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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-10 · Heft 45 (10.11.1916) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 45 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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zwischen den beiden ersten und beiden letzten Tagen des Laubhüttepfestes (S. 70) sind. Woher stammt die neue Erklärung des Nachtisches als „JubelUed mit feierlichem Umzuge nach dem Passahmahl" (S. 20)? Chad gadja wird seltsam als Lied bezeichnet, „bei dein man nach der letzten Strophe wieder die erste singen kann" (S. 69) und Iknhz als „Wein, Weihespruch, Licht, Trennungsspruch, Zeit: Reihenfolge der Lobsagungen, wenn die Passahnacht eine Nacht zum Sabbat ist" (S. 81). laebanun ist ganz merkwürdig ein Bußgebet, „bei dem man den Kops zum linken Ohr neigt (S. 202), und Tasehlich ein „Gebet um Sündenvergebung am zweiten Neujahrstage" (S. 204). Uneingeschränkte Anerkennung dagegen verdient die mühevolle Zusammenstellung der jüdischen Wörter. Freilich wird der eine dieses, der andere jenes Wort vermissen oder an der erwarteten Stelle nicht finden, weil er es anders aussp-richt, als Strack es ein reiht. Doch Stracks Buch will kein Handwörterbuch sein. Jnnnerhin hätte der von Heine gerühmte „Schalent" (Scholent) nicht fehlen dürfen. Im ganzen ein freudig zu begrüßendes Werk, das weite Verbreitung und Benutzung verdient. Rio ritz Stern. * — P a n l E b e r h a r d t, Von der Möglichkeit und der Notweudigkeit der reinen Religion. Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., Gotha 1916. (69 S.). Unser Zeitalter ist krank: sein Leben, scheinbar geistig so hoch entwickelt., ist innerlich zerrissen. Ein tiefes Sehnen geht durch unser Geschlecht, es ringt uni Gesundung, will neue Säfte verspüren, die ihm das Mark beleben. Allerorten regt sich die Kunst der Aerzte, die nach dem Heilmittel sinnen. Die Diagnose ist gestellt: unsere Weltanschauung dringt auf eine klare Stellung zur Religion. Jene Richtung ist überniunden, die ohne Religion auskonunen wollte. Wie aber soll sich unser Denken und Fühlen zur Religion stellen: das ist das Problem, an dessen Lösung gearbeitet wird. Recht stattlich ist schon die Literatur geworden, die hier Wege weisen will, und mancher tiefe Geist hat manchem Suchenden und Ringenden den Weg zu sich selbst geebnet. Paul Gberhardt (dessen „Aufbau, Blätter für Suchende aller Bekenntnisse" in Nr. 85 unserer Wochenschrift eingehend gewürdigt wurde) mochte ein solcher Führer sein. Sein Heilmittel ist: die „reine Religion". Was er darunter versteht, sei mit seinen eigenen Worten gesagt: „ Wir gebrauchen die Bezeichnung der „reinen Religion" nicht im Sine eines Gegensatzes zu einer sonst vorhandenen etwa „unreinen" Religion . . . Die Religion an sich, die reine Religion, ist kein Bekenntnis irgendwelcher Art, . . . weil sie die Bezeichnung der Tatsächlichkeit ist, daß der Sinn und das Wesen alles Seins und Geschehens seelischgöttlich ist" (S. 57 s.). Sie ist „die Tatsächlichkeit des seligen Jusichseins der Seele auf Grund des seligen Zneinanderseins der Seelen . . . als Gnade und Güte . . einer über allem und doch in allem wirkenden persönlichen Macht" (S. 55). Dieser reinen Religion kann und darf der denkende Mensch sich nicht länger entziehen; denn ohne sie verliert das Leben seinen Wert und seinen Sinn, „wird als Ende kommen, was kommen muß, bei den Edlen die Verzweiflung, bei den Gemeinen die unverhüllteste Brutalität" (S. 15).-Die kleine Schrift gibt viel zu denken. Auch demjenigen, der ihr nicht in allem zustimmt, wird die Beschäftigung mit ihr wegen ihrer Gedankentiefe und ihrer edlen Sprache einen reinen geistigen Gernlß schaffen. G u st a v C o h n. Mchrreinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Die Bestimmungen über das Bekenntnis der Kinder. 1916. Verlag des Evangelischen Bundes, Berlin W 35. Zusanmiengestellt aus Anregnng des Präsidiums des Evangelischen Bundes von Dr. B. v. Bonin. Sprrchsaal. Der Polizeipräsident. Frankfurt a. M., den 26. Oktober 1916. IV d 7140. W a r n u it g. Der polizeilich bekannte angebliche „Sozialökonom" Heinrich Via ul von Frankstlrt a. M. hat im eigenen Verlag, den er „Verlag der Selbsthilfe des Volkes, Frankfurt a. M." nennt, eine phantastische Schrift, betitelt: „Deur deutschen Volke die Wahrung seines Vermögens und seines Geldes durch Selbsthilfe" hernusgegeben, die geeignet ist, das Publikum irrezuführen und leichtgläubige Personen zu schädigen. In dieser Schrift wirbt Maul für die Gründung einer „Deutschen Volkszinsenb'aink", welche es unter anderem ermöglichen soll, den Arbeitsverdienst ausgeben zu können und trotzdem noch verzinst zu bekommen. Da der Mantsche Plan völlig undurchführbar ist, wurde dem Maul die Weiterverbreitung des Buches untersagt und sind die vorhandenen Exemplare eingezogen worden. In Vertretung: v. Klenck. $ Guben, 28. Oktober 1916. An die geehrte Schristleitung der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" richte ich erneut die herzliche Bitte, etwas jüdische Lektüre, wie riTWtt und für die jüdischen Gefangenen, hier, durch die „Allgemeine Zeitung des Judentums" zu vermitteln. Es ist eine große Notwendigkeit, die Leute mit religiöser Lektüre zu versorgen. Eine Notiz oder eine Bitte durch die Zeitung dürfte doch von Erfolg sein. Die Bücher brauchen nicht neu zu sein. Auch können sie später zurückgegeben werden. Alle Bücher können an mich geschickt werden, und ich werde dafür sorgen, daß sie auf Verlangen zurückgeschickt werden. Hochachtungsvoll £. Sachs. * Sehr geehrter Herr Geheimrat! In Nr. 42 Ihrer geschätzten Zeitung erschien ein Aufsatz: „Herrn Dr. Einil Cohns Attacke gegen die Demagogie und Anarchie des liberalen Judentums", der mir erst jetzt vor Augen kommt, und der sich eine „notgedrungene Abwehr" gegen meinen Artikel „Politisches Neujahr" in Nr. 39 der „Jüdischen Presse" nennt. Zürn Titel und Inhalt jenes Aufsatzes habe ich folgendes richtigzustellen: 1. Der Verfasser behauptet, ich Hütte die liberale Judenheit ohne Ausnahme und Einschränkung der „Demagogie und Anarchie" bezichtigt. Ich setze die von meinem Gegner verschwiegene Stelle, aus deren Zusammenhang er einen einzelnen Satz herausgreift und zu einer ganz anderen Stelle des Aussatzes stellt, hierher: „Weit entfernt aber, über der Vergangenheit die Gegenwart zu vergessen, sind wir auch bereit, vor aller Welt, d. h. vor unserer Welt, der Welt lebendiger Gegenwart, die Verantwortung für unser Tun u,nb Lassen zu übernehmen. Vor seiner Zeit bestehen zu können, ist Mannespflicht. Das heißt nicht, sein Handeln auf Zeit und Zeitenmode einzustellen und seine Ziele und Zwecke dem Urteile der Vielzuvielen unterzuordnen, die sich einbilden, als wahre Zeitgenossen beit Zeitgeist darzustellen. Vielmehr kann es sich hier nur um die Verantwortung handeln, die Ehrenhaftigkeit, A nftaiib un d gute Sitte von uns fordern, damit wir in der Zeit als rechte Männer bestehell; und ferner die Verantwortung und Bürgschaft dafür, daß unser Tüll und Handeln im Rahmen der Gesamtheit bleibe, der wir dienen. Gegen Demagogie und Anarchie! ist unsere Losung." Ich überlasse es dem Urteile jedes Billigdenkenden zu entscheiden, .ob das eine „Attacke gegen die Demagogie und Anarchie des liberalen Judentums" sei, oder nicht vielmehr eine allgemeine Absage an jede Demagogie und Anarchie, gleichviel auf welcher Seite, vielleicht noch mehr im eigenen Lager, an das sich obige Ermahnung richtet, als im fremden. 2. Der Verfasser behauptet ferner, ich hätte die liberalen Politiker vonr ersten bis zum letzten als „Politiker der Gasse" gekennzeichnet. Auch das ist eine freie Erfindung. Vielmehr habe ich gesagt: „Der wahrhaft konservative Politiker ist kein Politiker der Gasse." Ich überlasse es auch hier dem Urteile eines jeden, ob daraus zu schließen sei, daß ich damit jeden liberalen Politiker ohne Ausnahme — selbst Hermann Cohen und Eugen Fuchs, wie der Verfasser meint — einen Gassenpolitiker genannt habe. Wahr ist einzig, daß ich in meinem Aufsatze den Begriff der Verantwortung vor der Geschichte und der Gegenwart behandelt und dabei erklärt habe, daß der konservative Gedanke im Judentum dieses Verantwortungsgefühl jedes einzelnen besser verbürge als der liberale. In welch sachlicher und ruhiger Form ich das tat, davon kann jeder, der es will, sich selbst überzeugen. Genehmigen Sie, Herr Geheimrat, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung. Bonn, den 27. Oktober 1916. Rabbiner Dr. Emil Cohn.

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