Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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r- 538 in dem Handel und in der Presse des Landeseine so hervorragende Rolle spielen? Diese Verfügungen sind eine krasse Provokation und sie reizen die jüdische Bevölkerung dazu auf, sich von jeder patriotischen Aktion, so auch von der Zeichnung der Kriegsanleihen fernzuhalten. In Rumänien ist auch der militärische Antisemitismus in voller Blüte. Die Juden müssen Militärdienst leisten, sind jedoch von der Beförderung ausgeschlossen, nur weil sie Juden sind, und haben überdies auch noch Verfolgungen und Elend jeder Art zu erdulden." So schreibt jetzt der „Adeverul", ein Blatt, das erst noch vor kurzem so überaus scharf für den Krieg eingetreten war. * Den Schluß der auswärtigen Nachrichten mag die folgende Notiz machen: Einen zweiten General jüdischer A b st a m m u n g hat seit kurzer Zeit das englische Heer aufzuweisen. Der Oberstleutnant Seeligmann ist dem „Zentralblatt für Israeliten" zufolge zum Brigadegeneral befördert worden. Die Ernennung ist, wie das Blatt mitteilt, erfolgt, obgleich die englische Heeresverwaltung wegen einer Beförderung des Trägers eines deutsch klingenden Namens in eine höhere Kommandostelle kürzlich heftige Angriffe erfahren hatte. * Zwei friedliche Nachrichten mögen diese Uebersicht beschließen. Die erste entlehne ich den „Münchener Neuesten Nachrichten". Sie lautet folgendermaßen: Eine Zeitungsnachricht auf Jiddisch. Die in jiddischer Sprache erscheinende Tageszeitung „Letzte Nai's" in Wilna ist für viele Juden im Gebiete des Oberbefehlshabers Ost die einzige Quelle, aus der sie Belehrung über die Ereignisse der Zeit schöpfen können. Dem fremden Leser vermittelt sie zugleich wertvolle Einblicke in das geistige Leben der Wilnaer Juden. Voraussetzung für den Leser bleibt freilich die Kenntnis der hebräischen Schrift, deren sich das Jiddische bedient, obwohl die große Mehrzahl seiner Wörter ans dem Deutschen stammt. Seltsam mutet den deutschen Leser solch eine jiddische Zeitungsnotiz an, wenn sie in deutsche Lautschrift übertragen erscheint. Da liest man z. B. in der Ausgabe der „Letzten Nai's" vom 18. September d. I. folgendes über eine musikalisch-literarische Veranstaltung zum. Besten der Teehalle der Konfektionsarbeiter: In sal von eisenbahn-kreis is sargekummen, schabbes, 16. September, a literarischmusikalischer owent letojwas (zum Nutzen) der^teihalle surim nodelfach. Der owent is in alle Hinsichten ariber sehr gelungen. Der ikor (Hauptsache) hat sich ojsgezaichnet der chor von jiddischen arbeiterknnst-sarein unter der geniter (geübter) onfirung fun H, Slep. Die lider, wos der chor hot gesungen, hoben mammosch (völlig) begeistert dem grojßen oljom (Publikum). Zwischen die nummern seinen einige gewen inganzen naie, was seinen in jiddisch kajnmol nischt ojsgefirt geworen; fun de letzte hot sich besonders ojsgezaichnet das wunderschajne „jegerlid". H. Slep kumt de onerkennung far sajn gut eingeschtudierten chor, was firt sehr gut ojs die klassische gesang-nummern. Ojch die literaten seinen sehr warim ojfgenimmen geworen, fun'ne ojlom, welcher hot follgemacht dem sal, und die forlesungen hoben gehat erfolg. Die zweite von Herrn Oskar Lehmann eingesandte Nachricht ist eine sehr ernste Anregung, die zum Teil aus einen schon oben berührten Gegenstand zurückgreift, zum Teil eine ganz andere Angelegenheit von großer Bedeutsamkeit behandelt. Wir geben die Zuschrift in unverkürzter Form wieder. Sie lautet: „Gegen das Verbreiten judenfeindlicher Witze von seiten der Juden. Die plötzlich im Reichstagsausschuß für den Reichshaushalt ausgetauchte „Judenzählung" hat uns Juden aus einem schönen Traume jäh emporgerissen. Indem unsere Brüder und Söhne nun schon im dritten Kriegsjahre in den Schützengräben liegen, eine schier unendliche Reihe von ihnen ihre Liebe zum Vaterlande bereits mit dem Leben bezahlt hat, indem wir in den Anstalten für Kriegssürsorge uneigennützigste Arbeit leisten und diejenigen Israeliten, die mit ihrem Blute dem Vaterlande nicht dienen können, mit ihrer ganzen Persönlichkeit und mit gewaltigen Kapitalien dem Staate ihre Dienste weihen voll Begeisterung und Liebe, da wirkt ein solcher Antrag wie ein kalter Wasserstrahl, und wohl das Traurigste an diesem antisemitischen Scheinwerfer ist, daß er weit in die Friedenszeit hineinleuchtet und mancher weiterdenkende Jude sich sagt: wenn derartige Erscheinungen auch jetzt noch künstlich vielleicht hintangehalten werden — in der freikonservativen „Post" sucht man schon wieder zurückzupfeifen —, wie wird es nach Friedensschluß werden, wenn kein Burgfrieden die Gemüter mehr hemmt — soll dann all unser Liebeswerben vergeblich gewesen sein? Indessen —wir dürfen uns auf keinen Fall verbittern lassen, wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, daß mit der Neuorientierung und dem Siege des echten Liberalismus auch die letzten Ausläufer des Antisemitismus in Deutschland sich in der Ebene der allgemeinen Gleichberechtigung verlieren werden. Was wir aber tun müssen, und zwar sofort, das ist, daß wir uns selbst prüfen, ob wir nicht, wenn auch nicht durch Lieferung von Drückebergern, so doch auf andere Weise ein klein wenig an dem Emportauchen jener unterirdischen Gewalten schuld tragen, und da finden wir denn einen Fehler, dem wir nicht energisch genug zu Leibe rücken können. Wir haben es schon in der Überschrift gesagt, was wir meinen. In engsten jüdischen Kreisen taucht ein solcher Witz auf, dessen Held zumeist ein jüdischer Drückeberger ist; bald geht er über diesen Kreis hinaus und antisemitisch geneigte Nichtjuden kolportieren ihn weiter. So kommt es, daß eine Unmenge derartiger, meist recht abgeschmackter Witze in Deutschland kursiert, die nicht wenig dazu beigetragen haben, jene Stimmung aufkommen zu lassen, die uns nun den famosen Antrag gebracht hat. Zu Beginn der antisemitischen Strömung in Deutschland konnten die ersten antisemitischen Blätter nur dadurch bestehen, daß sie von Juden gekauft wurden. Verfallen wir nicht wieder in den alten Fehler ..." Dem zum Schluffe ausgedrückten Wunsche unseres Korrespondenten schließen wir uns vollständig an. Es wird wirklich von unserer Seite in dieser Beziehung viel gesündigt. Es wäre wohl an der Zeit, derartige Scherze nicht zu verbreiten. Nicht etwa, weil die Zeit zu grausig ist, denn gerade wegen dieser Zeitverhältnisse könnten wir veranlaßt sein, uns an Humor zu erfreuen, sondern deshalb, weil wir durch die Verbreitung guter und noch mehr schlechter jüdischer Witze vermeintliche Schäden unserer Gemeinschaft enthüllen und durch solches Verfahren der Sache schaden, der wir zu dienen glauben. Geh. Hrgierungsrat Julius Meck. ulius Pieck, der am 1. November seinen 70. Geburtstag \ gefeiert hat, ist seit dem Jahre 1910 als Aeltestenstellvertreter der Jüdischen Gemeinde in Berlin tätig. Ueber seinen Lebensgang gebe ich, teils nach den von dem Verfasser 1907 veröffentlichten Erinnerungen, teils nach Mitteilungen, die mir zugegangen sind, folgende Notizen: Julius Pieck ist in Aschersleben am 1. November 1846 geboren. Mit seinen Eltern — der Vater war Tuchhändler — kam. er in zartestem Alter nach Berlin und hat den größten Teil seines Lebens in der preußischen Residenz verbracht. Er besuchte zuerst eine Vorschule in der Dorotheenstadt, dann das Französische Gymnasium und bezog, nachdem er das Gymnasium absolviert hatte, die Universität Heidelberg, um Jurisprudenz zu studieren. Dort führte er im Verein niit christlichen und jüdischen Kameraden, die meistens zu hohen Stellungen ausstiegen, ein trauliches Studentenleben, nahm 1866 seine Studien in Berlin auf und machte 1868 sein juristisches Doktorexamen, in den folgenden Jahren die übrigen juristischen Prüfungen. Er war zuerst als Auskultator in Berlin und Charlottenburg beschäftigt, während des Feldzuges