Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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heilige Sache des Vaterlandes in ihnen lebt. Leider verlangte auch hier der Tod seine Opfer, und gar mancher unter den Pfleglingen der Lazarette mußte auf dem hiesigen Ehrenfriedhofe seine letzte Ruhestätte finden. Für die Unterhaltung der Genesenden ist durch geeignete Lektüre gesorgt. Auch erbauliche jüdische Schriften finden hier ein sehr dankbares und empfängliches Publikum. Soweit es der Gesundheitszustand gestattete, nahmen die Krieger am Gottesdienst in der Synagoge teil. Besonders verdient um die religiöse Hebung unserer Feldgrauen hat sich unser Rabbiner und Militärgeistliche Herr Dr. Jaulus gemacht. Von ihm stammt auch der Bericht über die jüdische Seelsorge in dem soeben erschienenen schön ausgestatteten Buche „Die Vereine vom Roten Kreuz Aachen-Stadt im Welkriege 1914/15." 11. Frankfurt a. M., 27. Oktober. Professor Kinkel (Gießen) hielt hier einen Vortrag über die treiben-de Idee in der Politik. Die Anhänger der konservativen Weltanschauung, so führte Redner aus, die den Antisemitismus predigen und die von Gott gewollte Ordnung des konservativen Staatsideals als eine urdeutsche Geistesrichtung ansehen, setzen sich mit Leichtigkeit darüber Hinweg, daß ihre Propheten, der Jude Stahl, der Historiker mit dem undeutschen Namen, der Philosoph Gobineau, und andere Theoretiker ihrer Geistesrichtung hinsichtlich ihrer Abstamniung alle nicht den urdeutschen Anforderungen entsprechen, die sie sonst zu stellen pflegen. Im Gegensatz zu dieser Auffassung, daß die Aufgabe des Staates nur in der Machtentfaltung und im Kriegführen bestehe, steht die höhere Auffassung der Bibel, daß die staatliche Machtentsaltung nicht lediglich Selbstzweck sein darf, sondern erst ihre volle Bedeutung gewinnt, wenn sie in den Dienst sittlicher Ideen tritt. Aus Interesse an der Menschheit muß man für jeden Staatsbürger gleiche politische Rechte im Staat und in der Gemeinde fordern, denn der Klassenstaat zerreißt den Menschen innerlich. Dieselben Grundsätze wie für die innere müssen aber sinngemäß auch für die äußere Politik zur Anwendung kommen, für die Gemeinschaft der Staaten, als grundlegende Bedingungen für das sittliche Wachstum der gesamten Menschheit: Grundsätze, wie sie die jüdischen Propheten schon vor Jahrtausenden in nicht nachzuahmender Sprache vorgetragen haben. n. Mainz, 27. Oktober. Hier starb während der Halbfeiertage der Geschäftsführer der Firma Herz Cahn, Herr Alfred Sommer, ein äußerst frommer und wohltätiger Herr. Als zweiter Vorsitzender der Chewra Kaddischa hatte er besondere Gelegenheit, Werken der Liebe nachzugehen, und er tat dies mit einem vorbildlichen Eifer. Der Verlust für unsere Gemeinde ist ein sehr schwerer. Grstrrrrich-Angarn. z. Wien- 27. Oktober. In Anbetracht des Erfolges, den der vom Galizischen Hilfsverein in den Monaten Juni und Juli d. I. veranstaltete Kurs über Geflügelhaltung erzielt hat, und dem vielfach geäußerten Wunsche — sowohl von Teilnehmern an diesem Kurse als auch von Nichtteilnehmern — entsprechend, errichtet der Hilfsverein neuerlich einen Kurs, an dem der Konsulent für Geflügelzucht im k. k. Ackerbauministerium Herr Georg Wieninger mit Zustimmung dieses Ministeriums sechs Vorträge über Nutzgeslügelzucht und -Haltung abhalten wird. Es soll dadurch den in Wien weilenden Flüchtlingen Anleitung geboten werden, nach Rückkehr in ihre Heimat durch die Produktion von Eiern eine Einnahmequelle zu finden, ohne in der Betätigung ihres sonstigen Erwerbes behindert zu werden. Die Vorträge finden am 7., 9., 14., 16., 21. und 23. November d. I., jedesmal von 4 bis 6 Uhr nachmittags, im Josesine Mendelschen Wohlfahrtshause (Tvy.nbeehalle), XX. Bezirk, Denisgasse 33, statt. Der Kurs ist unentgeltlich. — Am 14. d. M. beging Herr Alexander Haslinger das schöne Fest der goldenen Hochzeit. Im Tempel, zur Thora gerufen, hielt Rabbiner Dr. Grunwald an den Jubilar eine zündende Ansprache, in welcher er dessen immerwährende Rechtschaffenheit hervorhob und daß er seine Kinder zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen habe, insbesondere seinen Sohn, Herrn Bezirksrat Josef Haslinger, der in dieser großen Zeit so eminent viel für die Allgemeinheit und ganz Hervorragendes für die galizischen Flüchtlinge geleistet hat. Nach dem Gottesdienste fand die Feier im Zeremoniensaale ihre Fortsetzung. Hier wurde der Jubilar vom Präsidenten der Israelitischen Kuttusgemeinde Herrn Dr. Alfred Ltern in seinenr Namen und im Namen der Kuttusgemeinde auf das herzlichste beglückwünscht und sodann wurde ihm eine prachtvoll ausgestattete Adresse überreicht. Herr Gemeinderat Rudolf Schwarz-Hiller beglückwünschte den Jubilar in Vertretung Sr/ Exzellenz des Bürgermeisters Dr. Richard Weiskirchner für die Gemeinde Wien. Unter den Festgäften bemerkte man viele bekannte Persönlichkeiten. — Bei der am 8. d. M. stattgefundenen Wähl eines Kultusvorstehers der Israelitischen Kultusgemeinde Karlsbad wurde einstimmig der bisherige Stellvertreter des verstorbenen Vorstehers Ludwig Moser, Herr Adolf R o s e n f e l d, zum Kultusvorsteher und Herr Josef Hainsfurth zum Vorsteherstellvertreter gewählt. Die beiden Herren gehören dem Vorstande der Kultusgemeinde seit 42 Jahren an; seit dieser Zeit hat auch Herr Rosenfeld die Ehrenstelle des Vorsteherstellvertreters bekleidet, war hervorragend an der Erbauung der Karlsbader Synagoge, des Kaiser - Franz - Josef- Hospizes tätig und hat insbesondere die Agenden der Flüchtlingsfürsorge geleitet. Herr Josef Hainsfurth bekleidete bisher die Ehrenstelle des Schriftführers der Israelitischen Kultusgemeinde. Herr- Adolf Rosenfeld ist ferner seit mehreren Jahrzehnten Mitglied des Karlsbader Stadtverordnetenkollegiums. — Wie aus Lemberg gemeldet wird, befaßte sich in zwei Sitzungen der unlängst ernannte Kultusbeirat, unter Vorsitz des Regierungskonunisfärs Dr. Emil P a r n a s , mit der Frage des Gesetzentwurfes über die Reichsorganisation der Kultusgemeinden. Nach einem Referate des Dir. F e l d st e i n , dem sich ein zweites Referat des Dir. Ringel anschloß, und nach einer eingehenden Diskussion, in welcher gewissen Befürchtungen und Zweifeln Ausdruck verliehen wurde, entschied sich der Lemberger Kultusvorstand dafür, den Regierungsentwurf des Gesetzes über die Reichsorganisation im Prinzip anzunehmen, jedoch gegen zwei Bestimmungen des Entwurfes entschieden Stellung zu nehmen, und zwar gegen die Zweiteilung Galiziens durch Bildung von zwei Landesverbänden sowie gegen die stiefmütterliche Behandlung der galizischen Judenschaft, welche zirka 900 000 Seelen zählt, in bezug auf die Zahl der Delegierten in der Reichsversammlung und im Oberrat. Der Beschluß wurde — nachdem der erste Referent Dir. Feldstein einige Einwände fallen ließ und dem Kompromißantrag beigetreten ist ~ einstimmig gefaßt. In dieser Angelegenheit soll in allernächster Zeit ein persönlicher Meinungsaustausch zwischen den Vorständen der größeren Kultusgemeinden Galiziens in Krakau stattfinden. Amerika. z. New Nork, im Oktober. Die Paßfrage, die vorübergehend zu einem Handelskonflikt zwischen Rußland und Amerika geführt hat, geht nun, wie hiesige jüdische Zeitungen behaupten, ihrer Lösung entgegen. Einzelheiten sind allerdings nicht bekannt. Soviel aber steht fest, daß Rußland gar keine Neigung hat, die amerikanischen Juden in Rußland von Paßschikanen zu befreien, und daß Amerika den nachgebenden Teil bilden wird. Rußland hat in den letzten vier Jahren alle Hebel in Bewegung gesetzt, Volk und Negierung in Amerika gegen die Juden zu stimmen und mit Hilfe einer bestimmten amerikanischen Sensationspresse der amerikanischen Kaufmannschast tagein, tagaus vor Augen zu führen, welcher Vorteile sie sich durch die Auflösung des Handelsvertrages, aus falscher Rücksicht auf die Juden, begebe, und wie gerechtfertigt überhaupt die russische Judenpolitik sei. Nachdem so der Boden ordentlich vorbereitet war, streckt man jetzt von Petersburg die Fühler aus, um festzustellen, ob die Zeit für den Abschluß eines neuen Handelsvertrages, natürlich unter vollständiger Umgehung der Jndenfrage, gekommen sei. Nach dem jetzigen Stand der Dinge ist in der Tat zu befürchten, daß die ruMschen Vorschläge geneigte Ohren in Amerika finden. Bei der Neuorientierung des Wirtschaftslebens für die kommende Zeit möchte kein Land eine Gelegenheit zur Sicherung seines Welthandels verpassen. Damit rechnet die amerikanische Handelswelt, damit rechnet noch mehr Rußland, und darin liegt die eminente Gefahr für die Juden Amerikas, die heute doppelt auf der Wacht stehen müssen. — Das Uebereinkommen, welches das Subkomitee des Kongreß-Organisierungskomitees mit dem Subkomitee der „Konferenz amerikanisch-jüdischer Organisationen" getroffen hatte, und das vorn Kongreß-Organisierungskomitee den Mitgliedern der Philadelphia-Vorkonferenz zur schriftlichen Abstimmung unterbreitet worden war, ist von diesen in seinen wesentlichen Punkten abgelehnt worden. Damit ist die Einigkeit im amerikanischen Judentum wiederum in Frage gestellt. Die Opposition gegen das Uebereinkommen richtet sich hauptsächlich gegen den Versuch,