Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- 545 Begründer und jahrzehntelang Leiter Philipps»« war. Die Leser dieser Zeitung werden sich gewiß freuen, von dem gefeierten Publizisten selbst seine Zwecke und Ziele-dargestellt zu sehen. Die Autobiographie lautet: „Ich wurde am 27. Dezember 1811 in der lieblichen Residenzstadt des anhaltischen Herzogtums, Dessau, geboren, wo neben patriarchalischem Sinn und patriarchalischer Sitte ein reges intellektuelles Leben herrschte, so daß diese Stadt in der deutschen Kulturgeschichte keine ganz unbedeutende Rolle spielt. Mein Vater war Lehrer an der herzoglichen Franzschule: und Schriftsteller in hebräischer und deutscher Sprache, die er beide ausgezeichnet handhabte. Er war einer jener autodidaktischen Kulturträger, welche das Werk Mendelssohns unter sehr schwierigen Umständen fortsetzen. Aber der Tod entriß ihn seiner Familie, als ich noch nicht drei Jahre alt war. Es traten schwere Zeiten für die Familie ein. Doch die Mutter hielt den Geist des Vaters in ihren Kindern lebendig . . . Der älteste Sohn studierte Medizin in Halle, undich trat,nachdemich die Franz- und die Talmud - Thora - Schule absolvierte, in das Gymnasium der Frankeschen Stiftung in Halle ein; der erste jüdische Knabe, dem dieses gestattet wurde. Schon als Gymnasiast, als ich noch nicht das 16. Jahr erreicht hatte, verfaßte ich zum Geburtsseste meines und meines Bruders Gönners, des als Botaniker bekannten Professors Kurt Sprengel, der zugleich ein tüchtiger Kenner der orientalischen Sprachen war, eine metrische Uebersetzung der kleinen Propheten, die Sprengel so gelungen fand, daß er sie bei F. Ruff in Halle zum Druck beförderte (1827). Zum Studium der Philologie und Theologie ging ich zwei Jahre sp' r nach Berlin und habe wäh^nd der Universitätsjahre viele literarische Früchte gezeitigt. Ich hebe nur meine Ansgabe, Uebersetzung und Kommentierung der Fragmente des jüdisch - griechischen Schauspieldichters Ezechielos (1830), sowie die in lateinischer Sprache verfaßte 'Y/.7j i-iDpw-rtvrj, die die Anatomie Platos und Aristoteles' und das wichtige Fragment des Theophrast über die Sinne und andere Abhandlungen enthält, hervor. Diese Monographien trugen mir die ordentliche Mitgliedschaft der damaligen Sozietät der „Jenaischen Literaturzeitung" ein. An die letztere naturwissenschaftlich-philosophische Arbeit schloß sich noch eine Reihe ähnlicher Abhandlungen ähnlichen Inhalts an. Kaum nach vollendetem Studium und zu meiner Familie zurückgekehrt, wurde ich von der Israelitischen Gemeinde zu Magdeburg aufgefordert, eine Gastpredigt zu halten, und wurde sogleich von ihr zum Rabbiner gewählt -- ein Amt, das ich von 1833 bis 1868 bekleidete. Das Judentum lag damals in argem Verfall. In den letzten Jahrhunderten war ein völliger geistiger Stillstand in ihm eingetreten, seine Institutionen waren veraltet, seine Formen erstarrt, während in vielen seiner Bekenner seit fünfzig Jahren der rege Sinn für das Kulturleben der Zeit erwacht war und einen schnellen Umprof. Dr. Alfred Stern in Zürich schwung der Anschauung bewirkte. In dieser Zeit nun trat eine Anzahl Männer auf, von denen die einen die bürgerliche Gleichstellung mit aller Kraft erstrebten, die anderen dem Judentum ein neues, frisches Leben cinzuflößen und es geistig zu verjüngen suchten. Ich erfaßte sogleich beide Bestrebungen mit Energie und trat bald an die Spitze der ganzen Bewegung. Die regelmäßige deutsche Predigt mit angemessener Umgestaltung des Gottesdienstes und der geordnete und geklärte Religionsunterricht verdankt, wie ich wohl behaupten darf, wenigstens in Preußen, mir die erste Begründung. Ich wirkte für deren Verbreitling und Ausbildung durch eine Monatsschrift: „Predigt- und Schulmagazin" (1834 bis 1836). Doch erkannte ich zugleich das weitergehende Bedürfnis, um um die zerstreuten Bekenner »leiner Religion ein geistiges Band zu schlingen, ihre Kulturbestrcbungen auf literarischem Wege zu konzentrieren und den wissenschaftlichen Ausbau des Judentums kräftig zu fördern. So schuf ich 1837 die erste regelmäßig erscheinende jüdische Zeitschrift „Allgemeine Zeitung des Judentums", die sich bald der größten Verbreitung erfreute und die ich seither, jetzt 41 Jahre, redigiere. Die Wirksamkeit dieses Blattes war unabsehbar, zumal im östlichen Deutschland und in Oesterreich, wo viele Tausende ihre erste und einzige Bildung aus derselben schöpften. Mein Hauptziel war hierbei, wie in allen meinen späteren Schriften: den allgemeinmenschlichen lind humanen Inhalt des Jlldentllins herauszuheben lind klarzustellen, es mit der Kultur auszugleichen, alle zivilisatorischen Momente bei - meinen Glaubensgenossen zu fördern, dafür aber auch die Außenivelt dem Judentum zu nähern, sie dessen Gestalt erkennen zu lassen, die herrschenden Vorurteile zu bekämpfen und die völlige bürgerliche Gleichstellung zu erreichen, d. h. den Gewissenszwang zu beseitigen. Für letzteres war viel zu tun, denn im preußischen Staat allein waren noch 22 mehr oder weniger beschränkende Judengesetze rechtsgültig! Welche Kämpfe ich hierin bestand, davon will ich hier nur einiges andeuten. Nach dein Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. von Preußen machte sich bei diesem die Absicht geltend, die Juden wieder von der Wehrpflicht auszuschließen, ihnen in den Stadtkollegien gegen Ausgabe ihres allgemeinen Wahlrechts eine besondere Vertretung zu verleihen und sie auch künftighin von allen Staatsämtern fernzuhalten.' Ein Ministerialreskript sprach dies offen aus, und das statistische Bureau mußte zur Unterstützung eine eigene Abhandlung veröffentlicheil. Ich lvies in einer Schrift die Jrrtümer und falschen Schlüsse der letzteren nach und bewirkte, daß viele jüdische Gemeinden ihren Protest bei dem Könige erhoben — eine bis dahin unerhörte Tatsache. Der König gab seine Absichten auf. Vielmehr sprach die preußische Verfasiung voll 1850 die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen aus. Kaum