Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229278--72652-3285107- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Blutstropfen opfert. Dort drüben gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Christen, zwischen Freimaurern und Gläubigen, da gibt es nur ein französisches Volk und einen französischen Willen. Unser Ansehen im Auslande würde herabgesetzt werden, wenn nicht Wandel eintritt. Wir glauben nicht, daß uns eine bessere Zukunst geschenkt wird. So stark ist kein Kaiser und kein Kanzler. Den Höhepunkt aber erlangte 'die Debatte durch eine Rede des fortschrittlichen Abgeordneten Ludwig Haas, den wir mit Stolz und Freude als den Unserigen betrachten, wie er sich mit kühnem Milte zu uns bekannte. Wir geben den Wortlaut seiner Rede, soweit sie die Zeitungen wiedergeben. Abg. Dr. H a a s - Karlsruhe (Fortschr. Vp.): Es ist nicht richtig, was der Abg. Cohn gesagt hat, daß unser Heer ein Klassenheer sei, daß draußen eine entrechtete Masse von Knechten stehe, beherrscht von stolzen Herren. Wenn es so wäre, dann hätte nicht erreicht werden können, was erreicht worden ist. Was in diesen Tagen an der Somme geleistet wurde, kann nicht geleistet werden von einer entrechteten Masse, sondern nur von einem Volksheer, nur von aufrechten deutschen Soldaten. Es gibt bedauerliche Ausnahmen, die energisch bekämpft werden müssen, aber im allgemeinen stehen die Dinge gut. Tie Art, in der der Abg. Cohn die Dinge dargelegt hat, ist keine demokratische Art. Gerade als Demokrat sage ich: dies alles konnte nur erreicht werden, weil keine Knechte, sondern freie Männer draußen im Kampfe stehen, gestärkt durch ihre Ueberzeugung. Keine N e g l e rn e n t i e r u n g der religiösen Ueber- Zeugung. Nun zur Zählung jüdischer Soldaten und jüdischer Angestellter bei den Kriegsgesellschasten. Ich spreche hierüber, weil ich Jude bin und der Eindruck nicht entstehen darf, als ob Juden absichtlich in dieser Frage geschwiegen hätten. Ich habe mich immer offen und freudig zum Judentum bekannt. (Beifall links.) In den weitesten Kreisen der deutschen Juden und weit darüber hinaus hat die angeordnete Zählung lebhaftes Befremden erregt. (Sehr richtig! links.) In eine Zeit, in der die Einheitlichkeit und Geschlossenheit aller Bolkskräfte dringend notwendig ist, paßt ein solcher Erlaß nicht hinein. (Zustimmung links.) Das Kriegsministerium hat nicht nur alle antisemitischen Tendenzen bestritten, sondern erklärt, mit dem Ergebnis der Zählung unberechtigte Vorwürfe bekämpfen Z" wollen. Ich nehme diese loyale Erklärung des Kriegsministers loyal an. Aber ungeschickt bleibt die Verfügung. Tie Verfügung ist auch geeignet, die Autorität jüdischer Vorgesetzten zu untergraben. Mir wäre es als Kompagniesührer sicher nicht angenehm gewesen, wenn dieser Erlaß in die Hände meines Kompagnieschreibers gekommen wäre. Wir haben eine Fülle von Briefen in dieser Angelegenheit erhalten. Durch alle Briese geht das Gefühl hindurch: Nun sind wir gezeichnet, nun sind wir, nachdem wir seit Kriegsbeginn draußen stehen, Soldaten zweiter Klasse geworden. Einer, der seit Kriegsbeginn draußen steht, das Eiserne Kreuz erworben hat, bereits dreimal verwundet, jetzt in einem Bureau Schreiberdienste tut, schreibt: „Ich bin gezeichnet. Ich habe meine Pflicht vor dem Feinde getan, und ich werde nach diesem Erlaß nicht gezählt als der Mann, der monatelang draußen war und verwundet wurde, sondern als Bureauschreiber." (Hört, hört! links.) Und dann hätten die Herren, die diesen Erlaß herausgegeben haben, daran denken müssen, daß es auch jüdische Eltern gibt, die ihre Söhne beklagen. Gibt es in Flandern, Frankreich und Polen nicht auch Gräber jüdischer Soldaten? Wie müssen es Vater und Mutter, Gattin und Braut, die das Beste dahingegeben haben, empfinden, wenn jetzt nachträglich in einem solchen Erlaß festgestellt werden soll, ob die Juden ihre Schuldigkeit getan haben oder nicht. Und schließlich bleibt doch nach dem Kriege für uns alle noch unendlich viel gemeinsame Arbeit übrig. Wir können es uns deshalb nicht erlauben, mit aller Gewalt auseinandergerissen und gegenseitig aufgehetzt zu werden. Wie muß das im neutralen Ausland wirken? Wir hoffen doch, daß die Zeit nach dem Kriege uns ein Stück Weltpolitik ermöglichen soll. Weltpolitik aber ist nicht möglich ohne Toleranz. Zu den Vorwürfen, die immer und immer wieder gegen uns erhoben werden, gehört der, daß echte Toleranz im deutschen Volke keine rechte Stätte finden könne. Gewiß, der Vorwurf ist ungerechtfertigt. Aber es geschieht viel zu viel, was dieser Auffassung eine gewisse Berechtigung verleiht. Die Zählung dei>Rekla in ierten. Die Statistik wird schon richtig ausfallen, wenn man nur richtig zählt. Es handelt sich um die Feststellung, wie viele Juden bei der kämpfenden Truppe, in der Etappe und im Heimatsdienst tätig sind. Aber der Versuch, die Juden nur bei den Kriegsgesellschaften zu zählen, war von vornherein zu einem falschen Ergebnis verurteilt. Wenn man die Kriegsgesellschaften zählt, dann muß man auch die Zahl der Reklamierten bei der Schwerindustrie, bei der Bahn und der Post (Zuruf links: Und bei der Landwirtschaft!) und in den anderen Industrien zählen, und man muß dann die Gesamtziffern in Vergleich setzen. Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, daß ein Mann, der nützliche Arbeit in der Heimat verrichtet, reklamiert wird, damit er seine Fähigkeiten besser und nützlicher dem Vaterlande zur Verfügung stellen kann. Aber es müssen dann alle gezählt werden, nicht nur ein Teil. Vor allem müßte die Zahl der Kriegsfreiwilligen gezählt werden, nicht erst die Zahl der Freiwilligen, die sich nach sechs Monaten Krieg gemeldet haben, denn darunter befinden sich viele Infanterie- Drückeberger, sondern die Zahl aus den ersten Kriegswochen. Die deutschen Juden werden dabei nicht schlecht abschneiden. Ich sage von dieser Stelle aus den deutschen Juden, sie sollen sich wegen dieses Vorkommnisses in keine zu verzweifelte Stimmung drängen lassen; sie müssen sich darüber klar sein, daß uralte Vorurteile auch durch diesen Krieg nicht verschwinden und daß noch mancher Kampf gegen den Antisemitismus notwendig sein wird. Die deutschen Juden haben ihre Pflicht getan, nicht um äußerer Vorteile willen. Die Gleichberechtigung, die restlos durchgeführt werden muß, ist kein Dank für ein Wohlverhalten, sondern ein wohlbegründetes Recht der Juden. Aber im Interesse des ganzen deutschen Volkes wünsche ich, daß jetzt während des Krieges im Hinblick auf unsere gemeinsame Arbeit alles unterbleibt, was dieses Volk auseinanderreißen kann. Im Hinblick auf die Toten, die wir gemeinsam haben, muß jetzt wenigstens eine gegenseitige Hetze unterbleiben. Es würde ein werwolles Ergebnis des heutigen Tages sein, wenn wir heimkehren würden mit dem Willen: Nur jetzt keine Hetze, kein gegenseitiger Kampf, sondern Einheit und Geschlossenheit im Interesse des Vaterlandes." Die Zeitungen melden übereinstimmend, daß der Eindruck dieser Rede, die von dem deutschen Hauptmann jüdischen Glaubens in Uniform vorgetragen wurde, ein gewaltiger war. * Es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn in demselben Augenblicke, in dem die Gleichberechtigung der Juden in Preußen in einem Falle bedroht zu sein scheint, in Rußland ein Schritt nach vorwärts geschähe. Darauf -deutet eine Nachricht der „Neuen Züricher Zeitung" hin, die folgendermaßen lautet: Aus Petersburg wird telegraphiert: Die Konferenz der politischen nationalistischen Organisation hat mit Rücksicht auf den allgemeinen Kongreß der konservativen Parteien in Moskau beschlossen, das Programm der sogenannten patriotisch enAllianz zu dem ihren zu machen. Die Konferenz anerkennt die Gleichberechtigung der polnischenJuden. Dagegen bleibt Rumänien, wenigstens die Regierung, ihrem alten Grundsätze der Judenknechtung treu, findet aber, wie wir gern anerkennen wollen, keine unbedingte Gefolgschaft in der rumänischen Presse. Eine solche Differenz wird hervorgehoben in nachstehendem Artikel des „NeuenPesterJournals": Aus Zürich wird telegraphiert: Das rumänische Blatt „A d e - v e r u l" legt Protest ein gegen die vom Minister des Innern Mortzun und dem Kriegsminister Vintila Bratianu gemeinsam erlassene Verordnung, wonach aus den Grenzgebieten Dorohoi, Botuschani, Neamtzu, Prahova und Buzeu alle Juden entfernt und in das Innere Rumäniens geführt wurden. Der „Adeverul" fragt, warum aus diesen Bezirken nur die jüdischen Einwohner entfernt werden? Die rumänischen Behörden zeigen wieder einmal, daß sie einem großen Teile ihrer Mitbürger gegenüber absolut kein Vertrauen haben. Diese Verfügungen der Regierung erblicken in den Juden wieder nur Spione. „Ist dies keine Schmach für Rumänien?" fragt das Blatt. „Werden diese Verfügungen nicht wieder die Entrüstung der besseren jüdischen gesellschaftlichen Kreise wachrufen, jener Kreise, die in der Industrie,