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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-10 · Heft 45 (10.11.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 45 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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80. Jahrgang Nr. 45 Berlin, 10. November 1916 Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung dr- Judentum-". korrelpondknren und Mchrichtrn. Deutschland. Berlin, 7. November. Die in diesem Monat vorzunehmenden Wahlen für die Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin werden wiederunl im Zeichen des Burgfriedens stattfinden. Die verschiedenen Parteien und Richtungen haben sich untereinander verständigt und eine gemeinsame Kandidatenliste aufgestellt. 2/D Berlin, 7. November. Einen bedeutungsvollen Gedenktag, der auch in dieser bewegten Zeit nicht unerwähnt bleiben soll, kann die jüdische Presse in diesen Tagen begehen. Die erste anglojüdische Zeitung, „Jewish Chronicle" in London, kann am 13. d. M. ihr 75 jähriges Jubiläum feiern. 75 Jahre sind in unseren schnellebigen Tagen für eine Zeitung eine lange Zeit, doppelt aber zählen 75 Jahre für ein jüdisches Blatt, das mit weit größeren Schwierigkeiten zll kämpfen hat als eine allgemeine politische Zeitung. „Jewish Chronicle" war der zweite Versuch, der englischsprechenden Judenheit ein publizistisches Organ zu schaffen; der Vorgänger der „Chronicle" ,,Tlie Hebrew Review and magazin of rabbinical literatu re", der 1838 zu erscheinen begann, brachte es nur auf drei Jahrgänge und mußte 1841 sein Erscheinen einstellen. „Jewish Chronicle" fand einen gut vorbereitetm Boden. Die Blutbefchuldigung von Damaskus hatte die Gemüter ausgerüttelt; in den Ehrungen, die man dem erfolggekrönten heimkehrenden Moses Montefiore bereitete, ehrte die selbstbewußte englische Judenheit sich selbst. Dazu kam das größere Interesse an jüdischen Fragen, das die der Geburt der jüdischen Synagogenreformbewegung vorangehende Zeit erfüllte. Kurz, „Jewish Chronicle" fand bei seinem Erscheinen einen besser vorbereiteten Boden als sein kurzlebiger Vorgänger. Die ersten Herausgeber waren David Meldola, der Chacharn der spanischen und portugiesischen Synagogen, und Moses Angel, der Direktor der jüdischen Freischule. Schon die erste Nummer der Zeitung bedeutete einen außerordentlichen Erfolg. Zeiten des Niederganges folgten, aber das Blatt fand einen immer größeren und interessierteren Kreis von Mitarbeitern und Lesern, bis es seine heutige im jüdischen Leben Englands ausschlaggebende Stellung erringen konnte. Das Blatt ist eine wirkliche Chronik der Geschichte der Juden in England geworden. Seine Bedeutung und die Würde, mit der es für alle jüdischen Interessen eintritt, anzuerkennen, nötigt uns deutscher Gerechtigkeitssinn auch im Kriegsjahre. Berlin, 7. November. Mit dem am 7. v. M. infolge einer schweren Verwundung dahingeschiedenen Dr. Arthur S ü ß m a n n hat das Reichenheimsche Waisenhaus in Berlin den Verlust des dritten seiner ehemaligen Erzieher im Dienste des Vaterlandes zu beklagen. Nach seinem Weggang von der Jacobsohn-Schule in Seesen war der Dahingeschiedene über ein Jahr als erster Erzieher am Reichenheimschen Waisenhaus tätig und benutzte die Muße, die ihm das Amt ließ, um sich mit historischen und archivalischen Studien zu befassen. Als Frucht dieser Tätigkeit erschien vor etwa Jahresfrist seine Schrift über das sogenannte Erfurter Judenbuch, die neben ihren.historischen Ergebnissen auch manche sprachliche Ausbeute durch die Deutung jüdischer Namen deutscher Herkunft bot. Noch vor kurzem hatte er den Direktor des Waisenhauses während eines Urlaubs besucht und sich mit ihm über diese Arbeit, deren Beurteilung ihm sehr am Herzeri lag, unterhalten. Das Reichenheimsche Waisenhaus betrauert den Verlust eines trotz seiner Kenntnisse auf vielen Gebieten bescheidenen und liebenswürdigen Angestellten. E. M. Berlin, 7. November. Ein neues Werk des Berliner Malers Hermann Struck wird demnächst erscheinen. Struck, der gegenwärtig als Landsturmunteroffizier in Kowno steht, hat eine Reihe neuer Lithographien geschaffen, die demnächst als Sammelwerk erscheinen werden. Das graphische Werk, zu dem Herbert Eulenberg den begleitenden Text schreibt, wird in der amtlichen Druckerei des Oberbefehlshabers Ost hergestellt. Die Sammlung ist dem Generalquartiermeister v. Ludendorff gewidmet, der die Widmung auch angenommen hat. Ein Teil der in diesem Bande vereinigten Arbeiten Strucks ist bereits in der Beilage zur „Deutschen Kownoer Zeitung" erschienen. In der Serie „Kownoer Schönheiten" befinden sich unter anderem auch zwei Zeichnungen jüdischer Mädchen, weitere jüdische Typen werden ebenfalls in der Sammlung vertreten sein. — Der im vorigen Jahre erschienenen Mappe mit fünfzig Arbeiten, die Struck im Felde geschaffen hat, wird in diesem Jahre eine zweite Sammlung folgen, deren Druck sich bereits in Vorbereitung befindet. Es handelt sich wieder um fünfzig Blätter, die in einer Auflage von 25 Exemplaren hergestellt werden sollen. Auch unter diesen Blättern bringt der Meister wieder jüdische Gestalten aus den besetzten Gebieten. — Pr.-Stargar-, 3. November. Unter der Ueberschrift „Zum Abschied des Rabbiners Dr. Z l o c i st i" schreibt die „Pr.-Stargarder Zeitung" unter dem 26. Oktober 1916: „In dieser Woche noch wird der bisherige Rabbiner, Herr Dr. Z l o c i st i, unsere Stadt verlassen und nach seiner neuen Heimat Insterburg übersiedeln. Die jüdische Gemeinde verliert in ihm einen tüchtigen Geistlichen von großer rednerischer Begabung, einen Mann, dessen geistvolle Gedanken weit über die Mauern des Tempels hinaus Herz und Gemüt unserer Bürger durchdrungen und auch von Angehörigen anderer Glaubensbekenntnisse gern ausgenommen wurden. Wenn unsere Bürgerschaft bisher von scharfen politisch-konfessionellen Gegensätzen in recht erfreulicher Weise freigeblieben, so ist dies zum Teil auch das Verdienst des Scheidenden, der sich durch sein angenehmes und gefälliges Wesen einen großen Freundeskreis auch außerhalb seiner Glaubensgenossen erworben hat. Als Soldat seit zwei Jahren auch fürs Vaterland tätig, hatte er im hiesigen Lazarett das Beerdigungswesen usw. zu bearbeiten. Nach den Beobachtungen unserer Bürger kamen gerade in dieser Stelle seine wertvollen Eigenschaften als Beamter und Mensch in schönster Weise zur Geltung. Auch sonst hat Herr Dr. Zlocisti sich in selbstlosester Weise seinen Mitmenschen zur Verfügung gestellt. Als der Bürgermeister vor sechs Monaten die Preisprüfungsstelle reformierte und in verschiedene Gruppen mit teilweise getrennten Aufgaben einteilte, übernahm. Herr Dr. Zlocisti ehrenamtlich die Einrichtung und Leitung einer Zentralstelle, die all die vielen neuen Kriegsgesetze und die mit ihnen zusammenhängenden Schreibereien übersichtlich ordnen und auch die vorhandenen Akten nach neuen Grundsätzen umarbeiten nmßte. Dankbaren Herzens gedenken wir all der guten Taten des Herrn Dr. Zlocisti, all der menschlich liebenswürdnigen Seiten seines Charakters und wollen offen bekennen, daß sein Scheiden in die Reihen der hinter der Front in Pr.-Stargard Kämpfenden eine Lücke reißt, die wir noch lange empfinden werden. — Der Abschiedsgottesdienst in der Synagoge fand am Schlußfeste, am Donnerstag, den 19. Oktober statt. Die verflossenen Feiertage — das Versöhnungsfest und das Laubhüttenfest, das Erntefest des alten Israel — sie weisen den Menschen hin zu Gott und erinnern ihn auch daran, daß er ein Kind dieser Erde ist. Diesen Gedanken legte Herr Dr. Zlocisti seiner letzten Predigt an hiesiger Stätte zugrunde. Er führte aus, wie Gott, Vaterland und Menschheit auf jeden einzelnen einwirken. Die Hauptgesänge wurden auf dem Harmonium begleitet. Wenn in der ^Synagoge unserer Stadt auch die Musik zur Ehre Gottes die festliche Andacht der Menschen verschönern hilft, so ist das in erster Line ein Verdienst des Scheidenden. Und daß das jüdische Gotteshaus heute in seinem Innern nach völliger Instandsetzung einen künstlerisch würdigen, erhebenden Eindruck auf den Besucher macht, wessen rühriger Arbeit ist dies vor allem zu verdanken? Mit welcher Liebe mtb Sorgfalt er sich seinen Gemeindemitgliedern in sonnigen Tagen wie in trüben Stunden gewidmet hat, davon weiß gar mancher zu erzählen. Nach der Predigt verabschiedete sich der verehrte Seesorger mit zu Herzen gehenden Worten von seiner Gemeinde. Von dem Vorstande wurde ihm ein sinniges, wertvolles Geschenk überreicht.—Im Gefangenenlager zu Czersk, wo Herr Tr.Zlocisti Militärseelsorge ausübte, veranstalteten die jüdischen Gefangenen am vergangenen Sonntag eine erhebende Abschiedsfeier. Was der Scheidende den Gefangenen war und was er in unermüdlicher Fürsorge für die Gesunden, die Kranken, die Armen und die Sterbenden unter ihnen geschaffen — von dem stets liebevollen Wohlwollen der Kommandantur unterstützt —, wie er vor allem durch Einrichtungen werktätiger Liebe manch gebrochenes Herz ermutigt, manch stilles Leid mit Geschick und

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