Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- Seite 543 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o43 ihren Anregungen eme einheitliche Arbeit anbahrlen sollten, ein wesentliches Erfordernis. Der Rückblick auf eine größere Reihe dieser Tagungen im Westen wie im Osten erlaubt es zu sagen, daß sie ihre Aufgabe erfüllt haben. Es war stets unausgesprochener Grundsatz, daß die Regeln und Leitsätze der Arbeit nicht in einer Ueberstimmung einzelner durch die Mehrheit festgelegt werden sollten, sondern ausschließlich durch die Übereinstimmung aller. Sie hat sich auch immer erreichen lassen trotz aller Verschiedenheit in den Anschauungen und in bcn Temperamenten; sie hat sich eingestellt, weil der verständnisvolle Wille vorhanden war, die Person der Sache und nicht die Sache der Person dienen zu lassen und die besonderen Wünsche in die große Aufgabe einzuordnen. Es war stets das erforderliche Maß von Disziplin wirksam, ohne welches ein geordnetes und rasches Zusammenarbeiten nicht möglich ist. Es hätte verwunderlich sein müssen, wenn es hier anders gewesen wäre. Zeigte hier doch jeder Blick, wie ein Ziel erreicht werden kann, nur wenn der Gedanke des Gemeinsamen und sein Gebot in allen leben. Die Sorge um die Individualität mit ihrer Eigentümlichkeit ist etwas Wertvolles und Notwendiges in der Pflege des Gemütes und des Geistes. In der Welt der Arbeit, die auf unserer Erde nur ein Zusammenarbeiten sein kann, muß zu der Individualität, wenn sie ein Segen sein soll, der starke Sinn für den Zusammenhang und den Zusammenhalt hinzukommen. Erst dieser Sinn für Disziplin gibt der Individualität ihren festen Boden, auf dem sie, in Gemeinschaft mit anderen, etwas schaffen kann. Hütten die Konferenzen der Rabbiner im Felde auch nur dieses eine deutlicher gezeigt und gelehrt, sie bedeuteten schon dadurch allen, die zu ihnen Zusammenkommen, eine Förderung für! jede Arbeit, welche die Zukunft bringen wird.! # Von den Kr i e gs e r e i g n i ss e n ist nicht viel zu melden. > Unsere Truppen und die unserer Verbündeten haben in; Rumänien und in dem Kampfe gegen R u ß l a n d manche I gewichtige Vorteile erzielt; von den übrigen Fronten sind keinerlei i bedeutsame Entscheidungen zu melden, obgleich überall der j Kampf ununterbrochen fortgeht; an der österreichischz italienischen Grenze ist es augenblicklich bedrohlich ruhig, bedrohlich, weil solche Ruhe gemeinhin schwere Ereignisse vorher zu verkünden pflegt. In Frankreich soll ein neuer Kriegsrat der Alliierten stattfinden, von dessen Absichten bisher nichts verlautet. Im großen und ganzen dürfen wir die Kriegslage voller! Vertrauen betrachten. Von irgendwelcher Schwächung des J deutschen Widerstandes ist nirgends das geringste zu spüren: an keiner Stelle ist unsere Front wirklich durchbrochen oder auch nur der kleinste Anschein zur Durchbrechung der Front vorhanden; im Osten sind unsere Fortschritte so gewaltig, daß j es gar nicht unmöglich scheint, daß Rumänien schließlich das Schicksal Montenegros und Serbiens zu teilen berufen ist. Nach 27 Monaten eines in der Weltgeschichte noch nie dagewesenen Krieges stehen wir noch immer in der Mitte, nicht am Ende eines furchtbar wütenden Ringens, gewappnet und gefaßt, hoffnungssreudig und des Erfolges sicher. Nicht zur Vermehrung unserer Macht, nicht zur Demütigung stolzer Feinde haben wir die Waffe ergriffen, sondern zur Bewahrung unb Erhaltung unseres unversehrten mächtigen Vaterlandes; die Ereignisse haben uns bisher gelehrt, daß die Zuversicht ihren guten Grund in dem Heldenmut unserer tapferen Truppen, in der OpferwilligkeitUnseres Volkes hat; möge der Ausgang, wann er auch kommt, unser Vertrauen recht-! fertigen.! Orof. Sr. plfrrd Stern in Zürich. m 22. November 184(i wurde Alfred Stern in Güttingen ‘4V geboren. Er ist der Sohn des Professors der Mathematik M. A. Stern, eines hervorragenden Forschers, der sich auch mit allgemeinen und wissenschaftlichen jüdischen Angelegenheiten eingehend beschäftigte (vgl. „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1910, Nr. 45 S. 533). Alfred Stern genoß aus dem Gymnasium in Göttingen eine vortreffliche Ausbildung, wandte sich dem Studium der Jurisprudenz zu, vertauschte aber dieses Studium mit dem der Geschichte. Er promovierte in Göttingen mit einer wertvollen historischen Arbeit, die sich auf die Geschichte der Bauernkriege bezog, wurde Hilfsarbeiter am Karlsruher Archiv, dann Privatdozent in Göttingen, später außerordentlicher, darauf ordentlicher Professor an der Universität Bern; seit 1887 wirkt er als Professor am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. Er hatte das Glück, seinen Vater lange zn besitzen und ihn zuletzt, nachdem dieser seine Professur niedergelegt, auch seine einzige Tochter verloren hatte seine Gattin war in jungen Jahren gestorben in seinem schönen Heim zu Zürich lange Jahre bei sich zu sehen. Stern entwickelte als akademischer Lehrer vermöge seiner glänzenden Vortragsweise und seines bedeutenden Lehrtalents eine segensreiche Wirksamkeit, behielt aber namentlich in seiner letzten Stellung, die er seit fast drei Jahrzehnten bekleidet, Muße geuug zu einer großen schriftstellerischen Wirksamkeit, zu deren Unterstützung er viele und weite Reisen nach Deutschland, Oesterreich, Holland, Belgien, Italien, Frankreich und England unternahm. Diese schriftstellerische Tätigkeit war zunächst drei Gebieten gewidmet: der französischen, englischen und preußischen Geschichte des 17., 18. und 19. Jahrhunderts. In zwei hervorragenden Schriftstellern gewidmeten Werken „Milton und seine Zeit 1875", „Mirabeau" 1889, von welchen das erstere eine zweite Auflage erlebte, bewies er neben gründlicher historischer Quellcnkenntnis und einer gediegenen, dabei überaus frischen Darstellung eine ungewöhnliche Beherrschung der geistigen Strömungen und feinsinniges Urteil: in seinen Büchern: „Geschichte der Revolution in England" (1877), zweite Auflage 1898, und in den „Abhandlungen, Aktenstücken zur Geschichte der preußischen Reformzeit" (1885) außer seiner Begabung, unbekannte Quellen zu finden, zu edieren und kritisch zu behandeln, seine Neigung, dem Aufstreben einzelner Staaten zu freiheitlicher Gestaltung, ihrem Ringen nach der Entfernung aus alten Formen nachzuspüren und diese Loslösung lebendig zu, gestalten. Sein Hauptwerk aber, an dem er noch unermüdlich tätig ist, bleibt die „Geschichte Europas im 19. Jahrhundert, von 1815 bis 1870", von der der erste Band 1894, der sechste 1912 veröffentlicht worden ist; der siebente liegt beinahe druckfertig vor, der achte ist in Arbeit, mit dem nennten soll das Werk abgeschlossen werden. Diese großzügige Arbeit, die in den bisher vorliegenden Bänden die Entwicklung bis zum Jahre 1848 führt, ist ein grandioses Werk, von dem übrigens schon in diesen Blättern mehrfach die Rede war. Es gehört zu den Büchern, die außerordentlich viel gelobt, unendlich oft benutzt und vielleicht noch öfter stillschweigend ausgeschrieben worden sind, denen aber leider der laute äußere Erfolg nicht beschieden war. (Nur die zwei ersten Bände sind 1913 in einer zweiten Auslage ausgegebcn worden.) Der Grund dieser scheinbar lauen Aufnahme, lau, wenn man sie mit der weiten Verbreitung des Gervinusschen Werkes und dem unendlichen Beifall vergleicht, den Treitschkes Darstellung gefunden hat, ist nicht bloß aus feinem gewaltigen Uinfange zu erklären, da dieser die beiden genannten Bücher weit hinter sich läßt, sondern teils vielleicht daraus, daß Sterns Name bei dem Beginn seines Werkes nicht so bekannt war wie der seiner Vorgänger, teils und besonders daraus, daß er sich mit Verleugnung seines Temperaments nach dem Grundsatz großer historischer Unparteilichkeit jeder Polemik enthält, billige Vergleiche mit der Gegenwart ablehnt und mit wunderbarer Ruhe und Objektivität, mit grenzenloser Schlichtheit, die der Menge als Nüchternheit, nicht als bewußte Kunst erscheint.