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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-10 · Heft 45 (10.11.1916) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 45 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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581 in ihrem Glauben kein Hindernis erblicken, vollberechtigte Bürger eines neuen Staates zu werden. * Von einer Angelegenheit, die uns in der letzten Zeit mehrfach beschäftigt hat, der K o n f es s i o n s stati st i k, ist es nun stiller geworden; es scheint wirklich durchgesetzt zu sein, da sich der Reichstag am 4. November vertagt hat, daß die Sache im Plenum nicht zur Beratung kommt, wenn nicht etwa bei einem neuen Zusammentritt des Reichstags die alten Bemühungen wieder ausgenommen werden. Dagegen ist eine andere in früheren Monaten und Jahren viel besprochene Angelegenheit, nämlich die Zurücksetzung der Juden im Heere, wieder aufgetaucht. Den Anlaß zu der Besprechung dieser Sache im Reichstage boten die Tatsache, daß die Söhne eines ehemals christlichen Professors, der mit seinen Kindern konfessionslos geworden war, von jeder Beförderung ausgeschlossen wurden, und der Bescheid des Kriegsministers, der bei der Gelegenheit erlassen wurde, in dem es heißt: „Eine AllerhöchsteKabinettsorder, die die Beförderung der Dissidenten zum Offizier verbietet, existiert nicht . . . aber die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft wird verlangt. Die Dissidenten, sofern sie konfessionslos sind, werden ausgeschlossen." Diese Angelegenheit wurde von dem sozialistischen Abgeordneten Stücklen in der Reichstagssitzung vom 2. November zur Sprache gebracht. Nach der Besprechung des oben angegebenen Falles sagte der Abgeordnete: Als der Reichstag einmal eine Statistik über jüdische Offiziere forderte, antwortete der damalige Kriegsminister mit Bewegungen wie der Bär auf einer heißen Platte. (Heiterkeit.) Den Grundsatz, daß nur C h r i st e n gute Soldaten sind, können wir nicht aufrechterhalten, nachdem wir Schulter an Schultrr mit den Türken kämpfen. In Bayern gibt es solche Bestimmungen nicht. Das sind preußische Errungenschaften. Nach dem Kriege werden wir wieder den alten Klassen- und Kastengeist haben. Ein jüdischer Arzt wurde von der Offizierstafel des feudalen Rathenower Husarenregiments unter nichtigsten Vorwänden ferngehalten. Unmittelbar darauf wurde die Sitzung vertagt, so daß eine weitere Debatte unmöglich war. Am folgenden Tage jedoch, in der Verhandlung vom 3. November, kam die Angelegenheit weiter zur Sprache; zunächst erklärte der Oberst v. Wrisberg: Das Kriegsministerium hat schon vor längerer Zeit die Verfügung erlassen, die Zahl der in den Kriegsgesellschaften beschäftigten Juden festzustellen. Diese Verfügung hat nur den Zweck, statistisches Material zu sammeln, um unberechtigten Vorwürfen die Spitze abzubrechen. Eine antisemitische Absicht liegt selbstverständlich nicht vor. Diese Verfügung ist ergangen, lange ehe die Verhandlungen im Reichstagsausschuß stattfandon. Sodann ist auf einen Artikel des „Berliner Tageblattes" hinzuweisen, der mit dem eben Angeführten in nahem Zusammenhänge steht. Er lautet: Zur I u d e n st a t i st i k in der Armee. Die Erörterung über die Zwecke und Wirkungen der „Judenstatistik" in der Armee, die einen Teil der Neichstagssitzung vom letzten Freitag ausfüllte, hat eine Reihe von Tatsachen ergeben, die sich erst aus den ausführlichen Berichten nachträglich erkennen lassen. So sprach der Abgeordnete Dr. Q u a r ck (Frankfurt a. M.) nicht nur über die Weigerung Bayerns, die Tendenzerhebung mitzumachen, sondern er konnte auch Mitteilungen über die Ausführung der Maßregel in seiner Heimat machen. Er führte aus: „Im 18. Armeekorps beginnt die Judenstatistik mit den Worten: „Um den ungerechtfertigten Vorwürfen in der Bevölkerung wegen Bevorzugung der Juden entgegentreten zu können." Das ist ganz etwas anderes, als was das Kriegsministerium uns als den Zweck der Erhebung bezeichnet hat. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Im Bereich des 18. Armeekorps haben weiter die unteren Stellen die Juden, die sie bisher beschäftigt haben, für die Zeit der Statistik periodisch a b g e l ö st. Statistisch würden also weniger Juden als im Bureaudrenst tätig erscheinen, als tatsächlich beschäftigt waren. (Hört, hört!) Die unteren Militärbehörden kommen eben durch die Erhebung offenbar in Konflikt zwischen ihren statistischen und praktischen Pflichten. Sie wissen einerseits, daß die geschäftliche Begabung der Juden ihre Verwendung im Bureau vielfach empfiehlt, anderseits haben sie natürlich den Wunsch, nicht etwa die Juden als bevorzugte Drückeberger erscheinen zu lassen. Die konfessionelleStatistik bringt also weder richtige Zahlen noch trifft sie die wirklichen Drückeberger jeder Konfession. (Sehr wahr!) Diesen müßte man mit ganz anderen Maßnahmen energisch zu Leibe gehen; dabei würde die Regierung der Unterstützung des ganzen Reichstags sicher sein." (Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Es wäre sehr nützlich, wenn weitere Mitteilungen über die Ausführung der Statistik auch aus anderen Korpsbezirken gemacht werden könnten. Das Kriegsministerium selbst würde gewiß nicht sehr erfreut sein, wenn es sähe, wohin solche „Enqueten" in der Praxis führen. Damit aber war die Angelegenheit in keiner Weise zu Ende, vielmehr wurde die Sache ausgenommen in einer großen Rede des sozialistischen Abgeordneten Heine. Nachdem er sich dagegen verwahrt hatte, daß die Dissidenten als Soldaten 2. Klasse zu betrachten seien, führte er folgendes aus: Aehnlich liegt es mit der Beförderung der Juden. Fortgesetzt versichert das Kriegsministerium, daß es nichts gegen jüdische Offiziere habe und daß es antisemitische Tendenzen weit von sich weise. Es sängt die Sache aber so ungeschickt wie möglich an. Dazu gehört auch die Judenstatistik in den Kriegsgesellschaften. Es ist nun einmal nicht zu leugnen, daß die jüdische Bevölkerung körperlich der nichtjüdischen Bevölkerung nicht gewachsen ist. Ein Jahrtausend Ghetto geht an einem Volk nicht spurlos vorüber. Wenn ein Volk Jahrhunderte hindurch von jeder körperlichen Arbeit ausgeschlossen wird, dann ist es kein Wunder, daß es körperlich pommerschen Grenadieren und oberbaherischen Bauern nachsteht. Wenn man eine Zählung der Juden in einer Weise vornimmt, die auf ungebildete, antisemitisch infizierte Vorgesetzte ganz besonders aufreizend wirken muß, dann macht man jüdische Vorgesetzte allerdings ganz unmöglich. (Sehr richtig.) Der Antisemitismus im Heere. Trotzdem die Juden von dieser Stelle als ein Fremdkörper bezeichnet worden sind, haben sie im Kriege ihre volle Schuldigkeit getan. Man sollte sie daher ihr Judentum nicht in einer so unnoblen Weise fühlen lassen. (Sehr richtig! links.) Leider macht sich der erbärmliche Antisemitismus im Heere mit der längeren Dauer des Krieges immer mehr breit, denn erbärmlich ist es, jetzt, wo wir die Zusammenfassung aller Volkskräste brauchen, andere wegen ihres Bekenntnisses zu mißachten oder zu beschimpfen. (Lebhafte Zustimmung links.) Es ist das ein trauriger Beweis für eine verkehrte Erziehung im Volk und im Heer. Im Heer wird nicht jedem Tüchtigen freie Bahn geschaffen, da wird nach der Konfession gefragt. Gerade die Kreise, die so viel Wert auf die Religion legen, begrüßen es freudig, wenn ein Jude auf einmal seine Religion beiseite wirft. Dann auf einmal ist er zum Offizier geeignet. Ist das das Ehrgefühl unserer Offiziere, ist das der sittliche Ernst, aus den sich das deutsche Volk so viel zugute hält? (Sehr gut! links.) Viele Juden sind für das Vaterland gefallen; sie hofften, an dem neuen Deutschland mitbauen zu können, damit Recht und Wahrheit, Kraft und Schönheit darin walten sollten. Sorgen wir dafür, daß die Ueberlebenden nicht schließlich die Toten beneiden müssen, die im Dienste des Vaterlandes ein rasches Ende gefunden haben, während wir einen hoffnungslosen Kampf mit Kleinlichkeit und Falschheit führen müssen. (Beifall links.) Blicken Sie nach Frankreich! Ich verneige mich vor diesem großen Volk, das für seine vermeintlichen Ideale seinen letzten

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