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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-10 · Heft 45 (10.11.1916) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 45 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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8 Grsterrrich-Angsrn. Z. Wien, 3. November. Am 19. v. M. hielt der berühmte deutsche Philosoph Geheimrat Dr. Hermann Cohen aus Berlin in der Soziologischen Gesellschaft seinen lang erwartet,en Vortrag: . „Das soziale Ideal bei Plato und den Propheten". Boi dem Standpunkt, auf dem der berühmte Gelehrte immer, auch auf den allgemeinen Religionskongressen, den Mut hat zu stehen, war nicht anders zu erwarten, als daß er in seinen ebenso tiefen wie geistvollen und mit jugendlichem Feuer vorgetragenen Bemerkungen, bei aller Verehrung für Plato, der zum erstenmal in der Geistesgeschichte einzelne Erkenntnisse zum Erkennen umgeformt hat, den schlichten Propheten den Vorzug gab, die ohne schulmäßige Begriffe von der Lehre des Seins oder Erkennens. doch auf einer sittlich und teilweise auch geistig höheren Stufe wie Plato in soziologischer Beziehung standen. Ist doch die Anschauung des Polisbürgers und Sklavenhalters Plato längst überholt, während die Geschichte den kühnen Flug des prophetischen Geistes, der Israel zerschlug, um an seine Stelle ein Weltbürgertum zu setzen, in dem der Gott des Friedens herrscht, noch längst nicht erreicht, freilich setzen wir hinzu, vielleicht auch nicht erreichbar. Sehr instruktiv für das große Publikum war die Auseinandersetzung der sittlichen Höhe, auf der die Gesetzgebung und Soziologie im alten Israel stand, für das Jüdische, die seinen philologischen hebräischen Apercus, die den tief unbewußt philosophischen Geist unserer alten Sprache enthüllen, so die Aehnlichkeit des Stammes von „Mitleid" und „Mutterleib". Daß für die Propheten Leid nicht Schuld und Strafe bedeutet, sondern Gott das Leid, dessen Träger er ist, zur Prüfung und Hebung der Frommen schickt, darin liegt ihr großer soziologischer Fortschr-i-tt über den Hellenismus hinaus. Die moderne Soz,io'logie kann sich natürlich bei den Propheten allein nicht beruhigen, sie muß ihre Ethik mit wissenschaftlichen Erkenntnissen vermählen und dem Sieg der Vernunft zum Durchbruch verhelfen. Obwohl es der Krieg mit sich brachte, daß diejenigen, welchen die Erkenntnisse hauptsächlich geweiht sind, die männliche Jugend, beim Vortrage fast fehlen mußte, lohnte donnernder Applaus den greisen Gelehrten, der seine Hörer in atemloser Spannung erhielt, obwohl er das in Wien übliche Zeitmaß eines Vortrages tmt überschritten hatte. Obmann Rudolf Goldscheider durfte in Wahrheit im Namen des ganzen intellektuellen Wiens dem berühmten Gaste seinen Dank aussprechen. — Von einem kurze Zeit in Wien auf Urlaub weilenden arischen Angehörigen unseres tapferen Heeres erhält die „Wiener Sonn- und Montagszeitung" folgende Zuschrift: Löbliche Redaktion! Auf kurze Zeit nach Wien beurlaubt, lese ich in Ihrem geschätzten Blatte den Artikel „Die Neichspost und der Lebensmittelwucher". Sie geißeln mit vollem Rechte das perfide Verallgemeinern der Schuld einzelner jüdischer Lebensmittelwucherer auf die ganze Judenschaft. Hier handelt es sich aber doch wenigstens um Auswürflinge, die es schließlich verdienen, daß man sie in der Zeitung der öffentlichen Verachtung preisgibt. Was soll man aber von der „Ostdeutschen Rundschau" sagen, die, ohne vom Staatsanwalt belästigt zu werden, sich die unerhörte Gemeinheit leistet zu sagen, daß die jüdischen Soldaten zu einem viel zu geringen Prozentsatz tot oder verwundet sind, daß sie „Jehova offenbar behütet", daß nur so und so viele bisher ins Gras gebissen haben! Findet sich niemand in Oesterreich, der diese schamlose Gemeinheit bestraft? Oder ist das die „arische Hochkultur, der deutsche Hochgedanke"? Ich lag in Olmütz im Kriegsspital, wo durch Zufall mein schwerverwundeter jüdischer Kamerad aus Langetvei.l'e die „Ostdeutsche Rundschau" las und mir mit zitternden Händen und tiefster seelischer Erregung diese bodenlose Frechheit der ostdeutschen Helden im Hinterlande zu lesen gab. Pfui! ilber ein deutsches Blatt, das so unsäglich gemein sein kann. Traurig, daß so etwas im „Burgfrieden" möglich ist. 2. Budapest, 3. November. Der Direktionsausschuß des Ungarisch-israelitischen Handwerks- und A ck e r b a u v e r - eins hielt unter Vorsitz des Präsidenten Baron Dr. Adolf Kühner eine Sitzung. Vor der Tagesordnung gedachte der Präsident pietätvoll der verstorbenen Wohltäter und Stifter des Vereins, der Damen Frau Witwe Salomon Beer, Frau Moritz Kanitz und Frau Albert Mezey, ferner der auf dem Felde der Ehre gefallenen Herren Eugen Beer, Albert Straffer und Georg Straffer, deren Andenken im Protokoll verewigt wurde. Sodann begrüßte der Präsident mit warmen und schwungvollen Worten die Damen Frnu Hofrat Dr. Armin Neuman, Frau Hofrat Sigmund v. Horväth aus dem Anlässe ihrer Auszeichnungen und Herrn Ludwig v. Ago ston anläßlich seiner Erhebung in den ungarischen Adelsstand. Zur Besprechung der Angelegenheit des neu zu errichtenden Lehrlingsheims wurde unter Führung des Ehrenvizepräsidenten Dr. Sigmund Sonnenfeld ein Sonderkomitee entsendet. Bezüglich der Ausnahme neuer Zöglinge und der Stipendienverteilung wurde beschlossen, daß in erster Reihe Kriegswaisen und Söhne von Geflüchteten zu berücksichtigen sind. Der Verein läßt gegenwärtig 154 Handwerker-, 41 Gärtner- und 14 Landwirtszöglinge ausbilden. Die Verpflegung und Bekleidung der Vereinsschützlinge verursacht unter den gegebenen Verhältnissen viel iLorge. Die Placierung der sich meldenden armen und verlassenen Knaben ist um so schwieriger, als jetzt Lehrlinge nur in Einzelfüllen mit voller Verpflegung ausgenommen werden. Die Errichtung eines neuen größeren Lehrlingsheims ist daher dringend notwendig. In der Gärtnerausbildungskolonie machen Unterricht und Produktion schöne Fortschritte. Die im Bau befindlichen neuen Glashäuser erheben die ohnedies mustergültig eingerichtete Anlage zu einer Sehenswürdigkeit. Den Mitgliedern der Baukommission, dem Vizepräsidenten Heinrich Beer, den Herren Moritz Berger und Leo Bloch, wurde für ihre selbstlosen Bemühungen Dank votiert. Seit der letzten Sitzung sind die folgenden * Stiftungen und Spenden eingeflossen: für allgemeine Vereinszwecke: aus dem Nachlasse weiland Ignaz Hay jun. 10 000 Kronen, Koloman- Györgyei-Stiftung 2000 Kronen, für die Stiftung weiland Dr. Heinrich Kanitz 1305 Kronen, für eine 3000-Kronen-Stiftung von Herrn und Frau Bertalan Szekelh 1280 Kronen; Stiftungsbeitrüge: Hofrat Sigmund L. Breitner und Gemahlin 500 Kronen, Frau Jakob Schwarz 100 Kronen, Jonas Händler 200 Kronen, vom königlich ungarischen Handelsministerium als Subvention für das Lehrlingsheim 6000 Kronen, Frau Jakob Schwarz, Frau Oskar Büräny und Wilhelm Platschek je 100 Kronen, Frau Dr. Adolf Fried für die Anfertigungskosten von hundert Stück Winterblusen 70 Kronen, Samuel Horner 50 Kronen. Für die Gartenbauanlage: Stiftungen: Budapester Leopoldstädter Kasino 5000 Kronen, Herr und Frau Isidor Straffer zur Verewigung des Andenkens ihrer beiden, den Heldentod erlittenen Söhne Albert und Georg je 5000 Kronen, insgesamt 10 000 Kronen, Herr und Frau Benedikt Gomperz 5000 Kronen, Hofrat Josef SurLnyi zum Andenken an seinen auf dem Felde der Ehre gefallenen Sohn Karl Josef 5000 Kronen, Dr. Simon Medghes und Verwandtschaft 1000 Kronen zur Erinnerung an Frau Witwe Bcrnat Löwh; Spenden: Bertalan Farkas 500 Kronen, Heinrich Beer und Familie zur Erinnerung an seine dahingeschiedene Mutter weiland Frau Witwe Salomon Beer 500 Kronen, Bürgerliche Bierbrauerei A.-G. 300 Kronen, Baron Bela v. Hatvanh 200 Kronen. Den edelmütigen Stiftern und Spendern wurde Dank votiert. Schließlich wurde Hilfssekretür Gaza Kozma zum Sekretär gewühlt. Von Asy und jfern. Das Reichsbank - Direktorium veröffentlicht im Inseratenteil dieser Nummer eine Bekanntmachung betreffend die Zwischenscheine für die 5 % Schuldverschreibungen und VA °/o Schatzanweisungen der IV. Kriegsanleihe, auf die wir besonders Hinweisen möchten. — Professor Dr. Ludwig Pick, Prosektor am städtischen Krankenhaus im Friedrichshain, der als Armeepathologe bei der dritten Armee im Felde steht, ist zum Oberstabsarzt befördert worden. — Aus Anlaß der in diesem Monat stattsindenden Wahlen zur Repräsentantenversammlung erstattet der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde den üblichen Bericht über die seit der letzten Repräsentantenwahl verstrichenen Zeit vom 1. April 1913 bis 31. März 1916. Der Bericht wird in den nächsten Tagen den Wählern zugestellt werden. — Die jüdische Toynbee-Halle, in deren Räumen die Berliner Bne-Brith-Logen im ersten Kriegsjähre eine rituelle Volksküche eingerichtet hatten, dient jetzt wieder ihrer alten Bestimmung als Volksbildungs- und Volksunterhaltungsstätte. Am 1. November wurde die winterliche Dortragssaison durch eine Ansprache des Vorsitzenden des Tohnbee-Hallen-Ausschnsses der N. O. B. B.-Logen, Maximilian Stein, eingeleitet. — Im Verein der Plakatsreunde in Berlin hielt Herr Dr. Hans Sachs einen Vortrag über Kriegsgraphik. Als ein Kuriosum zeigte er dabei ein russisches Plakat aus Wilna zum „Besten" der russischen Juden. Es ist im Dezember 1914, also noch während der Russenherrschaft, gedruckt und zeigt eine jüdische Frau mit ihrem Bündel auf dem Rücken und ihrem Kind an der Hand; aus der Heimat vertrieben, zieht die Unglückliche bettelnd in die Ferne. — Eine

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