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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-17 · Heft 46 (17.11.1916) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 46 (17.11.1916)
Date
1916-11-17
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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544 - seine Bahn verfolgt. Dem Kenner dagegen wird leicht ersichtlich. daß gerade diese Objektivität eine Folge seines historischen Standpunktes ist, daß er aus Gewissenhaftigkeit seine Leidenschaft zügelt und aus Verehrung vor der Wucht der Tatsachen das Bekennen seiner eigenen Anschauung zurückdrängt. Durch ein gründliches Studium Schweizer und ausländischer Archive neben genauer Kenntnis der gedruckten Literatur vorgebildet, mit einem Material ausgerüstet, das so unendlich reich ist, wie es keiner seiner Vorgänger besaß, mit einer Vielseitigkeit der Kenntnisse der verfassungsmäßigen, ökonomischen und geistigen Entwicklung, die das Maß des Wissens eines Menschen fast zu überschreiten scheinen, berichtigt er, ohne den ausdringlichen Lehrmeister zu spielen. Tausende von Jrrtümern, gibt in gediegener Sprache, die jeden oratorischen Aufputz und alle Effekthascherei absichtlich verineidet, die äußere und innere Entwicklung des europäischen Staatengebildes und läßt seine eigene freisinnige Anschauung, ohne sie aufzudrängen, nur durch die Art der Darstellung erkennen. So hat er langsam und stetig, ohne nach links und rechts zu schauen, nur selten Nebenpfade betretend und die unendlichen Materialien, die sich ihm bei seiner Arbeit häuften, nur gelegentlich darbietend, ein Werk geschaffen, das, aufs gewissenhafteste aus den Quellen geschöpft, selbst Quelle für eine große Epoche geworden ist, und das, wenn es hoffentlich in einem Jahrfünft vollendet sein wird, das schönste Ehrendenkmal eines redlichen Strebens und des Kampfes für die geschichtliche Wahrheit sein und bleiben wird. Sein 1914 vollendetes, aber erst 1915 erschienenes, mir gewidmetes Buch „Reden, Vorträge und Abhandlungen" ist bereits früher in diesen Blättern gewürdigt worden. Außer dieser großen historischen Tätigkeit, die bewundernswert ist nicht bloß durch ihren Umfang, sondern durch die großartige selbstentsagende Konzentration, hat Alfred Stern sich lebhaft mit Politik beschäftigt. Zeugnis davon ist eine anonym erschienene, wohl durch die Propos de Labienus beeinflußte Broschüre 1867, die seinen demokratischen Standpunkt ebenso wie seine glänzende Schreibart verrät. Aber er begnügte sich nicht mit diesem Arbeitsgebiet. Er ist vielmehr von einer Vielseitigkeit ohnegleichen, besitzt gediegene Kenntnisse der Naturwissenschaft, beherrscht manche lebende Sprache und weiß in ihrer Literatur gut Bescheid, gebietet über eine umfassende Kenntnis der Kunst, ist erfüllt von enthusiastischer Liebe zur Musik, die er auch ausübt hat er doch noch, fast 60 Jahre alt, das Bioloncell erlernt, um bei den musikalischen Darbietungen seines Hauses mit tätig zu sein. Alfred Stern hat von seinen: Vater das Interesse für jüdische Angelegenheiten geerbt. Zwar hat er zur Geschichte der Juden wohl nur zwei Aufsätze geschrieben: „Tie Juden im deutschen Bauernkrieg" und „Die Juden und das Edikt von 1812", daneben ein paar kleine Miszellen in dieser Zeitung, aber er ist stets seinem väterlichen Glauben treu geblieben, besitzt und bewährt lebhafte Teilnahme an jüdischen Bestrebungen. Er nennt im höchsten Grade die seltene Kunst sein. Freunden ein Freund zu sein; außer in seiner neuen Heimat hat er in Göttingen und Karlsruhe, in Berlin und Bern, in Paris und London, in Wien und in den östlichen Ländern zahllose Beziehungen angeknüpft und hat es verstanden, trotz seiner bis jetzt fortgesetzten akademischen Tätigkeit und seiner außerordentlich reichen schriftstellerischen Wirksamkeit alle diese Bande festzuhalten und weiß sie durch eine regelmäßige Korrespondenz zu pflegen. Besonders in diesen schweren Kriegsjahren hat er darin geradezu Erstaunliches geleistet, denn wie so manche in der Schweiz Lebende hat er dieVermittlung zwischen Deutschland und den kriegführenden Ländern übernommen und viele Hunderte, ja wohl Tausende von Briefen sind durch seine Fürsorge zwischen den Bewohnern der feindlichen Länder ausgetauscht worden. Nicht minder hat er gerade in dieser - schweren Zeit im Verein mit feiner Gattin seine menschenfreundliche Tätigkeit für die große Zahl von Flüchtlingen erprobt, die das gastliche Asyl der Schweiz ausgesucht haben. Ich darf mich rühmen, außer seinen Kindheitsgefährten und seinen Göttinger Schulkameraden sein ältester Freund zu sein. Wir lernten uns 1863 bei einer der regelmäßigen Fahrten, die er in Gemeinschaft mit seinem Vater nach, der Geburtsstadt des letzteren, nach Frankfurt a. M., antrat, kennen, wir traten uns in Heidelberg näher, wo wir zwei, in Göttingen, wo wir drei Semester zusammen studierten. Wir haben durch gemeinschaftliche Reisen, durch viele Besuche, die er mir in Berlin, ich ihm in Bern und Zürich abstattete, die enge Kameradschaft und Freundschaft befestigt, in Zürich, wo ich die Traulichkeit seines schönen Heims, die Behaglichkeit und Innigkeit seines entzückenden Familienlebens kennen lernte. Er ist mit einer Verwandten, der Tochter eines Vetters, seit 35 Jahren vermählt, lebt mit ihr in glücklichster Ehe, aus der drei Töchter hervorgegangen sind, die der Wissenschaft und Kunst ihr Leben gewidmet haben. Wir haben, durch die nahe Verbindung unserer Studiengebiete gefördert, seit 53 Jahren einander wohl jede, selbst die kleinste Publikation zugeschickt, unterhalten eine lebhafte Korrespondenz, die niemals ausgesetzt hat, haben die freundschaftliche Gesinnung unseren Kindern eingeiinpft und leben trotz der räumlichen Trennung in brüderlicher Verbindung, in Uebereinstimmung in den großen Politischen, religiösen, ästhetischen, wissenschaftlichen Fragen. Niemals hat ein Mißton diese Verbindung gestört, nie sind unsere Empfindungen füreinander erkaltet. Wir sind aus Knaben Jünglinge, aus Jünglingen Männer geworden, wir nähern uns, nur wenige Monate voneinander getrennt, dem Greisenalter, aber unsere Herzen schlagen jugendlich warm füreinander, für Vaterland, Wissenschaft, Kunst und Freiheit, und wir bemühen uns, regelmäßig einander Zeugnis abzulegen von unseren Bestrebungen und Erlebnissen. Möge dem unermüdlichen Gelehrten, der eine Zierde seines Standes ist, dem guten, glücklichen, allseitig begabten, begnadeten Menschen noch eine lange Reihe von Lebensjahren beschieden sein, in denen er zum Heile der Wissenschaft, zum Wähle seiner Mitmenschen, zum Glücke seiner Freunde und seiner Nächsten tätig sein kann. Mir aber vergönne ein gütiges Geschick, mit dem trefflichen, lieben Kameraden, der mir mehr als ein halbes Jahrhundert zur Seite gestanden hat, noch eine Weile zusammen zu wandeln und mich, «wie an seiner unwandelbaren Freundschaft zu festigen, so auch an seiner vorbildlichen Wirksamkeit zu erheben und zu erfreuen. Im Hinblick auf ihn kann ich, das alte Wort variierend, sagen: Ich Hab' einen Kameraden, Einen besicrn find' ich nit. L. G. Line unbekannte Biographie Ludwig Khilipplons. Mitgeteilt von Adolph K o h u t. ls Ludwig Philippsons fünfzigjähriges Schriftstellerjubiläum gefeiert werden sollte (1877), erbat ich für die damals von mir herausgegebene „Düsseldorfer Zeitung" von dem Genannten das nötige Material. Er sandte es mir freundlichst; ich war aber leider nicht imstande, das Gesendete seinem ganzen Umfange nach zu benutzen, sondern vermochte nur eine kurze Notiz daraus zu geben. Ich habe seither das kostbare Schriftstück verwahrt und glaube es nun der Oeffentlichkeit übergeben zu dürfen. Es geschieht am besten in dieser Zeitung, deren

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