Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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den langen, schwarzen Zöpfen hat ihre Verlegenheit schon überwunden, aber auf ihren Wangen spielt immer noch ein fröhliches Rot. Gedankenvoll blitzen ihre leuchtenden Augen, welche von den langen Wimpern wie von einem Bogen beschattet werden. Ihre saftigen, roten Lippen sind aufeinandergepreßt, ihr Aussehen verrät, daß ein bestimmter Gedanke sie innerlich beschäftigt. Niemand stört die feierliche Sabbatstimmung und vernehmlich klingt der Gesang des Vaters durch die Hütte. Ich stehe am. offenen Fenster und blicke auf die Menschen, die mit Aufmerksamkeit das Gebet anhören. Halb im Nebel gehüllt ist der alte Wald, der bereits vom abendlichen Schlummer umfangen ist. Am Firmament ist noch ein rosiges Licht zu sehen, während die Sonne dort weiter hinter dem dichten Gehölz untergeht. Auch der Wald ist still geworden, als wollte er auf den betenden Gesang lauschen, mit dem Benjamin den Sabbat einweiht. Und die Stimme des Hausherrn wird immer kräftiger, obgleich sie eine stille Traurigkeit verrät. Und alles in dieser Umgebung scheint sich'auf den Sabbat vorbereitet zu haben, und er kommt, er kommt aus dem Dickicht des Waldes und breitet sich über die ganze Gegend aus. Alles atmet eine gespannte Erwartung und hört auf die Worte Benjamins. Der alte Wald sehnt sich auch, den Sabat zu begrüßen, und seine stummen Bäume sind gesenkt, um den Allmächtigen zu preisen, wie Benjamin es tut für sie und für sich. Es wird dunkel. Der Sabbat ist gekommen und beherrscht Feld und Wald. Er liegt über der Wiese, er schaut ins Fenster hinein und auf die gleichmäßig brennenden Kerzen. Er sieht die feierlich geputzte Familie, den weißgedeckten Tisch, er hört den Gesang des Vaters. Die Sabbatnacht ist angebrochen. Heruntergebrannt sind die Lichte, aber die Lampe verbreitet noch eine gleichmäßige Helligkeit. Die kleineren Mädchen stützen sich auf den Ellbogen und werden schläfrig. Die Mutter blickt auf die abnehmenden Lichte und lauscht. Der Vater hat es sich auf seinem Stuhl bequem gemacht; das Käppchen nach hinten geschoben, ißt er noch gekochte Bohnen und hört ebenfalls aufmerksam zu. Die ältere Tochter liest leise und eintönig das Abenteuer eines frommen Mannes vor, der weit und breit geehrt wurde. Streng beobachtete er den Sabbat, und am Freitig verließ er von 5 Uhr nachmittags an schon nicht mehr das Haus. Einst hatte er sich verirrt. Es war an einem Donnerstag, mitten im Winter. Der fromme Mann war nach dem benachbarten Dorfe gegangen, um der Beschneidung eines Kindes beizuwohnen. Auf dem Rückweg fiel der Schnee in dichten Flocken und machte die Pfade unkenntlich. So konnte der fromme Mann keinen Ausweg finden und mußte im Walde übernachten. Am folgenden Tage, am Freitag, überfiel ihn der Kummer und er betete inbrünstig zu Gott, daß er ihn vor einer Entweihung des Sabbats hüte. Plötzlich vernimmt er das Schlagen einer Uhr, welche die zwölfte Stunde anzeigt. Der fromme Mann bleibt unter dem Baume stehen und mag seine Wanderung nicht sortsetzen. So verharrt er, bis der Sabbat eintritt. Als er dann die Augen erhebt, sieht er vor sich ein herrliches Schloß. Er tritt hinein und sieht einen Tisch, der mit einem weißen Tischtuch bedeckt ist. An dem Tische sitzt ein alter Mann mit schneeweißem Haar und Bart, der in der Hand eine silberne Tabaksdose hält und — im Talmud liest. Der fromme Mann nähert sich ihm; da ruft jener gastfreundlich aus: „Scholem Aleikim, Aleikim Scholem! Ein Jude hat sich verirrt — er soll bei uns den Sabbat feiern." Ich stehe noch am Fenster. Es ist still. Der Wald schläft. Die Bäume halten den Atem an und hören die Erzählung, aber dort, im geheimnisvollen Innern des Waldes, da raschelt es . . . Die Sterne leuchten und funkeln am Himmel. Alles beruhigt sich, denn überall ist Sabbat . . . Und mir kommt es vor, als wäre ich — jener fromme Mann aus der Erzählung, der sich verirrte und endlich in das „irdische Paradies" gelangt war. Literarische Mitteilungen. — Jüdisches Wörterbuch mit besonderer Berücksichtigung der gegenwärtig in Polen üblichen Ausdrücke. Von D. Dr. Hermann L. Strack, Professor der Theologie in Berlin, Geh. Konststorialrat. Leipzig 1916, I. C. Hinvichssche Buchhaindlung. XV, 204 S. Preis: 5 Mark, geb. 6 Mark. Der Weltkrieg und unsere Besetzung russischen Gebietes haben bewirkt, daß sich auch die allgemeine Oeffentlichkeit mit der jüdischdeutschen Sprache beschäftigt, die bisher oft geringschätzig als Maufcheldeutsch charakterisiert wurde. Für alle Deutschen, welche als Beamte, Soldaten, Kaufleute oder sonst in den besetzten Gebieten zu wirken haben, ist die Kenntnis des „Jüdischen", sei es für den mündlichen Verkehr, sei es für die Lektüre der im jüdischen Idiom gedruckten Zeitungen, ein unabweisbares Bedürfnis geworden. Selbst die Behörden sahen sich gezwungen, Bekanntmachungen in jüdischer Sprache zu erlassen. Zum Verständnis dieses in Polen und im weiteren Rußland von sechs Millionen Menschen gesprochenen „Jüdisch" gab es bisher kein deutsch geschriebenes Hilssbuch. Es ist das Verdienst des Geh. Konstistorialrats Strack, ein solches in seinem „Jüdischen Wörterbuch" geschaffen zu haben. Als Einleitung gehen Uebersichten über das jüdische, hebräische und polnische Alphabet sowie Ausführungen über die jüdische und hebräische Grammatik voraus. Auch einige Literaturnotizen sind hinzugefügt. Das Buch ist prächtig ausgestattet und der Preis in Anbetracht der Kriegszeit billig. Darum gebührt neben dem verehrten Herausgeber auch dem Verleger unser Dank. Obgleich Strack wohlüberlegt sämtliche jüdischen und hebräischen Wörter mit hebräischen Buchstaben druckt und nach dem hebräischen Alphabet einreiht, sei für eine neue Auflage der Wunsch ausgesprochen, daß alle Wörter mit lateinischen Buchstaben umschrieben werden und dementsprechend alphabetisch auseinanderfolgen. Daß der des Hebräischen unkundige Laie so leicht das Lesen jüdischer Texte erlernt, glaube ich nicht. Noch schwerer wird er sich im hebräischen Alphabet zurechtfinden. Strack führt als Hindernis an. daß die meisten Vokale in den verschiedenen Teilen des Gebietes der jüdischen Sprache verschieden ausgesprochen werden. Doch läßt sich dem durch Verweisungen abhelsen. Jedenfalls würde durch Umschreibung und andere alphabetische Ordnung die Benutzbarkeit des Buches bedeutend erleichtert werden. Des Guten zuviel liefert das Wörterbuch in der Darreichung des rein hebräischen Sprachschatzes. Gewiß enthält das Jüdische viele hebräische Wörter, die der Bibel und dem Talmud entnommen sind und namentlich auf das religiöse Leben Bezug haben. Was aber Strack in guter Absicht bietet, muß auf den Unkundigen einen verwirrenden Eindruck machen. Auf einzelnem Seiten glaubt man ein hebräisches oder talmudisches Wörterbuch vor sich zu haben an Stelle eines jüdisch-deutschen. Wenn ich richtig gezählt habe, hat der Buchstabe Cheth 145 hebräische Schlagwörter unter 214 überhaupt, Jod 76 unter 139, usw. Der letzte Buchstabe Taw umfaßt 92 Schlagwörter. Unter diesen sind 6 hebräische Abkürzungen, 4 hebräische Wörter mit deutschen Endungen, die übrigen 82 sind rein hebräisch. In allen diesen und anderen Fällen wird bei einer Neuauflage eine Kürzung des hebräischen Anteils nötig sein. Für ein jüdisches Wörterbuch kommen nur solche hebräischen Wörter und Redewendungen in Betracht, die wirklich der jüdischen Umgangs- und Zeitungssprache angehören. Um in dieser Hinsicht nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zu bieten, wird es gut sein, für die Zukunft einen jüdischen Mitarbeiter hinzuziehen. Auch zu wenig wäre ein Fehler. Trotz der von Strack übermäßig gebotenen Fülle notierte ich eine ganze Anzahl hebräischer Wörter, die in die jüdische Umgangssprache eingeslochten werden, im Wörterbuch sich aber nicht finden. Ein jüdischer Mitarbeiter wäre dem Buche auch deshalb von Vorteil, weil er in der Lage wäre, falsche Angaben über religiöse Gesetze und Bräuche richtigzustellen. Isru chag ist nicht der Tag nach dem Laubhüttenfest (S. 19), ebensowenig wie Chol hamjnoöd die Tage