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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-10 · Heft 45 (10.11.1916) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 45 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
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587 ihnen scheint mir nicht von geringster Bedeutung zu sein, wie sich die Gestaltung unserer jüdischen Jugenderziehung vollziehen wird. Mancher könnte da antworten: „So wie bisher. Denn unsere Jugend hat sich in dem Kriege trefflich bewährt." Und die Richtigkeit des letzten Satzes zugegeben, sieht doch vieles unter den ungeheuren Ereignissen der Gegenwart nun anders aus. Es ist der heiße Wunsch aller derer, die im Felde stehen, daß in Deutschland für immer die Zeiten geschwunden sein mögen, in denen der Judenhaß das Volk zerriß!. Mit größter Begeisterung ist die jüdische Jugend hinausgezogen, mn vor dem Feinde ihre Pflichten Zll tun. Dafür will sie keinen Dank; denn sie tat nur ihre Pflicht. Und dieser Pflichtgedanke muß uns weiter zum Leitstern unserer Zukunftserziehung werden und immerdar bleiben. Deutsche Jungen wollen wir erziehen, die ganz und gar in ihrem Vaterland wurzeln, die auch nicht im geringsten das Gefühl mehr haben sollen, einem anderen Lebenskreise anzugehören. Die Jünglinge, die in diesem Kriege Seite an Seite mit ihren christlichen Kameraden gekämpft und geblutet haben, sie werden nach dem Kriege konfessionelle Absonderung nicht mehr verstehen. In der Stunde der Gefahr betete jeder nach seiner Weise zu seinem Gott, und doch war es ein Band, das sie alle umschlang. „Jeder nach seiner Weise", diese Treue zum Glauben der Väter muß bleiben. Auf sie wird das Kriegserlebnis nur stärker wirken.Aber mehr als je soll unsere Religion nur Religion sein! Die Wurzeln unserer Kraft sind im heimischen Boden, in Deutschlands Erde; das Land, von dem einst der Glaube zum eiuig-einzigen Gott über die ganze Welt zog, ist uns eine Stätte pietätvollen Gedenkens, nichts mehr. Das wollen wir unseren Jungen sagen. Ilnd die Sprache, in der sie fühlen, denken und sprechen, sei auch die Sprache, in der sie sich zu ihrem Gott wenden. Warum ihre Köpfchen schon frühzeitig mit einer anderen Sprache belasten? Zu der Sprache der Bibel werden sie von selbst kommen; von selbst wird in den Geweckteren von ihnen das Bedürfnis entstehen, auch den Urtext der alten, schönen Gebete lesen zu können! Und die, in denen er nicht entsteht, sind deshalb keine schlechteren Juden. Als freie, aufrechte Männer wollen wir unsere Söhne herauwachsen lassen. Sie sollen ihren Weg gehen, ohne viel rechts und links zu sehen, den Weg des Gewissens. Und bescheiden sollen sie sein, zurückhaltender. Mancher Fehler 'ist da gemacht worden, das kann man ruhig zugeben! Wir wollen nicht „anders" fein als unsere christlichen Mitbürger; Söhne einer Mutter — Deutschland wollen wir auch eines Wesens sein. Allzuviel hat man wohl in den wohlhabenderen jüdischen Kreisen unsere Jungen vor dem Kriege auf die geistigen Berufe Hingelviesen. Vorzügliche Examina, glänzende Zeugnisse waren der Ehrgeiz vieler Eltern. Gewiß hat das seinen Wert, und der jüdische Akademiker, der diese Zei-len schreibt, würde, wenn er es leugnete, die Berechtigung seiner eigenen Existenz negieren! Aber das Heil hängt nicht vom akademischen Grad ab. Das Heil kann nur kommen, wenn einmal ein großer Teil unserer Söhne andere Berufe einschlägt. Lassen wir sie ein Handwerk erlernen, Landwirte werden. Man kann es doch frei und offen sagen: der größte Teil der jüdisch-deutschen Bevölkerung lebt in den Städten; was wissen da unsere Jungen vom Segen Ein Teil der Feldküche an der Somme. des Landlebens, von der Kraft, die in der heimischen Scholle liegt. Gar nichts wissen sie davon! Auf Badereisen, in Sommerfrischen sahen sie nur eine getünchte Natur! Jetzt erst, tut Kriege, habensie manches davon kennengelernt! Der jüdische Vater soll sich nicht scheuen, seinen Jungen zum Bauern, zum Handwerker in die Lehre geben, soll ihn dort etwas Tüchtiges lernen, soll ihn auch b-en Segen körperlicher Arbeit empfinden lassen. Der wirklich Begabte findet den Weg zur Wissenschaft schon selbst; aber warum alle die Unzähligen, die es gar nicht wollen, durch das Gymnasium hetzen? Wen: wird dadurch genutzt? Weder dem einzelnen Jungen noch dem Staate! Also lassen wir es in Zukunft. Der Begriff der Kameradschaft, der uns im Kriege ein so heiliger geworden ist, soll auch im Frieden bleiben. Am Biwakseuer, auf nächtlichen Ritten, in Not und Gefahr haben wir unsere christlichen Volksgenossen kennengelernt. Das neue Geschlecht, dem hoffentlich ein solcher Krieg erspart bleiben wird, soll ihn im Wald, auf dem Feld, m der Handwerkerstube kennenlernen. Eine Unzahl von jüdischen Söhnen wandte sich dem Kaufmanns» stände zu, und Hervorragendes ist da geleistet worden! Das steht außer Frage. Und doch wird inan es verstehen, wenn ich die Forderung aufstelle: Laßt nicht allzu viele von dem Heranwachsenden Geschlecht diesen Beruf Anschlägen. Gerade weil wir so viel auf diesem Gebiete geleistet haben, wollen wir zeigen, daß wir es auch auf anderem können und wollen. Dann wird vieles besser werden. -- Und wie sollen wir unsere Jugend körperlich erziehen? Es ist auch vor dem Kriege schon viel über die körperliche Ertüchtigung geredet und geschrieben worden. Nun gewinnt das alles noch ein ganz anderes Gesicht. Der Krieg hat gelehrt,daß Entschlußfähigkeit, Willensstärke, Ausdauer und körperliche Kraft unbedingte Erfordernisse für den Soldaten sind. Zweifellos wird in der allgemeinen Erziehung noch mehr als bisher die körperliche in bert Vordergrund geschoben werden. Und wir jüdischen Deutschen sollen es noch ganz besonders tun; manche Sünde vergangener Geschlechter ist da noch gutzumachen; manche im Ghetto verbrachte Stunde rächt sich noch heute. Heraus drum mit unseren Jungen Urs Grüne, zu Sport und Spiel. Stählen sollen sie ihre Kräfte, wo es immer sein mag, daß sie als frische, frohe Deutsche durchs Leben schreiten. Aufrecht jedem ins Angesicht schauen, ganz gleich, ob sie von den anderen als voll angesehen oder nicht; unablässig an sich arbeitend zur Ehre Deutschlands, zur Ehre des Glaubens der Väter! Ich weiß wohl, daß meine hier vorgetragenen Ansichten nicht überall Beifall finden werden; aber sie mögen doch hingenommen werden als die eines Mannes, der von ehrlicher Liebe 311 Deutschland und zum Judentum erfüllt ist. Ich weiß auch, daß ein Appell an die Allgemeinheit wenig nutzt; aber die Allgemeinheit soll diese Fragen, die doch für uns Lebensfragen sind, auf die Tagesordnung aller jüdischen Bestrebungen setzen, soll bleibende Institutionen schassen, aus denen ein neuer Geist, ein neues Geschlecht hervorgeht, soll heute, während des Krieges, schon damit beginnen. Niemals ist es zu spät, weder für dm einzelnen noch für eine Gemeinschaft, zu sagen: Das hättest du anders machen können, wirst es in Zukunft anders machen!

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