Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- Seite 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229279--72677-3285133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ftctruut zu dem. Offizier in die gute Stube hineinzugehen und Hube ihn gefragt, was daran Wahres sei. „Alles ist wahr," hat er gesagt, „morgen werden wir abgelöst von einem Regiment Kosaken. Bringe deine Wertstücke fort, die Stadt wird abgebrannt. Und pack' dich mit deinem Weib über die Grenze." Meine Frau aber hat nicht fort können, denn unsere Eva hatte gerad' ihre Stund' überstanden — wer soll sie Pflegen und das Kind? Der Mann im Felde? und die Magd war den ersten Abend vor Angst vor den Russen davongelaufen. Ihr seht also, zurück muß ich; wer soll sich dev Meinen annehmen? Und wenn ihr meinem Rat folgt: rüstet euch selber zum Fortgehen; denn der Offizier sagte mir: „Morgen sind wir in Benthe» und Oppeln und übermorgen in Breslau." „Werden sich einen Pudel schneiden," knurrte Löwenherz, „so schnell geht das nicht!" „Nun trink deinen Kaffee, Schwager, und du Frau, pack uns ein bißchen Essen ein und gib mir Pelz und Mütze, ich fahre mit." Und unbekümmert um das Lamento der Frau, schloß er ein Geheimfach seines Sekretärs auf, ein weitläufiges, breites Möbel, das den Hauptplatz in der Stube einnahm, entnahm ihm zwei Revolver, versenkte sie in die tiefen Taschen seines Pelzes und war der erste unten am Wagen, der den Schwager hergebracht hatte. Als Frau Malke, laut weinend, ihn noch einmal beschwor dazubleiben, , sagte er sehr ernst: „Weißt du nicht, Frau, daß geschrieben steht: seinem Fleische soll sich keiner entziehen? Soll ich beim Blute der Meinen nrüßig stehen? Ist dein Bruder Noah nicht meiner Schwester Hannchen Mann (denn sie waren doppelt verschwägert), und ist nicht Evas Junge unser Erbe, da wir doch allein blieben? Also wein' nicht und leb' gesund!" Er reichte ihr noch einmal die Hand vom Bock; denn er war neben dem Schwager, der das Wäglein selbst kutschierte, aufgestiegen, und fort ging es hurtig ins Dunkle hinein; der Braune mußte sich sehr tummeln, wenn sie ihr Ziel noch denselben Abend erreichen wollten. Eine ungemütliche, häßliche Fahrt begann; der Regen klatschte in dicken Strömen herunter, Pferd, Wagen und Kutscher verbrachten Tausendkünste, über die holperige, halb zerstörte, zu Schlamm aufgeweichte Landstraße hinwcgzurasen. Einmal wurden sie von einer deutschen Patrouille angehalten und ihr Wagen durchsucht; als Noah wahrheitsgemäß den Zweck seiner Reise angab, Frau und Tochter herüberzuhvleu, schüttelte der Unteroffizier den Kopf. Ascher, der sehr scharfe Ohren hatte, hörte, wie der Feldgraue zu seinem Nebenmann leise sagte: „Wenn er sie nur noch findet." Mit festem Griff nahm Ascher dem Schwager die Zügel ab, der Braune spürte die stärkere Hand, griff aus und nahm scharfen Trab. Aus dem Wald knallten ihnen ein paar Schüsse entgegen, ein paardunkle Gestalten nahmen einen Anlauf gegen das Wäglein, glitschten aus und purzelten hin. Ter Braune hielt sich brav; endlich gegen ll Uhr abends, in stockschwarzer Finsternis, Pferd und Männer triefendnaß bis auf die Eingeweide, schauernd vor Kälte, kamen sie in Sälaschin an. Im Erdgeschoß eines kleinen Hauses, wo Noah zwei Stuben bewohnte, war Licht. . Beim Heranrollen des Wagens kam vorsichtig Stesfek heraus, ein lahmer, an Geist und Wuchs zurückgebliebener Mensch, der seit Jahren iur Hause diente. „Endlich kommt Ihr," brummte er, „alle Stunden hat er nach Euch gefragt. „Wer, der Russendoktor?" „Euer Rebbe," knurrte Steffek mürrisch. „Den ganzen Tag ging hier das Gelaufe, Jud ein, Jud aus. Sie glaubten, Ihr wäret ausgerissen." „Narrheiten! Mach Tee!" gebot Noah, ging in die Stube und suchte nach trockenen Sachen für Ascher und sich Steffek lief und kam mit einem Topf Wasser, das er zum Sieden stellte, und klagte: „Kein Bissen Brot im Hause, alles haben sie weggefressen, die Schweine, die ..." Ascher packte schweigend die Wegzehrung ans, die ihm Frau Malke vorsorglich in die Taschen praktiziert hatte; .er,bot davon dem Schwager und auch dem Knecht, der. voll Eifer, sehr beglückt, zulangte. Noah teilte seine Ration in drei Teile: „Für meiir Hannchen." murmelte er, „für Evaleben, wenn sie schon essen kann, und das für mich." Er trank und aß hastig, dann klinkte er behutsam die Tür zur Nachbarstube auf. Sogleich huschte eine kleine, runde Frau heraus und flüsterte: „Sie schlafen! Still! Kommt in die Küche!" Hier hieß sie Mann und Bruder herzlich willkommen. „Aber ich kann mich nicht lange mit euch freuen," klagte sie, „ihr müßt sofort zu in Rebbe." „Um halb zwölf Uhr abends?" fragte Noah, mit einem schwachen Versuch zu scherzen, „der Rebbe wird sich bedanken, für ungeladene Krowen um Mitternacht!" „Die ganze Kille ist seit gestern abend bei ihm versammelt," bedeutete ihm die Frau, „und daß du gefehlt hast, Mann, war mir wie eine Busche. Er hat Boten über Boten nach dir geschickt, geht, geht! Damit der Rat, den sie dort aussinnen, auch uns zugute komme." „Hat niemand gemerkt, daß sich die Männer bei dem Rebbe einfanden?" „Nein, sie sind durch den Schulgarten gegangen!" „Was ivird uns jetzt zugute kommen?" sprach Noah verzweifelt, „Stricke und Messer, im besten Falle treiben sie uns wie das Vieh davon! Iß Frau, denn du weißt kaum noch, ivie Brot aussieht, haben wir doch hier die ganze Woche Jomkippur gehabt. Und dann schnüre zusammen: -Betten und Wäsche, nicht in Körbe, wir legen alles flach unter Stroh, daß es sich besser verbirgt. Steffek soll nicht abschirren, ani besten, wir fahren bald. „Mit einer Eintagskindbettnerin fvrtfahren, im offenen Wagen bei Nacht und Kälte? Willst du dein Kind und deinen Enkel umbringen. Manu?" fuhr die kleine Frau Noah an. „Willst du lieber, daß die Kosaken uns abstechen?" murmelte Noah. „Die Kosaken werden kaum vor Abend hier sein, hat mir der Doktor verraten. Geht erst zum Rebbe, da er es verlangt. Sollen wir in solcher Not Sünde auf uns laden? Was von allen verlangt wird, müssen wir auch leisten. Und wir können ein paar Stunden bei Tageslicht dann noch immer besser fahren als jetzt." „Hannchen hat recht," entschied Ascher. Er drückte seinertapferen Schwester die Hand und zog den widerstrebenden Schwager mit sich fort. (Fortsetzung folgt.) Lüchrremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurückfendung der Micher findet tn keinem Falle statt. Mitteilungen Liber die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Herausgegeben vom Vorstand des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, 1916. Verlag von Wl. Poppelauer, Berlin C 2. Kurt von Leyden, Dem Frieden entgegen! Roman aus 1914/16. Der deutschen Frau gewidmet. Zweite Auslage. Verlagsanstalt Benziger & Co. A.-G., Eiusiedeln, Waldshut, Köln a. Rh., Straßburg i. Elf. Letzte Nachrichten. Wie uns von durchaus zuverlässiger Seite mitgeteilt wird/ ist ein Erlaß des neuen Kriegsministers ergangen, der sich gegen jede Ausdeutung des bekannten Erlasses vom Oktober dieses Jahres im antisemitischen Sinne wendet und klarstellt, daß jede Beeinträchtigung jüdischer Heeresangelwriger dem Zwecke jenes Erlasses widerspricht. Die Redaktion.