Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- Seite 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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55:1 „Neiden Sie?" „Wohin gehen Sie?" Die Gesichter wurden immer länger, die Mienen gespannter, und die Angst wuchs mit Riesenmaßen; denn der furchtbarste Feind war in allzu naher Nähe: Der . Ruß! Der Kosak! Diese Spottgeburt von Dreck und Feuer, dieser Bluthund mit allen Instinkten tierischer Wildheit, Freßgier, Habsucht und Lüsternheit, War's ein Wunder, daß vor solchen Vampiren und Schakalen, vor dem Einbruch dieser Henkerhorden Jud und Christ zitterte, und die Juden mit Recht noch mehr bebten als Protestanten nnd Katholiken zusammen. Es gab sreilich eine Menge mutiger und beherzter Männer, die zur Besonnenheit mahnten und den Verzagten Vertrauen und Hoffnung einflößten; solcher Mutigsten und Standhaftesten einer war in Woischnik, einem arg gefährdeten Nest an der Dreikaiserecke, der kleine Löwenherz, der trotz seines zurückgebliebenen Wuchses seinem Namen alle Ehre machte und ein Mann von anerkannter Tapferkeit, ja in seiner Jugend, wie sein königlicher Namensvetter, ein wackerer Streithahn gewesen war. Ihm auch sonst an Wagemut und Abenteuerlust recht ähnelte, obwohl er mit Rufnamen nicht „Richard", sondern „Ascher" hieß und natürlich auch keinerlei Anrechte auf einen Thron besaß, sondern rechtschaffen mit Bettfedern und Eiern handelte. Der kleine Löwenherz geriet jedesmal in eine große Wut, wenn in seiner Gegenwart sich irgendein besorgtes Gemüt eine Bemerkung über die bevorstehende Gefahr der russischen Dämpfwalze erlaubte. „Stuß!" schrie er, „so ein Stuß ist mir noch nicht vorgekommen! Bei uns in Preußen wird man nur leiden, daß Iwan Gannef seine Schmutzschnauze herein steckt!" „Und was war in Ostpreußen?" fragte Malke, seine Frau. Sie war eine riesengroße Person, und es kennzeichnet nicht wenig die tapfere Gemütsart des kleinen Löwenherzchens, daß er sich diese überlebensgroße Walküre als Ehegefährtin ausersehen hatte. Uebrigens lebte er mit ihr, trotz dreißigjährigem Krieg — denn sie stritten sich jeden Tag, ja fast jede Stunde hatten sie ihre kleinen Plänkeleien - - . lebte Ascher mit Frau Malke nicht schlechter als andere Ehepaare auch; das Streiten war ihnen Bedürfnis, war das Salz ihrer Ehe, das die beiden alten Leutchen recht widerstandsfähig konservierte. „Ostpreußen hast du wohl vergessen?" fuhr Frau Malke ihren Ascher au. „Das war auch ganz etwas anderes!" rief Ascher beleidigt. „Du! Hindenburg weiß schon, was er tut! Aber hier bei uns! Wenn hier ein Ruß nur hereinkommt, will ich Polka tanzen!" „Nu, was ist schon für ein Genuß, wenn du Polka tanzt!" höhnte Frau Malke. „Horch nur ein bißchen herum in der Kille, wie die Leut' erzählen: in Kattowitz und Beuchen schicken die Bankiers alle Depots nach Berlin." „Ich werd' nicht sein so ein Schicker," schrie Löwenherz erbost, „wenn wird nötig sein, was Gott verhüte, zu fliehen, wird es die Behörde befehlen. Bei Uns ist Ordnung in Preußen, auch im Krieg." „Nun gewiß!" Frau Malke bekam einen roten Kopf vor Aerger über ihren allzeit optimistischen Ehemann: „Die Russen werden sich anstellen im Gänsemarsch an der Bahnschranke in Woischnick; und der Schutzmann wird keinen durchlassen, der nicht vorzeigt sein Perronbillett! Meinst du, Narr von, einem Mann, ich werde warten, bis die Kvsakenpferde mir in die Stube trampeln? Ich packe . . ." —- „Nicht eine Feder wird ausgeräumt!" schrie Löwenherz. „Die Federn kommen zuletzt," entschied Frau Malke. „Geh' nur einmal in die Nachbarschaft, da wirst du hören, Hirsches und Manasses haben ihr Silber längst verwahrt, und die Frauen haben sogar ihre Brillanten mit in die Safes schließen lassen." „Nu, laß du auch deine Brillanten einschließen," brummte Ascher. „Wo habe ich Brillanten?" fragte Frau Malke empört, „warum? Du hast mir schon welche gegeben?" „Ich werd' dir geben Brillanten," knurrte der Gatte, „auf den...." „Da trag' ich keine!" schrie Frau Malte und schlug die Tür hinter sich ins Schloß, daß es knallte. Ascher schmunzelte. Jetzt war seine Alte mit ihm stockböse, und er hatte eine halbe Stunde vor ihr Ruhe. Die Zigarre im Munde, in behaglicher Muße auf dem braunen Ripssofa lagernd, entfaltete er seine Zeitung und versuchte sich in der so böse verworrenen Weltlage zurechtzufinden; aber diese Zeit, ganz aus den Fugen, vermochte ja selbst stärkere Geister als der kleine Löwenherz nicht einzurichten >— seine sechzig Jahre meldeten sich, er schlummerte ein. Mitten in seinem Schlaf hörte er das Rollen eines Wagens, die Laute einer fremden und doch nicht unbekannten Männerstiinme, Türen gingen auf und zu, bis auf einmal feine Frau am Sofa bei ihm stand und leise fragte, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte: „Ascher! Steh' doch aus! Erwach' schon! Du mußt aufstehen, Mann!" Schlaftrunken richtete er sich halb auf, da gewahrte er mit Bestürzung, daß die Frau verweinte Augen hatte. Er schob es auf ihren kleinen Streit und murmelte: „Geh', Malkeleben, sei kein Narr, e8 war nicht bös gemeint!" Die ungewohnte Sanftmut, mit der sie ihm die Stiefeln zmn Anziehen reichte, machte ihn aber stutzig; er rieb sich die Augen, sprang ans und fragte energisch: „Was hast du zu weinen, Frau? Was ist los?" „Deine Nichte Eva hat einen Jungen bekommen," stammelte sie. „Nu, Maseltow!" sagte Ascher erleichtert. „Ja," fuhr die Frau fort, „und Noah ist gekommen mit dem Silber..." „Mit was für Silber? Was heißt das?" Ascher brauchte nicht länger zu fragen; denn die Tür ging auf, und ein großer, bleicher Mann mit allen Anzeichen jüngst erlebter Qualen und Schrecken trat ein und legte zwei große, schwere Pakete auf den Tisch: „Boruch Schem, daß ich gesund erhalt in deiner Stube steh, Schwager! Nun sei mauchel und verwahr' mir mein bißchen Armut. In Salaschin haben wir die Russen! Nun guten Tag und gut Jahr - ich muß wieder zurück — weiß ich doch nicht, ob noch mein Haus steht, wenn ich wieder heim komme." „Erbarm' dich!" schrie Malke, „ungegessen willst du von meinem Tisch? Hast du nicht eben gesagt, daß du seit zwei Tagen nichts Warmes im Magen hast? Ascher, du läßt ihn nicht weg!" Sie stürzte in die Küche, um Kaffee zu bereiten, kam wieder herein, weinte laut und jammerte: „Wieder zurück in den sicheren Tod! Mein einziger Bruder!" „Bist du unsinnig, Malke?" fragte Ascher erschrocken, „was heißt das?" Noah berichtete: „Es steht schlimm bei uns. Vor drei Tagen brach ein russisches Reiterregiinent bei uns ein. Waren da, eh' wir's gewahrten, und sie liegen im Quartier, was weis; ich, fünfzig Mann in jedem Haus. Sie fressen uns die Haut von den Knochen, und was sie nicht mit den Zähnen zermalmen können, zerschlagen sie und zertrampeln ihre Pferde. Uns - mein Weib und mich hat Gott beschützt denn in unserem Haus wohnt ein großes Tier, der Regimentsoberarzt. Der läßt sich bei uns gut sein Hannchen muß ihm kochen, und ihm schmeckt's besser, wie uns lieb ist. Bezahlt hat er freilich keinen Sechser, aber mag's hingehen. Ich mein, er mag wohl von Juden stammen, weil er barmherziger nnd nicht so wild ist wie die anderen. Er hat zwei feiner Soldaten, die nach meiner Uhr griffen, geohrfeigt und hat besohlen, daß jeder karbatscht werden soll, der uns anrühren wird. Die Kerle haben sich geduckt vor ihm, aber des Abends haben sie Schnaps von mir haben wollen. Aus Angst Hab' ich ihnen gegeben; da haben sie gesagt: „Fürcht' dich nicht, Jude, wir tun dir nichts; aber nach uns kommen welche, die werden euch die Haare vom Schädel und die Augen aus dein Kopf ansreißen." Da Hab' ich mich in meiner Todesangst