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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-11-10 · Heft 45 (10.11.1916) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 45 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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530 denen z. B. der Tod von Heinrich Harburger in München und ein Interview mit Georg Brandes erwähnt wird, über die Beziehungen der Juden und Polen. Blättert man in dem ganzen überaus stattlichen Hefte, das eher die Bezeichnung eines umfangreichen Bandes verdient, fo fühlt man sich in den tiefsten Frieden versetzt. Denn wenn auch naturgemäß einige Anspielungen auf den Krieg Vorkommen, so sind wirkliche Kriegsartikel durchaus nicht vorhanden. Wir senden der aufstrebenden Kollegin, die nach 25jährigem Bestände sich jugendlich und frisch erhalten, unsere besten Glückwünsche über das Meer, die sie freilich spät genug erreichen werden, da der Band selbst mehrere Monate nach seinem Erscheinen in unsere Hände gelangt ist, da ferner der Feiertage wegen Platz zu einem Leitartikel sich Wochen hindurch nicht erübrigen ließ, und da außerdem der schlechten Postverbindung wegen wahrscheinlich Monate verstreichen, ehe diese Nummer nach Amerika kommt. Wir wünschen ihr, daß sie auf ihrem Wege, eine Vertreterin des entschiedenen Liberalismus zu sein, unter der bewährten Leitung ihres umsichtigen Herausgebers beharre. Wir wünschen von Herzen, daß bald wieder ruhige Zeiten kommen, die uns gestatten, regelmäßig in den Besitz des trefflichen Blattes zu gelangen und die die rührigen Wechselbeziehungen erleichtern können, ja erst ermöglichen, die so lange zwischen dieser energischen Verteidigerin freisinniger Anschauungen und dem deutschjüdischen Liberalismus existierten. Der amerikanische Liberalismus ist durch Deutsche hervorgerufen; die ersten Vertreter dieser Richtung waren Deutsche; der amerikanische Liberalismus ist sich dieses Ursprungs und Einflusses bewußt geblieben. Aber jetzt ist er dermaßen erstarkt, und da er durch den Staat in keiner Weise beschränkt ist, zu einer solchen Macht und Blüte gelangt, daß wir in Selbstbewußtsein, Entschiedenheit und zielbewußtes Streben gar manches von ihm lernen können. Wir sind nicht von dem Ehrgeiz erfüllt, unsere Art des Verfahrens anderen zum beständigen Vorbild vorzuhalten, wir lernen gern auch von Auswärtigen. Aber am liebsten wandern wir, jeder in seiner Art, Hand in Hand mit diesen unerschrockenen Bundesgenossen, zu dem gemeinsamen Ziele: der Stärkung der freisinnigen Ideen und der Förderung der Ehre des Judentums. L. G. Sie Woche. Berlin, den 7. November 1916. ir beginnen diese Uebersicht mit einer Trauerkunde: Julius S t e t t e n h e i m ist am 31. Oktober, kurz vor Vollendung seines 85. Lebensjahres, gestorben. Von einem Mann, der sein Alter so hoch gebracht hat, von einem Manne, der sein Leben lang dem Humor gedient hat, soll man nicht mit feierlicher Trauer reden, und doch beschleicht uns ein wehmütiges Gefühl, daß dieser Lebenskünstler dahingegangen ist. Er war kein Unsterblicher, aber ein hochbegabter Mensch, der durch seine ungewöhnliche Schlagfertigkeit, seinen reichen Witz, seine menschliche Güte und seine Treue allen wert war, die ihn kannten. Einzelne humoristische Figuren, die er geschaffen, unter anderem der köstliche „Wippchen", und endlich viele einzelne allgemein verbreitete Witzworte werden ihn lange überdauern. Das Andenken an den guten trefflichen Menschen wird all die Tausenden erlaben, die sich während seines Lebens an seinen reichen Geistesgaben und Gemütseigenschaften erfreuen konnten. Der Tod eines einzelnen wiegt freilich in unserer Zeit, die so viele Tausende, ja Millionen dahingehen sieht, nicht schwer. Noch immer stehen wir in der Zeit des furchtbaren Sterbens, und es ist gar nicht abzusehen> wann sie endet. Die Kriegsoperationen gehen auf allen Seiten fort. Wiederum ist ein neuer schwerer Angriff seitens der Italiener begonnen, der den Angreifenden zwar schwere Verluste bereitet, doch auch einzelne Fortschritte verschafft hat. Auch auf allen anderen Fronten wird hartnäckig gekämpft, ohne daß von irgendeiner Seite besonders Wichtiges zu melden ist. Nur ist zu konstatieren, daß sowohl Engländer als Franzosen eingestehen, daß die von ihnen davongetragenen kleinen Erfolge den hochgespannten Erwartungen in keiner Weise entsprechen und daß das Resultat der Frühjahrs-, Sommer- und Herbstoffensive nicht im geringsten Verhältnis zu den gebrachten Opfern steht. Auch die R u m ä n e n sind, da sie nun den Krieg mit allen seinen Schrecknissen im eigenen Lande durchmachen müssen, höchst kleinlaut geworden, und die ihnen verbündeten Mächte, die sich von ihrem Eingreifen Wunderdinge versprachen, erkennen und bekennen zu ihrem Schrecken, daß die Ereignisse einen ganz anderen Lauf genommen haben, als sie wähnten. Wenn wirklich, wie von kenntnisreicher Seite offen ausgesprochen worden ist, die Entscheidung dieses furchtbaren Krieges im Osten erfolgt, so steht unsere Sache außerordentlich gut und die der Gegner recht schlecht. Die Unterseeboottätigkeit ist gerade während des verflossenen Zeitraums eine für uns höchst erfolgreiche gewesen. Die Zahl der versenkten Schisse steigt ins Ungeheure, und es kann uns zunächst ziemlich ruhig lassen, daß die Gegner, über ihre Verluste bestürzt und entmutigt, bei der letzten Abrechnung Schadenersatz zu fordern geneigt scheinen. Als höchst erquickliche Nachricht haben wir zu buchen, daß das Unterseehandelsboot „Deutschland" seine zweite Fahrt nach Amerika glücklich beendet hat und daß infolge seiner Ankunft der Plan erwogen wird, auf diese Weise die briefliche Verbindung zwischen Amerika und Deutschland herzustellen. Auch für unser Blatt wäre dies von großem Vorteil, da wir seit Monaten nur auf ganz gelegentliche Berichte angewiesen waren, die zufällig der englischen Zensur entgingen oder von dieser nach langer Zurückhaltung freigegeben wurden. * Das hochbedeutsame politische Ereignis der Woche ist die von dem Deutschen Kaiser unddemKaiser von Oesterreich- Ungarn erlassene Erklärung der Begründung eines KönigreichesPolen und die von dem letzteren verfügte Selbstverwaltung Galiziens. Es ist nicht unseres Amtes, auf die weittragenden Folgen dieses Entschlusses im allgemeinen hinzuweisen. Wir haben nur die Pflicht, darauf den Blick zu lenken, daß damit für die vielen Tausenden unserer Glaubensbrüder eine neue Aera beginnt. Die seit länger als einem Jahrhundert Geknechteten sollen von der tyrannischen Bedrückung befreit werden; die seit so langer Zeit Entrechteten sollen Rechte genießen, die sie bisher nicht kannten, und Pflichten freiwillig üben, zu deren Uebernahme sie bisher nur durch Zwang getrieben waren. Ein ungeheures Menschenmaterial, in dem eine bisher nie berücksichtigte, wertvolle Menge von Energie, Kraft und Begabung steckt, soll zu gleichberechtigten, mittätigen, freien Bürgern gewonnen werden. Es ist ein rosiger Schimmer von Hoffnung, der in dieser trüben Zeit aufstrahlt. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß die Juden Polens, die bisher nur gezwungen waren, zu zahlen und zu leiden, nun, da ihnen die Erlösungsstunde schlägt, sich würdig zeigen werden des großen Gnadengeschenks, das ihnen zuteil wird. Sie werden, das sind wir sicher, Mitarbeiten an der Ausgestaltung geordneter Zustände, Mitwirken zum Heile ihres Vaterlandes. Sie werden wackre Söhne eines Staates werden, den sie mitbegründen Helsen, nicht abseits stehen, keine Sonderinteressen pflegen; sie werden versuchen, in Tracht und Sprache wie in Gesinnung und in vaterländischem Empfinden ihren Volksgenossen sich zu nähern, und

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