gesetz bleiben, daß der Mensch unablässig um seinen Gott ringen muß, daß er Gott suchen und immer wieder suchen muß, ja, daß einer dem anderen dabei wenig Helsen kann, weil nämlich des einzelnen Erfahrung

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