Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 536 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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gedachten. Der. schöne und erbauende Vortrag der vorbetenden Kameraden. der machtvolle Gesang des starken Chores und der betenden Gemeinde, der erhebende Anblick von so vielen jungen und alten Kämpfern schuf eine weihevolle Stimmung von wunderbar ergreifender Gewalt. Aus der Bühne hatte ich den Schrein für die Gesetzesrollen und den Tisch des Vorbeters, umgeben von Leuchtern, aufgebaut; hier hatte auch der Chor seinen Platz. Als die erste Andacht am Vorabend des Neujahrsfestes um 7 Uhr abends begann, da erhob sich die ganze große Versammlung, die dicht gedrängt, Kopf an Kopf, das Haus füllte, und jede Seele gab sich hin der bezwingenden Macht dieser Stunde, die 1600 deutsche Soldaten, fern der Heimat, getrennt von Die Stimmung der Kameraden war fröhlich, die Soldaten vergaßen für kurze Zeit die Aufregungen des Kampfes. Naturgemäß konnte nur ein Bruchteil der vielen Krieger sich frei machen, und auch die Beurlaubten waren oft nur auf Stunden anwesend; immer wieder kamen neue Kameraden und mußten nach kurzer Festesfreude scheiden. Alle Landesteile Deutschlands waren vertreten, besonders zahlreich Frankfurt a. M., Hamburg und Berlin, und aus dieser Stadt konnte ich viele Bekannte und frühere Schüler zu meiner Freude begrüßen. Von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, waren alle dankbar und führten sich, wie es dem Soldaten geziemt. Möge die Erinnerung an diese ernsten Tage der Weihe, die wir unserem Glauben und der Fürsorge unseres Kaisers bet1 Nach der Lestandacht an der Somme. V‘<: SW' VVC' '> VHiKRY A W <>.*** f!~1> ö o t; t> Ti s r THBhWh ET ü S! ■um .*iV Sr- X y&ttl Weib und Kindern, von Vater und Mutter, vereinte zur Anbetung Gottes. Unsere Feste entbehrten wahrlich auch in besseren Zeiten nicht der Weihe und Würde, aber so bedeutsam und innerlich befreiend konnten wir sie erst erleben in diesem großen Ringen. Jedes Schristwort, viele Gebete gewannen einen neuen, tiefen und für uns bestimmten Sinn und rüsteten uns aus mit unbeugsamer Entschlossenheit, treu zu bleiben unserem Kaiser und dem deutschen Vaterlande, Blut und Leben weiter willig zu opfern und an Gottes gnadenvvller Führung nicht zu zweifeln. Nach dieser Schilderung bleibt nur übrig zu erwähnen, daß die hier befindlichen russischen Kriegsgefangenen mit den französischen Israeliten beten durften. Diese Erlaubnis wird als Entgegenkommen der Heeresbehörde gewiß allseitig gewürdigt werden. > danken, auch in besseren Zeiten nicht schwinden! Mir bleiben sie stets lebendig, und ich denke an alle Kameraden, an die jungen und zarten, denen man segnend die Hand aufs Haupt legen möchte, an die kraftvollen, stahlharten Männer und an unsere alten Landstürmer, bei deren Anblick mir immer meines Vaters Bild vor die Seele trat. Wie werden wir untere Linder nach dem Kriege erziehen? Bon Dr. Willy Cohn, zurzeit im Feldes, enn du den Frieden willst, rüste den Krieg", so heißt es; aber auch jetzt, mitten im Ringen des Weltkrieges, ist es Gebot, an die Fragen zu denken, die dann auftauchen werden. Unter *) Abdruck aus der Monatsschrift „Liberales Judentum", September/Oktober 1916.