Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229278--72658-3285113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vielleicht wird das neue Geschlecht es leichter haben, wenn wir es anders erziehen; nichts ist förderlicher als Selbstkritik, und treiben wir diese, so mag manches zutage treten, was in dem Augenblick, wo -es ausgelöst wird, auch schon abgestellt ist. Uns selbst zu loben brauchen wir nicht. Das Gute versteht sich von selbst. Drum laßt uns aus gemachten Fehlern lernen, die einzugestehen wir den Mut haben. Der Sabbat Kommt. Von S ch a l o m A \ ch. Deutsch von Marie Beßmertny. +¥? ein Hauch des Frühlingswindes geht verloren. Er berührt hier nicht die sonnendurchglühten Asphalttrottoire, nicht die steinernen Wände der Großstadt. Jeder Strahl ruft neue Triebe ins Leben, welche von den Tautropfen erfrischt werden. Rings herum steht die schöne Gotteswelt in froher Blüte. Ein wonniger Duft durchzieht die Atmosphäre und berührt alles, was da lebt und webt . . . Einsam zieh' ich des Weges, weit von der Stadt und den Dörfern. Wohin das Auge reicht, nur saftige, grüne Wiesen. Ostern ist gerade vorüber^ und die Knospen beginnen zu springen. Nicht reife Früchte ermüden das Auge — nein, alles in der Natur strebt erst der Blüte entgegen . . . Hier und da ist die Erde noch schwarz; kleine, grüne Köpfchen strecken sich hervor, und junge, bunte Blümchen schauen wie Kinderaugen munter und lachend aus den zarten Gräsern heraus. Und alles wächst und blüht vor den Augen des Wanderers, über dem sich ein weiter, strahlend-blauer Himmel breitet. Rings herum — keine Seele; ich bin allein mit dem Bündel auf dem Rücken, dem Stock in der Hand und gehe immer weiter, weiter, und es scheint mir, als gäbe es gar keine Welt, gar keine Stadt vor mir und hinter mir, und ich beherrsche die ganze, weite Umgegend. Am Rande des Waldes befindet sich eine kleine Hütte. Ihre Wände sind aus Brettern. Aus dem verwitterten Schindeldach erhebt sich ein schwarzer, krummer Schornstein. Das vereinsamte Häuschen scheint wie verloren und losgelöst von der ganzen übrigen Welt zu sein. Es steht und sieht zu, wie die Holzhauer jeden Tag mit den Aexten in den Händen kommen, Bäume fällen, und es versenkt sich immer tiefer in sein stilles, ernstes Geheimnis . . . Bon einer Seite erstreckt sich der Wald, seine breiten, tief herabhängenden Zweige verhüllen ihn dem Auge des Wanderers. Es zieht ihn aber und lockt ihn in das Innere des Gehölzes. Von dort kommt ein heller, kleiner Quell und fließt eilig weiter, als wäre er beleidigt und wollte seinen Kummer schnell dem Mutterstrome mitteilen und sich in eine mütterlich zärtliche Umarmung stürzen... Links in weiter Ferne, hinter den Feldern, taucht etwas ganz Unbestimmtes auf — weiß Gott, was es sein mag! Auf der Bank neben der Hütte und dicht vor dem Walde sitzt Reb Benjamin. Unter seiner Weste lassen sich die langen „Schaufäden" (Gebetfäden) sehen, er raucht sein Pfeifchen und blickt gleichmütig in die Weite. Sowie er meiner ansichtig wird, winkt er mir mit der Hand: „Bitte, mein Freundchen!" — lese ich aus seiner Bewegung heraus, während die Entfernung noch zu groß ist, um seinen Ruf zu vernehmen. Benjamin ist der Waldwächter und wohnt schon lange hier. Die Hütte ist ein Erbstück seines Urgroßvaters und eine Art von Herberge am Wege für müde Pilger. Jeder muß hier einkehren, und jeder kann sicher sein, eine Schale Setzmilch und ein Stück Schwarzbrot umsonst zu bekommen. „Nehme ich „das" auf den Markt, so wird es eine Ware," sagt Benjamin, „aber solange „das" in der Hütte bleibt, ist es ein Bestandteil des Hauses, und es schickt sich nicht, Geld dafür zu nehmen." Er erhebt sich, um mir entgegenzugehen. Von weitem nickt er mir freundlich zu und deutet auf die Hütte, in die ich einkehren soll. „Woher kommt der Jude? — Gewiß aus Szetrotsch.und geht nach Gostinin, um dort noch vor Sabbatansang einzutreffen." So sucht er zu erraten. „Verspätet!" ruft er mit abwehrender Handbewegung. „Die Sonne geht schon zur Rüste," bemerkt er dann und zeigt auf den rosigen Horizont, der durch den Wald schimmert. Ohne viel nachzudenken, schlage ich den Feldweg ein, der zu der Hütte führt. „Im Kalender steht, daß um 7 Uhr die Sabbatlichter zu segnen sind, und jetzt ist es schon weit nach fünf," sagt Benjamin mit Bestimmtheit. Die Vorfahren von Benjamin führten ihre Zeitrechnung noch nach den Holzscheiten, die sie täglich hinter dem Ofen aufstapelten, und den Wechsel des Wetters zeigte ihnen der Himmel an. Benjamin aber wußte das alles schon nach dem Kalender zu bestimmen. Wir näherten uns der Hütte. Auf der Schwelle steht eine große, magere Frau. Ihren Kopf umhüllt ein weißes Tuch, und sie wirft einen fragenden Blick auf ihren Gatten. Zwei kleine Mädchen mit dunklen, verbrannten Gesichterchen schmiegen sich an die Mutter und blicken verstohlen hinter ihrer Schürze mit anmutig-kindlichem Lächeln hervor, um sich bald wieder zu verstecken. „Täubchen, wir haben einen Gast zum Sabbat", meldet ihr Benjamin. Ich grüße die Frau, sie senkt den Kopf, woraus ebensogut der Gruß „Guten Morgen" wie „Guten Abend" zu entnehmen war. Sie scheint nicht zu wissen, was sie tun soll. Plötzlich kehrt sie sich rasch um und tritt in die Hütte ein. „Vor langer Zeit, als der alte Wald ausgerodet wurde, lebten hier die Verwalter, die ein eigenes Kontor hatten, einen eigenen „Minjen" (Gebetversammlung) und ihre eigene Thora," erzählt mir Benjamin. Dann werde ich in die Hütte geführt. Das erste, was-mir in die Augen fällt, sind die irdenen Schalen mit Milch, welche auf zwei Borden ausgestellt sind und auch auf den Fensterbänken. Der säuerlich beizende Geruch dicker Setzmilch erfüllt die Hütte, in der.es angenehm kühl ist. Bald erscheint ein hoch aufgeschossenes junges Mädchen mit zwei schwarzen, langen Zöpfen. Unter ihrem roten Kleide sind die nackten Füße zu sehen. Ein verlegenes Lächeln huscht über ihr errötendes Antlitz. Sie trägt einen vollen Korb mit Eiern, und sowie sie mich bemerkt, geht sie ins andere Zimmer hinein. Jedesmal, wenn sie wieder hereinkommt, wird sie rot, etwas verwirrt und senkt die Augen. Um sie nicht zu beunruhigen, gehe ich hinaus und bringe mich und meinen Anzug in Ordnung, wie es sich zur Ehre der Sabbatfeier gebührt. * Im Hause ist alles fein säuberlich aufgeräumt. Zwei Sabbatlichter brennen in messingnen, blankgeputzten Leuchtern. Eine weiße Tischdecke ist über den Tisch gebreitet, auf dem unter einer kleineren, weißen Serviette die „Chale" oder das Sabbatbrot liegt. Von Gläsern umstellt, befindet sich auf den: Tische eine kleine Karaffe, in der roter Wein schimmert. Ueberall herrscht Friede, und der Stempel der Sabbatruhe scheint Menschen und Dingen aufgedrückt zu sein. Der Vater, gewaschen, gekämmt und festlich gekleidet, nimmt den Ehrenplatz ein und trägt in singendem Tone das Sabbatgebet vor. Aucki die Mutter hat sich zum Feiertage gerüstet und die weiße Sabbatmütze auf den Kopf gesetzt. Sie vertieft sich in ihr Gebetbuch und scheint allen häuslichen Sorgen entrückt z» sein. In blauen Jäckchen und mit weißen zierlichen Schürzchen sitzen die kleinen Mädchen neben den Eltern und lauschen andächtig den Worten des Vaters. Die ältere Tochter, mit